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Kultur Philoktet zieht den Stecker
Nachrichten Kultur Philoktet zieht den Stecker
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00:02 04.10.2017
Rostock

Ein Mann dreht seine Runden. Er trägt schwarze Funktionskleidung, er ist durchtrainiert, dennoch steht ihm der Schweiß auf der Stirn. Das Brummen im Hintergrund wird laut und zwingt den Mann, sich auf den Boden zu werfen.

Eigentlich ist Philoktet ein Versehrter. Odysseus hat ihn auf der Insel Lemnos zurückgelassen, weil er das Geschrei des Kriegers über den schmerzenden Fuß nicht mehr ertrug. Auf der Bühne des Rostocker Volkstheaters, wo Heiner Müllers Version des Sophokles-Dramas seit dem Wochenende auf dem Spielplan steht, ist der Krieger aber fit wie ein Turnschuh. Die Qualen, die er erleidet, kommen von innen. Regisseurin Fabiola Kuonen hat das ohnehin schon spärliche Personal von Müller ausgedünnt und das Werk zu einem Ein-Personen-Stück gemacht. Cyril Hilfiker als Philoktet spielt mit sich allein. Und das im wahrsten Sinne des Wortes: Neoptolemos und Odysseus, die kommen, um dem Krieger seinen magischen Bogen abzujagen und ihn strategisch für ihre Zwecke im Kampf um Troja einzusetzen, erscheinen als Projektionen auf einer Leinwand – gespielt von Hilfiker. Die Dialoge zwischen den dreien sind ein technisches Wechselspiel, Philoktet spricht mit sich selber. Der magische Bogen wird zur Fernbedienung, die Philoktet vor der Leinwand ablegt, worauf sie Neoptolemos auf der Leinwand an sich nimmt und damit herumzuspielen beginnt.

Müllers im Kammerspiel aufgerissene gesellschaftliche Verwicklungen zur narzisstischen Selbstbefragung zu reduzieren, erscheint originell genauso wie eindimensional. „In uns werden wir selbst als Gegenspieler immer stärker“, heißt es im Programmheft. Angesichts der massiven politischen Verwerfungen, die weltweit zu beobachten sind, erscheint dieser Ansatz fast schon eskapistisch. Auch der in Rostock gewaltsam herbeigeführte Schluss wirkt bemüht aufklärerisch: Philoktet stürzt ans Regiepult, schaltet den Soundtrack und die Projektionen aus, zieht gewissermaßen den Stecker, und verlässt mit dem Satz „Ich war Philoktet!“ den Raum. Dieses brachial-utopische Ende kann eigentlich nur ironisch verstanden werden, realistisch ist es nicht.

So bleibt ein kurzes, sehr intensives und auch fürs Publikum schweißtreibendes Erlebnis eines Darstellers, der gegen sich und die Technik kämpft. Als Psychogramm ist das gelungen.

Nächste Vorstellung: 7. Oktober, 20 Uhr, Ateliertheater Rostock

Matthias Schã¼mann

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