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„Panikherz“: Neues von Stuckrad-Barre

Hamburg „Panikherz“: Neues von Stuckrad-Barre

Benjamin von Stuckrad-Barre schaut zurück auf sein Leben. Sein neuer Roman bewegt sich zwischen Therapiestunde und Kulturbetriebsporträt - und zeigt eine Genusssucht im Büßerhemd.

Hamburg. Das Debatten-Buch sollte seinerzeit als Manifest gelten: „Tristesse Royale“, anti-ironischer Dandy-Hedonismus als Gegenentwurf zum Kulturbetrieb um die Jahrtausendwende.

„Sie hatten ein Programm. Wir haben keines, hoffe ich“, poltert Benjamin von Stuckrad-Barre, als er 1999 mit vier seiner Kollegen aus einem Kaminzimmer im Berliner Adlon heraus die deutsche Gesellschaft zu analysieren versucht. 24 Jahre, Jungautor, Journalist, Oberindianer des deutschen Popliteraten-Stamms. Sein damaliges Dogma: die Leere.

Mehr als anderthalb Jahrzehnte später erscheint nun „Panikherz“. Mittlerweile 41, Schriftsteller, Medienmensch, verblasst ist das System Popliteratur. Mager sieht er aus, auch nach zehn drogenfreien Jahren. Hinter dem ganzen Schein, zeigt sich, herrscht tatsächliche Leere. Die knapp 600 Seiten sind kein Manifest, sie sind ein Abarbeiten am frühen Ruhm und dem selbst auferlegten Erfolgsdruck.

Stuckrad-Barres Erzählstil ist von jeher biografisch angelegt. „Ich kann nicht Fiction schreiben“, verrät er kürzlich dem „Spiegel“. Daher habe er früh angefangen zu berichten, was mit ihm ist. Schon den namenlosen Ich-Erzähler seines Debüts „Soloalbum“ (1998) stellten sich viele mit Stuckrad-Barre-Gesicht vor - die Grenze zwischen Schriftsteller und Hauptfigur stets verschwommen. Beispiel Oasis: Der Autor liebte die Britpopper, der Erzähler genauso.

In „Panikherz“ zeigt sich nun die Ironie der Geschichte: Seine erste Kokslinie bereitete Stuckrad-Barre auf einer Oasis-Platte vor, „deren Hülle ein angemessener Altar für diese Premiere gewesen war“, schreibt er. 2004 wird sein jahrelanger Konsum öffentlich, dazu seine Magersucht, Drogenkliniken, Depressionen, Psychiatrien. Schreiben war nicht einfach. Mit „Panikherz“ will er von hinten her aufrollen.

In einem Hotel in Hollywood entsteht der Roman. Ein Rückzugsort am Sunset Boulevard. „Mich gab es gar nicht mehr, da war alles Buch“, sagt Stuckrad-Barre. Zwischendurch wohnt er auch immer wieder im Atlantic an der Hamburger Binnenalster. Einzelzimmer statt Wohnung. So wie Udo. Atlantic-Dauergast Udo Lindenberg.

Der selbst ernannte Panikrocker ist zentral in Stuckrad-Barres Roman. Das zeigt schon der Titel. In „Panikherz“ trifft Superheld Udo auf Superfan Benjamin. Dabei beginnt eigentlich alles zunächst mit einer Witzfigur: Ende der 1980er Jahre, als der Pastorensohn seine erste Kassette bekommt, war Lindenberg ein Scherenschnitt seiner selbst: „Hut, Haare, Lippe“, schreibt Stuckrad-Barre, „müde, alt, besoffen“.

Doch auch der Popliterat wird später selbst zur Schablone. Harald Schmidt, für den Stuckrad-Barre eine Zeit lang Gags schrieb, sagte einmal zu ihm: „Musst nur aufpassen, jetzt bist du natürlich besetzt, jung, frech, kennt sich medienmäßig aus. Das ist dann so 'ne Rolle, ne.“ Und die Rolle wird zur Zwangsjacke.

Anfang der Nullerjahre lernt Stuckrad-Barre Lindenberg persönlich kennen. „Blackbox“, „Deutsches Theater“, „Festwertspeicher der Kontrollgesellschaft. Remix 2“ - so hießen damals seine Bücher. Es war eine Zeit, in der er nachts manchmal bei Udo anrief. „Was machst'n immer so, Stuckiman?“, habe Lindenberg dann gefragt. Die Antwort wäre gewesen: Bett, CD-Player, Klo, Computer, Bücherregal, Kühlschrank und das Ganze wieder von vorn. Es klingt verloren.

Lindenberg nimmt Stuckrad-Barre unter seine Fittiche. „Wo war ich nur so lange gewesen“, heißt es in „Panikherz“, „war doch hier mein geistiges Zuhause. Hamburg, Atlantic, Udo.“ Der Roman zeigt: Überschwänglichem Hedonismus folgt einfacher Ich-Zentrismus. Es gibt nur Stuckrad-Barre und seine Götter: Lindenberg, Schmidt, Bret Easton Ellis. Doch bei allen Popkultur-Verweisen klingt er wie ein Büßer, der den Grund seiner Sucht aufspüren will. Der „Spiegel“ nennt „Panikherz“ einen „Roman über einen fallenden Helden unserer Zeit“.

Da geht es Stuckrad-Barre ein bisschen wie Oasis. Die Band gibt es nicht mehr und auch nicht ihre größenwahnsinnige Arroganz. In Los Angeles besuchte er ein Konzert von Oasis-Mastermind Noel Gallagher. Der Saal „bestuhlt, auch das noch“, schreibt Stuckrad-Barre, „früher war irgendwie mehr Lametta“. Das stimmt wohl für beide. Sowieso: früher. Viel hängt in „Panikherz“ an diesem kleinen Wort.

In „Tristesse Royale“ hat Stuckrad-Barre 1999 verkündet, die Unmöglichkeit des Tabubruchs münde in einer Freiheit, „die die Menschen zu vollkommenen wirren Sklaven macht“. Hat er damals gewusst, dass er es selbst erleben würde? „Panikherz“ scheint sein Weg zu sein, die Geister der Vergangenheit zu vertreiben.

Benjamin von Stuckrad-Barre: „Panikherz“. Kiepenheuer & Witsch, 576 S., 22,99 Euro, ISBN: 978-3-462-04885-8

dpa

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