Menü
Ostsee Zeitung | Ihre Zeitung aus Mecklenburg-Vorpommern
Anmelden
Kultur Polar- und Meeresforscherin Antje Boetius: „Wir müssen jetzt handeln“
Nachrichten Kultur Polar- und Meeresforscherin Antje Boetius: „Wir müssen jetzt handeln“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
11:18 15.03.2019
Antje Boetius, Direktorin des Bremerhavener Alfred-Wegener-Instituts für Polar- und Meeresforschung, während einer Expedition mit dem „FS Polarstern“ an der Neumayer-Station III in der Antarktis 2019. Quelle: Esther Horvath
Zingst

 Antje Boetius, Direktorin des Bremerhavener Alfred-Wegener-Instituts für Polar- und Meeresforschung, ist diesjährige Schirmherrin der „Horizonte Zingst“, wo sie ihre Forschungsergebnisse zum Klimawandel vorstellt. Vorab sprach sie mit der OSTSEE ZEITUNG über den Wunsch, Entdecker zu werden, ihre Expeditionen und den Zustand der Meere.

Ihr Großvater Eduard Boetius war Kapitän und einer der Überlebenden der Hindenburg-Katastrophe. Das Abenteuer liegt bei Ihnen also quasi in der Familie?

Mein Großvater hat schon eine Rolle bei meinem Berufswunsch gespielt, weil er mir in meiner Kindheit oft vom Leben auf dem Meer erzählt hat. Das hat mich fasziniert. Dazu kam, dass ich viele Abenteuerbücher von Jules Verne oder Stevenson’s Schatzinsel gelesen habe. Die Beschreibungen von den Begegnungen Kapitän Nemos und der Nautilus mit fremden Landschaften und die Idee, dass unter dem Meer eine Vielfalt von unentdeckten Landschaften liegt, das waren Bilder in meinem Kopf.

Drei Jahre begleitete die Fotografin die Arbeit der Wissenschaftler des Alfred-Wegener-Instituts für Polar- und Meeresforschung im westlichen Arktischen Ozean.

Sie haben Biologie in Hamburg und Biologische Ozeanografie in San Diego studiert und waren schon während des Studiums auf diversen Forschungsschiffen unterwegs.

Ja, das war großes Glück. Ich wollte frühzeitig ausprobieren, ob mein Traum wirklich meine Berufung ist. Zufällig war gerade ein Platz bei einer Forschungsexpedition frei geworden und so fuhr ich im Herbst auf meine erste Nordsee-Reise. Mir war so übel, ich habe wechselweise die Fische gefüttert und gearbeitet. Aber ich dachte, das ist meine Chance und wollte nicht aufgeben. Danach habe ich nicht nur Angebote für große Expeditionen bekommen, ich wusste auch, dass dies mein Beruf wird. Später kam das Tiefseetauchen dazu. Letztlich war alles eine Steigerung dessen, was ich mir als Kind ausgemalt hatte.

Inzwischen haben Sie ihre 50. meeresbiologische Erkundungsexpedition hinter sich, waren Leiterin vieler internationaler Forschungsreisen. In Zingst stellen Sie am 26. Mai Ihre Forschungsergebnisse zum Klimawandel und zum Zustand der Meere vor. In welchem Zustand sind denn unsere Meere?

Die Zeit ist abgelaufen, wir müssen jetzt handeln. Wenn wir mit den CO2-Emissionen so weitermachen wie bisher, müssen wir davon ausgehen, dass wir in wenigen Jahrzehnten die Korallenriffe weltweit verloren haben. Die schnelle Erwärmung der Meere, die Versauerung, Übernutzung und die Verschmutzung gefährden viele Lebensräume, im Meer wie auch an Land. Auch der Rückgang des Meereises ist ein Phänomen, das die schon erheblichen Auswirkungen des Klimawandels anzeigt – von der Meeresoberfläche bis in die Tiefsee.

Was erforschen Sie in der Tiefsee?

Viele Jahre habe ich am Thema Methan im Meer geforscht. Es entsteht sehr viel Methan am Meeresboden, das zum Glück kaum in die Atmosphäre gelangt. Unsere Forschung zeigt auf, welche Mikroorganismen das Methan und andere Kohlenwasserstoffe im Meer verzehren, bevor sie an die Atmosphäre gelangen. Ich forsche auch schon lange an der Frage, was die ökologische Konsequenz des Tiefseebergbaus ist. Das heißt, was passiert mit dem Leben am Meeresboden, wenn wir Metalle aus der Tiefsee holen. Und wir haben in der Arktisforschung ein großes Forschungsprogramm zur Beobachtung der Auswirkungen des Klimawandels auf die Tiefsee.

