Volltextsuche über das Angebot:

19 ° / 14 ° Regenschauer

Navigation:
Novizin unter Veteranen

Cannes Novizin unter Veteranen

Das Filmfestival in Cannes beeindruckt mit großen Namen und hat sogar einen deutschen Beitrag eingeladen

Voriger Artikel
Kunst:Offen lädt wieder in Jazz-Café
Nächster Artikel
Stabil und bequem: Bei Sport-BH auf flache Naht achten

Maren Ade (39), Regisseurin des deutschen Wettbewerbsbeitrags „Toni Erdmann“, in dem Burgschauspieler Peter Simonischek brilliert.

Cannes. Für Selbstironie war das Festival Cannes nie bekannt. Hier wird dem Kino mit religiöser Inbrunst gehuldigt. Jeder Regisseur gilt als Hohepriester, jeder Film wird einer peniblen Exegese wie ein Bibelpsalm unterzogen und wer die Bedeutung der Leinwand-Kunst in digitalen Zeiten hinterfragt, wird als Ketzer gebrandmarkt. Bei der 69. Ausgabe aber hat sich die Leitung etwas Besonderes einfallen lassen: Das offizielle Plakat wird nicht wie üblich von einer Filmikone in Großaufnahme geziert, es zeigt die Rückansicht eines Mannes aus der Distanz.

OZ-Bild

Das Filmfestival in Cannes beeindruckt mit großen Namen und hat sogar einen deutschen Beitrag eingeladen

Zur Bildergalerie

Der Mann steigt eine Treppe vor Meereskulisse empor — beinahe so, wie es die Stars tagaus, tagein bis zur Palmen-Vergabe am 22. Mai unter Blitzlichtdauerfeuer tun werden. Allein zur Eröffnung mit Woody Allens „Café Society“ werden morgen neben dem Regisseur auch Kristen Stewart, Steve Carell und Jesse Eisenberg erwartet — dazu die illustre Jury, mit Regisseur George Miller als ihr Präsident, Kirsten Dunst, Donald Sutherland und Mads Mikkelsen sowie Vanessa Paradis.

Die Treppe auf dem Cannes-Poster aber scheint anders als die reale ins Nichts zu führen. Das Poster zeigt ein Motiv aus Jean-Luc Godards „Die Verachtung“ von 1963. Und wovon erzählt Godard in „Die Verachtung“? Von der Kommerzialisierung des Filmemachens unter besonderer Berücksichtigung Hollywoods. So wird auf dem Poster die Liebe zum Kino dokumentiert wie auch die Ablehnung der Produktionsbedingungen.

Leisten kann sich Cannes so einen feinsinnigen Humor allemal. Die Hollywood-Elite kommt trotzdem. Steven Spielberg hat Roald Dahls Kinderbuch, „BFG — Big Friendly Giant“ mit Rebecca Hall und Mark Rylance verfilmt, Jodie Foster hat den Finanz-Thriller „Money Monster“ mit George Clooney und Julia Roberts im Gepäck. Beide Filme laufen wie der unvermeidliche Eröffnungs-Allen außer Konkurrenz. Im Wettbewerb sind auch Sean Penn, Jim Jarmusch und Jeff Nichols. Ein starker US-Auftritt — vor allem wenn man bedenkt, dass Cannes berüchtigt dafür ist, bevorzugt heimische Werke ins Schaufenster zu stellen. Die nationale Lobby-Organisation UniFrance hat stolz verkündet, dass mehr als die Hälfte der Wettbewerbsfilme ganz oder teilweise mit französischer Beteiligung entstanden sind.

Egal unter welcher Flagge die 21 Filmemacher segeln, eines vereint die meisten: Sie waren schon mal eingeladen in den exklusiven Club an der Côte d‘Azur. Der alte Haudegen Ken Loach nimmt Abschied vom angekündigten Abschied und meldet seinen 16. und garantiert sozialkritischen Cannes-Beitrag. Zu den im Wettbewerb nominierten Routiniers gehören ebenso das belgische Brüderpaar Jean-Pierre und Luc Dardenne, der Spanier Pedro Almodóvar, der Däne Nicolas Winding Refn, Xavier Dolan aus Kanada, der Südkoreaner Park Chan-Wook, der Rumäne Cristian Mungiu und der Iraner Asghar Farhadi — Experte für Paar-Geschichten — , der mit „Nader und Simin — Eine Trennung“ die Berlinale gewann.

