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Kultur Psychologisches Puzzlespiel eröffnet Wettbewerb von Cannes
Nachrichten Kultur Psychologisches Puzzlespiel eröffnet Wettbewerb von Cannes
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00:09 11.05.2018
Asghar Farhadi Quelle: Foto: Joel C. Ryan/dpa
Cannes

Eines muss man den Cannes-Verantwortlichen lassen: Ihre Festivalgemeinde haben sie fest im Griff. Mag sich auch halb Frankreich gegen die Reformpläne von Präsident Macron stellen, an der Croisette bleibt alles ruhig. Und sage bitte keiner, Kino und Politik hätten nichts miteinander zu tun: Geradezu nostalgisch wird hier das Festivaljahr 1968 beschworen, und da hängte sich Jean-Luc Godard persönlich an den Kinovorhang und sorgte für den Abbruch von Cannes. Im aktuellen Wettbewerb ist der vermutlich nicht mehr ganz so sportliche 87-jährige Godard wieder dabei. 50 Jahre später wird jedoch sogar das umstrittene Selfie-Verbot auf dem roten Teppich brav befolgt. Zückt doch mal einer sein Telefon, muss er schnell sein, sonst stürmt die festivaleigene Selfie-Abfangtruppe heran.

Filme von Asghar Farhadi und Kirill Serebrennikov zum Auftakt an der Croisette

Nach all dem Vorgeplänkel hat der Wettbewerb nun endlich Fahrt aufgenommen: Der Eröffnungsfilm des Iraners Asghar Farhadi ist nicht ganz so fein austariert wie seine beiden im Iran spielenden Oscar-Filme "Nader und Simin – Eine Trennung" (2011) und "The Salesman" (2016), aber lohnenswert ist das psychologische Puzzlespiel „Todos lo saben“ (Jeder weiß es) alle Mal. Bislang hat Farhadi vorrangig von einer zwischen Tradition und Moderne zerrissenen Mittelschicht in Teheran erzählt, vor allem aber von Schuld, die sich Menschen unfreiwillig aufladen. Und siehe da: So etwas passiert auch in Spanien, wo Farhadi erstmals gedreht hat. Auch hier finden Menschen nicht zu-, sondern entfremden sich voneinander, wenn sie unter Druck geraten. Dafür braucht es keinen autokratischen Staat im Hintergrund. Es reicht, wenn Geheimnisse in einer Familie lauern, die gar keine sind: Jeder weiß, dass die nach Argentinien ausgewanderte Laura (Penélope Cruz) und der Weinbauer Paco (Javier Bardem, Ehemann von Cruz) mal ein Paar waren und sie ihm beim Abschied das Herz brach. Nun ist Laura mit den Kindern zur Hochzeit ihrer Schwester zurückgekommen. Alle scheinen sich über das Wiedersehen zu freuen. Doch dann ist Lauras Tochter Irene verschwunden. Sie wurde entführt – und die Kidnapper scheinen aus dem engsten Familienkreis zu kommen.

Jeder beäugt nun jeden mit wachsendem Argwohn. Welche Wunden aus vergangenen Tagen sind noch immer nicht verheilt? Erschrocken blickt der Kinozuschauer in sich auftuende familiäre Abgründe. Farhadi zeigt, wie der Mensch tickt, egal ob er Spanisch oder Farsi spricht.

In der Pressekonferenz von „Leto“ (Sommer) blieb ein Stuhl gestern demonstrativ frei. Auf dem Schild davor war der Name Kirill Serebrennikov zu lesen. Der russische Regisseur steht unter Hausarrest wegen Korruptionsvorwürfen. Kritiker sprechen von einem politischen Schauprozess gegen den 48-jährigen Künstler. Ein Brief des Festivals an Präsident Wladimir Putin habe nichts geholfen, berichteten die Produzenten des Films. Putin habe geantwortet, er würde gern helfen, aber die russische Justiz sei unabhängig.

Im August vorigen Jahres war Serebrennikov bei den „Leto“-Dreharbeiten überraschend verhaftet worden. Den Film hat er nach Angaben der Produzenten unter Hausarrest beenden können. „Leto“ feiert das Lebensgefühl junger Rockmusiker in Leningrad der Achtziger. Im Mittelpunkt: Viktor Zoi (Teo Yoo), Frontman der Band Kino, im Westen kaum bekannt, in Russland nicht erst seit seinem Unfalltod 1990 eine Legende.

Die Vorbilder der unentwegt probenden, diskutierenden, rauchenden Musiker heißen Velvet Underground oder The Doors, aber sie machen ihr eigenes Ding mit poetischen, auch regimekritischen Texten. Um Konfrontation geht es ihnen aber nicht. Im Mittelpunkt steht für sie allein die Musik, und so ist das auch bei Serebrennikov: Er lässt Menschen in Bussen singen, blendet Liedtexte auf der gesplitteten Leinwand ein – oder verfremdet Szenen mit dem Zeichenstift, als hätte er Cartoonfiguren vor sich. Wie der Regisseur sich unter so schwierigen Umständen zu so viel Lebenslust aufraffen konnte, kommt einem Wunder gleich.

Bei der "Leto"-Premiere demonstrierte das Filmteam auf dem Selfie-freien roten Teppich für die Freilassung von Serebrennikov.

Stefan Stosch

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