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Ost-Punk und Gegenkultur

Dresden/Berlin Ost-Punk und Gegenkultur

Bohème in der DDR / Kultureller Widerstand und Protest als Lebenseinstellung im Sozialismus / Gleich zwei Bücher befassen sich mit diesen Strömungen im Osten

Dresden/Berlin. . 68er im Osten? Performancekunst im Sozialismus? Punker unter Hammer, Zirkel, Ehrenkranz? Bohème in der DDR? Ja, gab es alles. Eine Protestschicht nicht nur als politische Bewegung, sondern als sozialgeschichtliche Kategorie, die in 40 Jahren Staatssozialismus Zeitläuften unterworfen war. So lässt sich die Ostberliner Bohème der 50er Jahre, die in Künstlerkreisen, vor allem aber am Theater unterwegs war, kaum noch mit der Bohème der 80er vergleichen, die nihilistisch verortet die gesamte Republik erfasste.

Der Begriff Bohème wird gern verwechselt mit einer gesellschaftlichen Laissez-faire-Haltung. Geschwungene Schals, große Hüte, Künstler und Studenten, die parlierend in Cafés herumhängen und Kategorien wie Beruf, Karriere, Familie, Geld verachten – ob in Berlin, Paris, London, Wien, New York mit Protagonisten von Heine über Wedekind, Toulouse-Lautrec, Wilde, von Horváth, Bukowski, Burroughs bis Freddy Mercury. Eigentlich aber ist Bohème die Abkehr von gesellschaftlichen Normen.

Interessant ist, dass jetzt gleich mehrere Bücher zum Thema „Bohème in der DDR“ herauskommen. Jutta Voigt (75) macht in „Stierblutjahre. Die Boheme des Ostens“ eine Zeitreise in die 50er Jahre und lässt die Ostberliner Bohème aus Schauspiel- und Literatenkreisen von Brecht, Müller, Hacks, Wawerzinek bis Berlau, Krug, Thalbach und Schlesinger wieder aufleben. Die Autorin des „Sonntag“erzählt die Geschichte der Bohème von den 50ern mit Aufbruchpathos und rebellischem Elitebewusstsein, den 70ern mit reformerischen Ansätzen bis zu den destruktiven 80ern. Für sie auch eine Hommage an ihren Mann Peter Voigt (1933-2015), dem letzten Schüler Brechts, der 1993 den Film „Dämmerung – Die Bohème der 50er Jahre“ gedreht hat. Heute Abend stellt Jutta Voigt in einer Lesung des Literaturhauses Rostock in der Universitätsbuchhandlung Hugendubel in Rostock ihr Buch vor. Ulrika Rinke vom Literaturhaus sagt: „Es ist ein sehr literarisches Buch, obwohl es ein Sachbuch ist, das zeigt, dass es in der DDR eine Vielfalt gab, die man dem Land auf den ersten Blick gar nicht zugetraut hat.“

Der zweite Band stammt von dem Kulturwissenschaftler Paul Kaiser (55) aus Dresden. Kaiser geht in „Boheme in der DDR. Kunst und Gegenkultur im Staatssozialismus“ einen Schritt weiter. In 14 Kapiteln erzählt er die Entwicklung der Bohème als Gegenkultur bis hin zur Zersetzung. Hier bekommen die aggressiven, destruktiven, existenziellen Strömungen ebenso ihren Part wie die Melancholie, die von den DDR-Oberen noch mehr gefürchtet wurde. Bohème im Osten war eine Geisteshaltung gegen das Mitmachertum in der DDR, während im Westen alle paar Jahre neue Strömungen gegen die Reihenendhausspießigkeit der Elterngeneration aufbrach – Beat, 68er, Hippies, Disco, Punk, Body-Art usw. So gelang, so Kaiser, der Bohème im Osten über Jahre eine Art Stadt-DNA zu entwickeln, da alles viel langsamer ablief.

Bei Kaiser spielen die „gegenkulturellen Fluchträume“ in den Ateliers der Künstler, die in der DDR eine gesellschaftliche Sonderrolle inne hatten, als Sammelbecken für Bohèmians, eine ebenso große Rolle wie die Punkbewegung. Kaiser sagt: „In der DDR ist so eine Art künstlerische Punkkultur entstanden.“

Das Programm der DDR-Künstler, das sich im Nordosten an der klassischen Moderne und Paris als Sehnsuchtsmetapher orientierte, spannte sich bis zu den aggressiv-existenziellen Performances eines Holger Stark (56) aus Rostock, der in Klein Warin nahe Schwerin lebt. Kaiser: „Bohème war auch immer Schmelztiegel für gesellschaftliche Umwandlungen und Umbrüche.“ Der Dresdener Wissenschaftler hat nach dem Studium für den „Sonntag“ geschrieben. 1989 war das. Kaiser: „Da habe ich Jutta Voigt erleben dürfen. Eine wunderbare Feuilletonistin der alten Schule. Sie beschreibt hervorragend die hedonistische Seite einer staatsprivilegierten Künstlerschicht.“

Michael Meyer

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