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Kultur Ohne Kinder werden wir ganz schön alt aussehen
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12:34 24.03.2014

Es stimmt, die Zahl der Single-Haushalte hat insbesondere in den Großstädten dramatisch zugenommen. Auch die Zahl der Einelternfamilien hat deutlich zugenommen, auf heute ca. 19 Prozent. Und die Zahl der Scheidungen nimmt ebenfalls kontinuierlich zu. Eine Folge davon, dass Ehen nicht mehr Zweckgemeinschaften sind, sondern auf Liebe basieren. In Folge dessen gibt es mehr Patchworkfamilien: Meine Kinder, deine Kinder, unsere Kinder.

Also ist die Familie ein Auslaufmodell? Nein, so ist es nicht. Es stimmt eben auch, dass mehr als drei Viertel aller Kinder in einer ganz herkömmlichen Familie aufwachsen, leiblicher Vater, leibliche Mutter und Geschwister. Auch für Kinder heute ist Familie wichtig. Eltern sind die wichtigsten Bezugspersonen.

Familie ist nicht nur kein Auslaufmodell, sondern sie genießt heute mehr Wertschätzung als je zuvor. Über 90 Prozent halten Familie für wichtig bis sehr wichtig. Junge Leute bis zum 25. Lebensjahr wollen zu 80 Prozent einmal selbst Familie haben, wollen Kinder mit der Betonung auf der Mehrzahl. Dieser Wunsch steht gleichberechtigt neben dem Wunsch nach einem erfüllten Berufsleben.

Keine andere Institution hat in den letzten zwanzig Jahren so an Zustimmung gewonnen wie die Familie. Dies ist auch nicht verwunderlich, denn in Zeiten ungeheurer Veränderung unter den Stichpunkten Globalisierung und Individualisierung und häufig auch Entsolidarisierung wächst das Bedürfnis nach Stabilität, Verlässlichkeit und Geborgenheit, nach Werten, die mit Familie verbunden werden.

Familienpolitik hat aber auch aus einem anderen Grund Konjunktur: Es fehlen der Wirtschaft trotz hoher Arbeitslosigkeit gut ausgebildete Fachkräfte. Dabei möchte die am besten ausgebildete Frauengeneration, die es jemals gab, erwerbstätig sein. Doch sie kann es, soweit Kinder vorhanden sind, in West-Deutschland nur sehr eingeschränkt sein. Die Konsequenz daraus heißt für viele gut ausgebildete Frauen, Kinderwünsche immer weiter zu verschieben bis sie nicht mehr realisierbar sind. Derzeit sind 41 Prozent der Akademikerinnen kinderlos, dreißig Prozent aller Frauen des Geburtsjahrgangs 1965. In Skandinavien und Frankreich liegt dieser Prozentsatz unter 10 Prozent. Und last but not least ist die sich seit drei Jahrzehnten anbahnende Bevölkerungsstruktur ein wichtiger Grund, heute wenigstens für die fernere Zukunft umzusteuern. Wir, die heute Mittelalten, werden nicht von Aktiendepots und Sparstrümpfen gepflegt werden können, sondern dazu brauchen wir real existierende Menschen. Ohne Kinder heute werden wir später ganz schön alt aussehen. Mit alledem ist Familienpolitik zu dem zentralen gesellschaftspolitischen und zu einem wichtigen ökonomischen und bildungspolitischen Thema geworden. Was muss sich ändern?

Wir müssen bei den Betreuungseinrichtungen in Westdeutschland endlich an den europäischen Standard anschließen. Wir brauchen mehr Krippen, Ganztags-Kindergärten und Ganztagsschulen alles im übrigen Europa eine Selbstverständlichkeit.

Wir brauchen eine familienfreundliche Arbeitswelt, denn Kinder brauchen Zeit mit ihren Eltern. Und Eltern wollen Zeit mit ihren Kindern. Also muss und wird Familienpolitik Thema im Bündnis für Arbeit werden mit den Zielen: mehr Teilzeitbeschäftigung; stärkere Motivation von Männern, ihre Vaterrolle auch zu praktizieren; Anerkennung von Familienkompetenzen im Beruf; Karrieremöglichkeiten jenseits des 40. Lebensjahres und keine negative Bewertung von Teilzeitbeschäftigung und Inanspruchnahme von Elternzeit beim beruflichen Erfolg, weder bei Müttern noch bei Vätern.

Wir brauchen einen Mentalitätswechsel zu einer kinder- und familienfreundlichen Gesellschaft. Ich plädiere dafür, dass alle Gesetze und Maßnahmen auf ihre Kinder- und Familienfreundlichkeit hin überprüft werden.

DeutschlandRadio sendet diesen Essay am Sonntag, den 19. Mai um 12.10 Uhr auf UKW 95,3 (Westmecklenburg), 96,7 (Raum Rostock) bzw. 101,4 (Vorpommern).



OZ

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