Und, hat sich die Tiefsee durch den Klimawandel verändert?

Ja, wir konnten auf vielfältige Weise nachweisen, dass das, was an der Oberfläche stattfindet, zeitgleich auch Auswirkungen auf das Leben in der Tiefsee hat. Langfristig bedeutet dies, dass wir Menschen einen Lebensraum verändern, den wir gar nicht kennen. Das heißt, wir wissen nicht, welche Ressourcen wir möglicherweise zerstören und was diese Ressourcen für künftige Generationen bedeuten könnten.

Stichwort Plastikmüll im Meer?

Das ist ebenfalls ein großes Thema, das bei uns am Institut untersucht wird. Mit traurigen Funden: Wo das Meereis zurückgeht, ist kurze Zeit später der Müll am Boden zu finden. Und nicht nur das, auch die kleinsten Partikel verteilen sich weltweit über das Meer und die Luft mit noch unbekannten Konsequenzen.

Ist das Umweltfotofestival „Horizonte Zingst“ eine Möglichkeit, die Leute aufzurütteln?

Ja. Fotografie und Dokumentarfilm sind wesentliche Elemente des Verständnisses für die Schönheit der Natur aber auch ihre Veränderung. Sie geben den Menschen die Möglichkeit, in Landschaften einzutauchen und sich mit Regionen auseinanderzusetzen, in die man nicht unbedingt reisen kann. Es ist wichtig, den Unterschied zwischen intakter und verschmutzter Natur aufzuzeigen. Deswegen habe ich mich sehr gefreut über die Anfrage, ob ich das Festival unterstützen kann. Hinzu kommt, dass ich die Region sehr liebe. Ich bin jahrelang nach Prerow zum Zelten gefahren und habe drei Jahre in Warnemünde am Institut für Ostseeforschung gearbeitet.

Umweltfotofestival „Horizonte Zingst“

Das 12. Umweltfotofestival„Horizonte Zingst“ findet vom 25. Mai bis 30. Juni in Zingst statt. Neben Fotoausstellungen und Workshops werden wieder zahlreiche Referenten die Besucher mit ihren Multivisionsshows mit auf eine spannende Reise nehmen. Die Themen reichen von der Schönheit Mecklenburg-Vorpommerns, bis nach Afrika, Indien, Kanada und in den Urwald Borneos.

In der Multivisionsshow „Behind Arctic Science“ sind die spektakulären Bilder der Fotografin Esther Horvath zu sehen, die drei Jahre lang die Arbeit der Wissenschaftler des Alfred-Wegener-Instituts für Polar- und Meeresforschung im westlichen Arktischen Ozean dokumentierte.

Weitere Infos:www.horizonte-zingst.de

Sie bringen Fotografien von Esther Horvath mit nach Zingst, die Forschungsarbeiten am Bremerhavener Forschungszentrum „Alfred Wegener Institut“ begleitet hat.

Esther Horvath ist eine Fotografin, die schon für die New York Times und National Geographics gearbeitet hat. Sie hat einen besonderen Blick für Natur, Mensch und Technik und vereint diese drei Elemente in ihren Fotos auf besondere Weise. Das gibt den Naturbildern eine bestimmte Tiefe, weil man immer daran erinnert wird, dass der Mensch in Wechselwirkung mit der Natur ist. Sie wird auch unsere große Nordpol-Expedition „Mosaik“ begleiten, die im September dieses Jahres losgeht. Zur Erforschung der polaren Nacht, also völliger Dunkelheit und über Minus 40 Grad Kälte, wird unser Forschungsschiff „Polarstern“ ein Jahr im Meereis der Arktis eingefroren. Wir erhoffen uns davon neue Erkenntnisse über den Winter und seine Rolle für die Wechselwirkung Ozean-Atmosphäre und Eis in Zeiten des raschen Klimawandels.

Stefanie Büssing

Paul Signacs „Quai de Clichy“ aus der Sammlung Gurlitt wurde von Experten als Raubkunst identifiziert. In einer Multimedia-Reportage zeigen wir die Chronologie des Bestands vom Kunsthändler Hildebrand Gurlitt.

15.03.2019

John Mayall tourt auch mit 85 Jahren und spielt, was er immer spielte

13.03.2019

Indie-Idol Robert Forster singt auf seinem siebten Soloalbum „Inferno“ über das Leben in Zeiten des Klimawandels

13.03.2019