Cannes-Novizen gibt es nur drei, und ein Neuling kommt aus Deutschland: Maren Ade, bei der Berlinale 2009 für ihr Beziehungsdrama „Alle anderen“ gepriesen, stellt die Vater-Tochter-Tragikomödie „Toni Erdmann“ vor, in der sich ein Alt-68er (Peter Simonischek) und sein karrierebewusster Nachwuchs (Sandra Hüller) zusammenraufen müssen. Seit Wim Wenders‘ „Palermo Shooting“ vor acht Jahren ist dies der erste deutsche Wettbewerbsbeitrag. Das international so oft verschmähte deutsche Kino bekommt einen Ritterschlag. Endlich haben die Branchenvertreter wieder mal einen echten Grund, beim Deutschen Empfang im Garten der Villa Rothschild anzustoßen.

Schräge Vater-Tochter-Geschichte

2008 war bei den Filmfestspielen von Cannes zuletzt ein deutscher Film im Wettbewerb zu sehen: „Palermo Shooting“ von Wim  Wenders. Gewonnen hat er nichts. Das könnte sich nun ändern: Maren Ade (39) geht mit „Toni Erdmann“ ins Rennen um die Goldene Palme.

Peter Simonischek spielt darin den 65 Jahre alten Musiklehrer Winfried, der mit seinem alten Hund zusammenlebt. Seine Tochter Ines (Sandra Hüller) ist eine Karrierefrau, die um die Welt reist, um Firmen zu optimieren. Sie versucht, sich mit einem Outsourcing-Projekt in Rumänien in einer Männerdomäne zu behaupten. Winfried beschließt, sie zu besuchen. Er überrascht sie in einem grotesken Aufzug und mit Sonnenbrille in dem Bukarester Unternehmen. Ines schleppt ihren Vater mit zu Geschäftsterminen. Da verwandelt sich Winfried mit schiefem Gebiss, schlechtem Anzug und Perücke in Toni Erdmann. Er mischt sich in Ines‘ Arbeit mit der Behauptung ein, der Coach ihres Chefs zu sein, und startet einen Amoklauf aus Scherzen.

Maren Ade war bereits mit ihrem Film „Alle anderen“ erfolgreich, in dem Birgit Minichmayr und Lars Eidinger die Hauptrollen spielen: Auf der Berlinale 2009 erhielt sie den Großen Preis der Jury. Minichmayr gewann den Silbernen Bären als beste Darstellerin.

Von Stefan Stosch

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr zum Artikel
Claudius Dreilich, Toni Krahl und Dieter Hertrampf freuen sich bereits auf ihren Auftritt als Rocklegenden in Rostock — am 3. Juni.

Am 3. Juni treten die Puhdys, City und Karat als Rocklegenden in der Stadthalle auf

Kostenpflichtiger Inhalt mehr
Mehr aus Kultur
Benjamin Barz Ostsee-Zeitung Ostsee-Zeitung Serie, Weltkrieg, erster Weltkrieg, zweiter Weltkrieg Teaser der den User auf die Sonderseiten zum Thema Weltkrieg führen soll image/svg+xml Image Teaser Weltkrieg 2015-09-23 de Serie Erinnerung an Weltkriege Alle Beiträge und Bildergalerien zum Thema sowie Infos zu Ausstellungen und Museen finden Sie auf unseren Sonderseiten. Alle Veranstaltungen und Freizeittipps in Ihrer Nähe finden Sie hier. > Erster Weltkrieg > Zweiter Weltkrieg 1914 bis 1918 1939 bis 1945
Benjamin Barz Ostsee-Zeitung Ostsee-Zeitung Lererbriefe, Meinung, Teaser der den User auf die Seite "Leserbriefe" führen soll image/svg+xml Image Teaser „Leserbriefe“ 2015-09-23 de Meinung Ihre Leserbriefe Über unser Kontaktformular können Sie uns gern Lob, Kritik, Ideen oder andere Anmerkungen zu aktuellen Themen aus Ihrer Region, MV und der Welt zusenden. Wir freuen uns auf Ihre Meinung. Hier geht es zum Formular.