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Kultur Nüchtern und schonungslos
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00:00 22.03.2016

In der Erde steckt ein gefrorener Mensch, ein Soldat, Körper und Beine steil nach oben gereckt. Der Fahrer im vorbeirumpelnden Wagen bleibt ungerührt. Das ist „die Knochenstraße“, teilt er dem mitfahrenden Hauptmann mit. Der Tote dient als Verkehrszeichen. Signalbarken aus Holz würden im harten russischen Winter sofort zu Brennholz gemacht werden. Es herrscht Verrohung an der Front, die Soldaten befinden sich am Rande der Erschöpfung. Es ist strenger Winter. Und Stalingrad lässt sich von der Wehrmacht nicht einnehmen.

Es sind grausame Szenen, die der Autor Heinrich Gerlach in seinem Roman „Durchbruch bei Stalingrad“ beschreibt. Geschrieben wurde der Text ab Herbst 1943 in einem sowjetischen Kriegsgefangenenlager.

Als Erzähler ist Gerlach dicht dran an seinen Figuren und am Geschehen. Das ist „harte Schreibweise“ — nüchtern, genau in der Beobachtung, schonungslos in der Darstellung. Der Text ist eine Wiederentdeckung — ein finsteres Pendant zu Siegfried Lenz' soeben aus dem Nachlass publiziertem Partisanen-Roman „Der Überläufer“.

Heinrich Gerlach (1908-1991) gelingt die detailgenaue Schilderung des Geschehens im Jahr 1943 vor Stalingrad, weil er nicht nur schriftstellerisches Gespür besitzt, sondern den Kessel von Stalingrad vom ersten bis zum letzten Tag als Oberleutnant miterlebt hat. Sein romanhafter Erfahrungsbericht rund um sein Alter Ego, Oberleutnant Breuer, hatte er 1945 in sowjetischer Kriegsgefangenschaft beendet, 1949 wurde der Roman vom russischen Geheimdienst konfisziert. Nach der Rückkehr aus der Gefangenschaft machte Gerlach sich daran, den Roman neu zu schreiben. Unter dem Titel „Die verratene Armee“ erschien die Neufassung 1957. Die nun wiederentdeckte Urfassung ähnelt dem 50er-Jahre-Werk, und doch ist es ein ganz anderer Roman.

Dass er nun gelesen werden kann, ist dem aus Neubrandenburg stammenden und an der Universität Gießen lehrenden Literaturprofessor Carsten Gansel zu verdanken. Die abenteuerliche Geschichte des Manuskripts schildert Gansel (60) im Nachwort, und das ist ein Roman für sich. Denn der Wissenschaftler fand das Urmanuskript in einem Archiv in Moskau. 600 maschinengeschriebene Seiten, mit Korrekturen versehen. Gansel rekonstruiert auf der Grundlage von lange verschlossenen Geheimakten auch die Geschichte um Heinrich Gerlachs Roman. Gerlach war 1943 Gründungsmitglied im Bund Deutscher Offiziere geworden. Gemeinsam suchten hohe Militärs aus der Gefangenschaft heraus, ihren Einfluss auf die Wehrmacht geltend zu machen und den Krieg zu beenden. Das misslang. Nach Kriegsende wurde der Bund Deutscher Offiziere nicht mehr gebraucht, und eine Reihe ihrer Vertreter sollten 1949 als vermeintliche Kriegsverbrecher verurteilt werden. Auch Gerlach drohte dieses Schicksal. Erst als er sich bereit erklärte, für den russischen Geheimdienst zu arbeiten, konnte er 1950 nach Deutschland zurückkehren. Wieder zu Hause lehnte Gerlach eine Zusammenarbeit mit dem russischen Geheimdienst ab. Aus Furcht vor einer Entführung floh er mit seiner Familie nach Brake in Niedersachsen, wo er eine Lehrerstelle antrat.

Gerlachs Bemühen, seinen Roman zurückzubekommen, scheiterten. Er wanderte in die Geheimarchive und blieb unter Verschluss. 70 Jahre lang. Bis Gansel und sein Mitarbeiter das Manuskript aufspürten.

Mit 614 abfotografierten Seiten im Gepäck kehrten sie zurück, und in Gießen begann der komplizierte Prozess der Abschrift dieses Stalingradromans.

Das spannend zu lesende Nachwort erzählt eine weitere Geschichte: Alle Versuche, den Roman neu zu schreiben, scheiterten. Da kam Gerlach auf eine ungewöhnliche Idee: Mit Unterstützung der Illustrierten „Quick“ gewann er den Münchener Arzt und Psychotherapeuten Karl Schmitz, der ihm helfen sollte, den Roman unter Hypnose zu rekonstruieren. 150 Seiten konnte Gerlach auf diesem Weg wiederherstellen. Aber, was wichtiger war: Die Schreibblockade war behoben. Den Rest schrieb er mit wachem Verstand, er recherchierte und schrieb den Roman neu.

Carsten Gansel hatte beide Fassungen verglichen, und er belegt, dass der neuere Text in der Authentizität deutlich hinter dem Original bleibt. „Zu sehr haben sich die 1950er Jahre der Zweitfassung eingeschrieben, Landsersprache ist zurückgenommen, Ortsnamen sind getilgt, das Grauen wird ‚handlicher' gemacht, und über den Erzähler werden Kommentare geliefert, die dem Zeitgeist der 1950er Jahre verpflichtet sind“, so Gansel. Das Buch von 1957 wurde ein Erfolg, nicht aber die Publikationsgeschichte. Denn es folgte ein bizarrer Streit, in dem der Psychiater Schmitz den Schriftsteller Gerlach vor Gericht zerrte: Der Arzt wollte Tantiemen. Carsten Gansel erzählt auf der Grundlage von Archivfunden auch diese Geschichte hinter der Geschichte. Der Streit, der in der Rechtsgeschichte einmalig ist, endete mit einem Vergleich.

Das Buch schließt gemäß der Historie desaströs. Von den 300000 Soldaten und Offizieren der 6. Armee werden 90000 den Weg in die Gefangenschaft gehen. Die Menschenverachtung, Unmenschlichkeit und der Fanatismus der Nazi-Führung kulminieren in einer Verfügung Hitlers: „Die Kämpfer von Stalingrad haben tot zu sein.“

Von Matthias Schümann

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