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Kultur Paradoxe Wiederholung der DDR im Kleinformat
Nachrichten Kultur Paradoxe Wiederholung der DDR im Kleinformat
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00:05 04.10.2016

Neuer Chef, neue Akzente: Das Schauspiel des Theaters Vorpommern hat am Wochenende seine neue Saison eröffnet. Am Sonnabend begrüßte das Publikum im Großen Haus mit stürmischem Applaus den Einstand von Schauspieldirektor Reinhard Göber mit seiner erstaunlich gegenwärtigen Inszenierung von Goethes „Faust. Ein Fragment“. Kam dieser spannend erzählte „Faust“ ganz ohne Metaphysik aus, so schickte am Vorabend im Rubenowsaal eine als tiefsinnige poetische Performance angelegte Bühnenversion zu Lutz Seilers Kultroman „Kruso“ (Deutscher Buchpreis 2014) eine geballte Ladung Philosophie über unsere jüngste Vergangenheit voraus. Der Autor des Buches, das in der Region gern als „Hiddensee-Roman“ eingeordnet wird, schien angetan wie die Zuschauer und nahm deren herzlichen Applaus mit den Akteuren entgegen, wollte aber keine Wertung abgeben: „Das mache ich nie“, sagte Seiler. „Ich bin eher neugierig, was daraus wird.“ Seit der ersten Aufführung vor einem Jahr in Magdeburg sei dies ja mittlerweile die fünfte Theaterfassung.

Regisseur Hannes Hametner und Chefdramaturg Sascha Löschner haben ihre eigene Version mit nur vier Schauspielern uraufgeführt, mit Manfred Ohnoutka, Ronny Winter, Jan Bernhardt und Sarah Bonitz. Auf einem Rechteck aus Laufstegen/Tischen mit einem wie ein verrottetes Wrack im Hintergrund schräg stehenden Gerüst (Bühnenbild Giovanni de Paulis) ließen sie groß spielen. Das Ergebnis ist umstritten, was bei diesem wegen seiner Komplexität weder „richtig“ dramatisierbaren noch verfilmbaren Roman logisch ist. „Unmöglich“ oder gar „unerträglich“ hörte ich von Theaterleuten, denen die Sache zu unkonkret oder kopflastig vorkam. „Wer den Roman nicht kennt, kann mit der Aufführung wenig anfangen, und wer ihn kennt, denkt danach, er hätte ein anderes Buch gelesen.“

Mag sein, dass die Orientierung auf den poetisch-philosophischen Kern des Buches denen, die Seilers Meisterwerk nicht gelesen haben, Rätsel aufgibt. Doch das Spiel fordert in seiner oft surreal wirkenden Zwischenwelt aus Realität, Traum, Poesie und Philosophie vielfach heraus – bis zur „Nötigung“, den Roman nun endlich selbst zu lesen. Und die Konzentration auf die Beziehung der beiden Hauptakteure Alexander Krusowitsch, genannt Kruso (Manfred Ohnoutka), und Edgar Bendler, genannt Ed (Ronny Winter), liefert Gerüst genug, um dem Geschehen folgen zu können.

Immer noch ist im Stück die Komplexität zu erleben, dass die Robinsonade auf Hiddensee ein doppelt gespiegeltes Endspiel ist: Während 1989 die ganze DDR untergeht, erlebt Kruso, der Sohn eines russischen Generals, wie die von ihm auf Hiddensee organisierte Gegenwelt zur DDR, die mit Krusos strenger (Kommando-)Ordnung im Namen der Freiheit eine paradoxe Wiederholung der DDR im Kleinformat ist, ebenfalls untergeht. Mitten im Gewimmel all der Touristen, Saisonkräfte und vor allem der Flüchtlinge, die nach Hiddensee kamen, um dem Festland zu entkommen und nicht selten von dort die Weiterflucht Richtung Dänemark zu versuchen, ist Kruso der einsame Robinson, der an seinem philosophischen Ideal von der großen Freiheit festhält. Am Ende schleudert er sie mit großem Pathos, als seien dies Fausts letzte Worte, den „Trugbildern der Freiheit“ entgegen -- wahr und falsch zugleich. Sein Irrtum ist offensichtlich, denn der Tod ist von Anfang an mit auf der Bühne: Die Aufführung begann mit den vielen namenlosen Leichen, die an Dänemarks Küste angespült wurden und denen Seiler in seinem Roman-Epilog ein Denkmal setzte.

Dietrich Pätzold

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