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Pissbecken und Weltgeschichte

Schwerin Pissbecken und Weltgeschichte

Zum 100. „Geburtstag“ des Kunstwerks „Fountain“ von Duchamp kam Ai Weiwei nach Schwerin. Thema: Konzeptkunst damals und heute

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Tragbares Künstlermuseum: Die Schachtel im Koffer (Objektcollage von 1941 / 1966), Pappschachtel mit div. Gegenständen, Miniaturrepliken und Farbreproduktionen der Werke Duchamps FOTOS (2): STAATLICHES MUSEUM SCHWERIN

Schwerin. Die Schlusspointe war hübsch. Nach anderthalbstündigem Podiumsgespräch mit dem Künstler Ai Weiwei (59) im Staatlichen Museum Schwerin stellte eine junge Besucherin am Donnerstagabend die entscheidende Frage: Wenn er, Ai Weiwei, sage, dass Kunst alles das sei, was der wahre Künstler schaffe, auch dann, wenn er mal gar nichts mache – „Wie definiert man dann Ihrer Meinung nach den Künstler?“ Worauf der weltgewandte Chinese sprach, dass ein Künstler eine solche Frage nie beantworten werde. „Wie also sollte ich das jetzt sagen können?“

OZ-Bild

Zum 100. „Geburtstag“ des Kunstwerks „Fountain“ von Duchamp kam Ai Weiwei nach Schwerin. Thema: Konzeptkunst damals und heute

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Zum Glück hatte der als Bildhauer, Kurator, Filmemacher und vor allem Konzeptkünstler und Dissident berühmt gewordene Chinese zuvor den 230 Besuchern im ausverkauften Oudry-Saal des Schweriner Museums facettenreich erläutert, wie er selbst sich als Künstler definiert – und dabei die prägende Rolle des Altmeisters Marcel Duchamp (1887-1968) hervorgehoben. Dessen Werken war er als junger Mann begegnet, als er zwölf Jahre (1981 - 1993) in den USA leben und arbeiten konnte. Und so geschehe nun das Sonderbare, sagte Ai Weiwei, der seit 2015 als Einstein-Gastprofessor an der Universität der Künste in Berlin lehrt: „dass jemand, der zur Zeit der chinesischen Kulturrevolution aufgewachsen ist, heute zu Ihnen in Deutschland über Duchamp spricht“. Von Duchamp, dem Dadaisten und Mitbegründer der Konzeptkunst, habe er gelernt, dass Kunst nicht auf die Malerei, nicht mal aufs Visuelle beschränkt sei. Sondern dass Kunst eine Grundhaltung im Leben sei, zu der viel Poesie und Fantasie gehören. Als Konsequenz seines Konzeptkunst-Begriffs hob Ai Weiwei hervor, dass ständig alle Gewohnheiten zu hinterfragen und stets neue Definitionen zu (ver)suchen seien, um ein sich erneuerndes Begreifen von Gesellschaft zu ermöglichen.

Anlass des Schweriner Gesprächs in der Rendezvous-Reihe des Museums war die Begründung dieser neuen künstlerischen Bewegung vor fast genau 100 Jahren. Im April 1917 nämlich hatte Marcel Duchamp, damals knapp 30 Jahre junger Künstler, ein handelsübliches Urinal (Pissbecken) mit der Signatur „R. Mutt“ zur ersten Ausstellung der neuen New Yorker Gesellschaft Unabhängiger Künstler eingesandt.

Niemand kannte diesen „R. Mutt“, Duchamp, selbst Gründungsmitglied der Gesellschaft und einer der Direktoren, blieb inkognito, und das Berühmteste an dieser ersten Schau ist bis heute der Umstand, dass sein Urinal mit dem Titel „Fountain“ nach heftiger Debatte nicht ausgestellt wurde.

Solche „Ready-mades“ (Fertig Gemachtes) hatte Duchamp schon früher ausgestellt, doch diese zum Skandal hochgepushte Aktion mit Auswirkungen bis heute – die zwischen ehrfürchtig staunenden Verehrungsgesten voyeuristisch Skandal-Lust und Gemecker der Art „Sowas hängt bei uns im Klo“ schwanken – gilt nun als Gründungsakt moderner Konzeptkunst.

Im Schweriner Museum, das einige Werke von Duchamp im Bestand hat (und demnächst als Leihgabe nach Peking senden wird), fügte Ai Weiwei dem noch immer blühenden Konzeptrummel um „Fountain“ sehr ernste Bedeutungskomponenten hinzu: Sein Vater (der chinesische Maler, Dichter und Regimekritiker Ai Qing) musste zur Zeit der Kulturrevolution tagein tagaus Toiletten putzen. Aber Urinale gab es damals nicht: „Chinesischen Toiletten waren komplett keramikfrei.“ Daran musste er denken, als er das konzeptionelle Spiel von Duchamps kennenlernte. Noch als er, Ai Weiwei, in Peking studierte, sei Kunst als Werkzeug der Propaganda verstanden worden, und er selbst gehörte zu den Pionieren einer neuen Avantgarde, die sich in der Künstlergruppe Stars Group gegen die staatliche Gängelung auflehnte – mit Ausstellungen nicht im Museum, sondern am Zaun davor.

Übrigens auch den Satz Duchamps, dass der Künstler von morgen im Untergrund sein werde, lebt Ai Weiwei konsequent: Sein Atelier liege unterhalb der Straße, teilte er mit. Und dass er es im politischen Sinne lebt, wofür ihn chinesische Behörden immer wieder bedroht und bedrängt haben, das weiß man ohnehin.

100 Jahre „Fountain“ von Duchamp

Marcel Duchamp (1887 – 1968), ging als Mitbegründer und Wegbereiter der Konzeptkunst sowie des Dadaismus und Surrealismus in die Geschichte ein. Mit „Ready-mades“, deren Zurschaustellungen künstlerische Aktionen mit vielschichtigen Bedeutungen sind, änderte er den Kunstbegriff grundlegend. Berühmtestes Beispiel war „Fountain“: Im April 1917 hatte Duchamp ein handelsübliches Urinal mit der Signatur „R. Mutt“ versehen und für eine Ausstellung der New Yorker Society of Independent Artists eingereicht. Es wurde nicht ausgestellt (später in einer Galerie gezeigt); die Nicht-Ausstellung wurde zum Skandal hochgepusht. Das „Original“ ist heute verloren, in Museen sind baugleiche Duplikate mit D. Signatur zu sehen.

Dietrich Pätzold

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