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Kultur Ödipus und Buddenbrook to go
Nachrichten Kultur Ödipus und Buddenbrook to go
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00:00 30.01.2018
Miichael Sommer stellt wöchentlich ein Werk der Weltliteratur in zehn Minuten mit Hilfe seines Playmobilensembles vor. Quelle: Fotos: Epd

„So ein Scheiß“, flucht König Ödipus. „Ödi!“, mahnt seine Frau Iokaste. Die Figuren aus dem antiken Drama „Antigone“ von Sophokles sprechen im Youtube-Video von Michael Sommer wie normale Menschen von heute. An die 200 literarische Werke hat der Theatermacher und langjährige Dramaturg in den vergangenen drei Jahren mit Hilfe von Playmobil-Figuren verfilmt. Viele Schüler nutzen die Kurzfilme mittlerweile als Informationsquelle. „Die sind lustig und bringen die Geschichten auf den Punkt“, sagt zum Beispiel die 16-jährige Sophie. „Die Sprache in den Originaltexten ist oft so extrem abgehoben, dass sie schwer zu verstehen sind.“

Kiel/Bonn. Immer weniger Schüler der Generation Youtube verstehen offenbar die Sprache literarischer Klassiker. Deshalb inszeniert Michael Sommer Werke der Weltliteratur mit Playmobil-Figuren und dreht kleine Videos, die man dann auf dem PC oder Handy ansehen kann.

„Ich möchte mit meinen Videos einen ersten Eindruck von einer Geschichte geben, der Lust auf mehr macht.Michael Sommer

Filmemacher

Sommer hat mit seinen Filmen über Klassiker wie Goethes „Faust“, Manns „Buddenbrooks“ oder Kafkas „Die Verwandlung“ einen Nerv getroffen. Präsentiert werden sie vom Reclam-Verlag. Besonders beliebte Schullektüre-Verfilmungen wurden schon mehrere hunderttausend Mal aufgerufen. „Theater ist schön. Literatur ist schön. Aber für den Hausgebrauch viel zu lang“, erklärt Sommer auf seinem Youtube-Kanal.

Das sehen offenbar auch viele Schüler so. Immer mehr haben Schwierigkeiten mit älteren literarischen Texten. Beate Kennedy, Bundesvorsitzende im Fachverband Deutsch des Deutschen Germanistenverbandes, stellt fest, dass vielen Jugendlichen heute einfach der nötige Hintergrund fehle. „Die Hälfte meiner Schüler kennt zum Beispiel Grimms Märchen nicht mehr“, sagt Kennedy. Auch biblisches Wissen könne nicht vorausgesetzt werden. „Und viele Wörter, die man vornehmlich in schriftlichen Texten und nicht in der gesprochenen Sprache findet, sind nicht mehr bekannt.“ Die Schulklassen würden immer heterogener. In den vergangenen zehn Jahren seien die Anforderungen an den Deutschunterricht deshalb extrem gestiegen.

Die Deutschlehrerin aus Kiel hat sich auf die veränderte Lage eingestellt: Bevor sie mit den Schülern inhaltlich über Texte von Autoren wie Goethe, Schiller, aber auch Büchner oder Brecht spricht, erarbeitet sie mit ihnen zunächst einmal historischen Hintergrund und Vokabular. Die Verlage bieten dazu schon lange Materialien in kommentierten Klassiker-Ausgaben, die auch einzelne Begriffe erläutern. Und es gibt multimediale Angebote wie „musstewissenDeutsch“ auf Youtube, ein Format des Jugendsenders „funk“ von ARD und ZDF: Lektürehilfen und Informationen zu Epochen jugendgerecht präsentiert. Das Portal Multiskript der Journalistin Beate Herfurth-Uber stellt in Hörbüchern Werke wie „Dantons Tod“ oder „Faust“ vor, Schlüsselszenen stammen aus Theaterinszenierungen, Wissenschaftler und Regisseure liefern in Interviews Einordnung. Ihr Hörbuch über Lessing ist für den Hörbuchpreis 2018 nominiert.

Mit dicken Romanen täten sich heutige Schüler sehr viel schwerer als frühere Generationen, beobachtet auch Klaus Maiwald, Professor für Didaktik der deutschen Sprache und Literatur an der Universität Augsburg. Das liege an der Flut von Informationen, denen Jugendliche durch die neuen Medien ausgesetzt seien, und an der Konkurrenz von Computerspielen und Filmen. Die hätten auf der sinnlichen Ebene einfach viel mehr zu bieten.

Den Untergang der abendländischen Kultur befürchtet Maiwald aber darum nicht: „Die Literatur stirbt nicht, sondern findet neue Wege und Medien.“ Der Roman sei schließlich schon im 20. Jahrhundert durch den Film als Hauptmedium des Erzählens abgelöst worden. Maiwald sieht kein Problem darin, andere Medien als das Buch in den Deutschunterricht zu integrieren. Lehrer könnten auch einmal nur einen Auszug aus einem Werk besprechen und die Verfilmung anschauen.

Für Beate Kennedy bieten Film und neue Medien ebenfalls Chancen für den Deutschunterricht: Sie lässt zum Beispiel Schüler Passagen aus literarischen Werken szenisch umsetzen und filmen.

Simone Ehmig von der Stiftung Lesen ist optimistisch: „Die Nutzung der digitalen Medien geht nicht zulasten des Spaßes am Lesen.“ Das zeigten Studien der vergangenen Jahre. Laut der bundesweiten JIM-Studie des Medienpädagogischen Forschungsverbundes Südwest lasen im vergangenen Jahr 40 Prozent der Jugendlichen zwischen zwölf und 19 Jahren täglich oder mehrmals wöchentlich in ihrer Freizeit Bücher.

Inhaltlich hätten Goethe und Co. ohnehin noch nicht ausgedient, ist Kennedys Erfahrung. Viele Schüler wüssten nach wie vor um den Wert älterer Literatur: „Der Mythos der Klassik ist noch nicht verloren.“ Und Klaus Maiwald glaubt, man könne Jugendliche auch heute noch für ältere Literatur interessieren – wenn man Werke auswähle, in denen es um Grundfragen des menschlichen Seins gehe.

Mehr als der Bedeutungsverlust der Klassiker beschäftigt den Didaktiker ein anderes Phänomen: Viele Jugendliche seien nicht mehr darin geübt, begründet und faktenbasiert zu argumentieren, weil in den sozialen Medien oft nur verkürzt kommuniziert werde.

Online:

mwsommer.de/buddenbrooks

Von Claudia Rometschimmer

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