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„Nur nicht überall das Wort ,es geht nicht‘ aussprechen“

Lübeck „Nur nicht überall das Wort ,es geht nicht‘ aussprechen“

In Mecklenburg ist er aufgewachsen, in Berlin gründete Werner von Siemens einen Weltkonzern. Seine Ururenkelin zeichnet sein Leben nach.

Lübeck. Lübeck. Seine Garage war ein Berliner Hinterhof. Dort entwickelte Werner Siemens (1816-92) 1847 eines der erfolgreichsten Start-ups des 19. Jahrhunderts: Mit seinem Kompagnon Johann Georg Halske und gerade einmal zehn Leuten gründete er die Telegrafen-Bau- Anstalt. Man fertigte Telegrafen, Eisenbahnläutwerke, Drahtisolierungen, Wassermesser und andere Produkte, die damals als Hightech galten. Heute beschäftigt das Unternehmen 351000 Mitarbeiter und setzt 80 Milliarden Euro um.

Netzwerker, Kommunikator, Global Player, Nerd, Selfmademan – all das war Werner von Siemens vor mehr als 150 Jahren, und wer sich als Jungunternehmer teure Berater und Motivationstrainer sparen will, kann sich stattdessen die Lebenserinnerungen dieses Mannes durchlesen. Oder seine Briefe, aus denen der Geist eines Unternehmers mit sozialer Verantwortung spricht: „Mir würde das verdiente Geld wie glühendes Eisen in der Hand brennen, wenn ich den treuen Gehilfen nicht den erwarteten Anteil gäbe.“ Etwa 9000 Briefe umfasst seine Privatkorrespondenz, die seine Ururenkelin Nathalie von Siemens zusammen mit Historikern ausgewertet und daraus eine autobiografische Collage zusammengestellt hat. Die Briefausschnitte werden in die jeweilige Zeit und die Lebensumstände der Familie Siemens (das „von“ erhielt Werner erst 1888) eingeordnet und kommentiert, Fotos ergänzen die Texte.

Mit seinen 13 Geschwistern wächst Werner Siemens im mecklenburgischen Menzendorf auf, das Haus und Familiengrab befinden sich heute noch dort. „Es waren glückliche Jahre, die ich ziemlich frei mit der Dorfjugend aufwachsend erlebte“, schreibt er in seinen „Lebenserinnerungen“. In Schönberg geht er zur Schule, später auf das Katharineum in Lübeck, doch die humanistisch geprägte Anstalt langweilt den an Naturwissenschaften interessierten Werner. Und so verlässt er mit 17 Jahren die Schule und Mecklenburg, „wo es nichts zu denken und erkennen gab“. Er geht – zu Fuß – nach Preußen und beginnt eine Ausbildung an der Berliner Artillerie- und Ingenieurschule. Sein erstes Patent meldet er bereits kurz danach an: die Vergoldung mittels galvanischen Stroms. Er investiert den Erlös sofort wieder.

Das Buch „Der brodelnde Geist“ zeichnet das facettenreiche Bild eines neugierigen, willensstarken Unternehmers, der immer einmal mehr aufstand als er hinfiel. „Nur nicht überall das tötende Wort ,es geht nicht‘ aussprechen“, solch Merksätze finden sich immer wieder in seinen Briefen. Fehlerkultur, Work-Life-Balance, strategisches Denken, Think Big – all diese modernen Schlagworte finden sich, anders ausgedrückt, bei Siemens.

Auch die private Seite des Mannes wird beleuchtet, denn wie heißt es so schön auf Seite 135: Hinter jedem starken Mann steht nicht nur eine starke Frau. Bei Werner von Siemens sind es zwei. Nach dem Tode seiner ersten Frau Mathilde heiratet er noch einmal – seine entfernte Nichte Antonie Siemens. An beide Frauen schreibt er rührende Liebesbriefe. Auszüge daraus beleuchten den Ehemann und Familienmenschen Siemens.

Das Buch ist auch für Kunstbuch-Liebhaber ein Genuss: aufgelockertes Layout, eingelegte Foto- Postkarten, Grafiken und farbige Akzente heben die Lesefreude. Die Edition zielt nicht auf Vollständigkeit, sie soll den Leser einladen, sich von Siemens inspirieren zu lassen. „Denn dieser Unternehmer ist relevant für heute“, schreibt Nathalie von Siemens. „Er war ein brodelnder Geist – wach, voller Ideen und stets auf der Suche nach dem Sinn. Erfindungen waren für ihn kein Selbstzweck, sie hatten nur dann einen Wert, wenn sie Menschen einen Nutzen stifteten.“ Das Buch sollte Pflichtlektüre für Konzernchefs werden.

„Der brodelnde Geist – Werner von Siemens in Briefen“, Murmann Verlag, 200 S., 39,90 €

Petra Haase

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