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Kultur „Demokratie ist kein Beobachtersport“
Nachrichten Kultur „Demokratie ist kein Beobachtersport“
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16:02 11.05.2018
Engelssopran mit Botschaft: Loreena McKennitt hat endlich wieder ein Album am Start. Quelle: Richard Haughton

Mrs. Mc Kennitt, „Lost Souls“ ist Ihr erstes Album mit eigenen Songs seit zwölf Jahren. Warum sind Ihre Alben so selten geworden?

Ja, die einfache Antwort darauf ist: Das Leben schreitet voran und ist prall gefüllt. Nach „An Ancient Muse“ haben wir bis 2008 getourt und haben nicht annähernd die Orte bespielt, die wir hätten bespielen müssen. 2009 wurde dann meine Mutter schwer krank und ich habe mich in den letzten beiden Jahren ihres Lebens um sie gekümmert. 2012 und 2013 waren wir wieder unterwegs und 2014 und 2015 begab ich mich für Recherchen meines nächsten musikalischen Kapitels über die Kelten auf eine Indienreise, die sehr inspirierend war. Danach besuchten wir noch die Konzertorte, die wir zuvor nicht geschafft hatten.

Der Fan erwartet aber zwischendurch auch neue Songs.

Das habe ich gemerkt. In den vergangenen Jahren schrieben midie Leute Briefe, in denen stand: Wirst du jemals wieder neue Lieder aufnehmen? Da fielen mir diese Lieder ein, die ich herumliegen hatte. Die ich vor langer Zeit geschrieben hatte und manchmal auch auf der Bühne gespielt hatte –

„verlorene Songs“ (lacht). Sie hatten es nicht etwa deswegen nicht auf eins der vorherigen Alben geschafft, weil ich sie nicht mochte. Sondern weil es sich am Ende so anfühlte, als passten sie dort nicht recht zu den anderen Liedern. Aber als ich an sie dachte, kamen sie mir tatsächlich ein bisschen verloren vor. Und ich dachte: Wir sollten das Album „Lost Souls“ nennen, eine erlösende Heimat für die Verlorenen. Von da an kreierte oder kuratierte ich noch anderes Material, um den Titel zu unterstützen.

Der Titelsong klingt zunächst wie ein hoffnungsvolles Liebeslied über jemand, der zu seinem liebsten Menschen zurückkehrt. Aber die Spuren führen dann in eine ganz andere Richtung.

Mein Ausgangspunkt war das Buch „A Short History of Human Progress“ des kanadischen Autors Ronald Wright. Der darin 2004 der Menschheit vorhält und nachweist, in „Fortschrittsfallen“ geraten zu sein.

Das Buch verschaffte mir eine andere Sicht auf Zivilisation und die menschliche Spezies. Ronald Wright ist Anthropologe, er hat alte Zivilisationen studiert wie kaum ein anderer, und zeigte in seinem Buch die Gründe für ihr Scheitern auf. Er vergleicht sie mit der Blackbox eines abgestürzten Airliners. Alles Wissen ist da – etwa über den Untergang der Menschen von den Osterinseln durch ihre hemmungslose Waldrodung - um heute daraus für morgen zu lernen.

Auch aus den Aufrüstungsbestrebungen.

Wright zeichnet den Weg vom Messer zur Kanone nach. Und stellt fest, dass wir, als wir das nukleare Zeitalter erreichten, vielleicht etwas zu viel Fortschritt gewagt haben. Seiner Ansicht nach haben wir uns seit der Zeit der industriellen Revolution leider deutlich mehr dem technischem als dem moralischen oder ethischen Fortschritt gewidmet. Für mich, der ich mich stark mit den aktuellen Verbindungstechnologien auseinandergesetzt habe, liegt heute auch im Digitalen, den Sozialen Medien, dem Leben vor Bildschirmen eine Fortschrittsfalle.

Zu den „Lost Souls“ des Songs gehören für Sie vor allem die Kinder des X-Box- und Smartphone-Zeitalters?

Es gibt eine ganze Bandbreite von Experten, die schon jahrelang die Alarmglocken läuten und vor dem Missbrauch der Kinder durch Verbindungstechnologie warnen. Eins der ersten Bücher, die mich wachrüttelten, war 2010 „Wer bin ich, wenn ich online bin … und was macht mein Gehirn solange? – Wie das Internet unser Denken verändert“ von Nicholas Carr. Er führt aus, dass es inzwischen eine nicht unbeträchtliche Anzahl von Hinweisen dafür gibt, dass unser Internetverhalten unser Gehirn dazu bringt, seine Physiologie zu verändern. Dass es sich auf ein Stadium zurückbewegt, den es vor Erfindung des Buchdrucks hatte.

Wobei diese Technologie ja nicht nur zu Hause, sondern auch in der Schule zu finden ist.

Viele Eltern haben sich die schädlichen Seiten dieser Technologie noch nicht klargemacht. Und vieles von dem, was ins Schulsystem eingebracht wurde, geschah unüberlegt. Man muss sich um die Kinder kümmern. Sie haben dem so wenig entgegenzusetzen. Sie sind schließlich die Menschen, die wir als Wächter zurücklassen werden, die sich beispielsweise nah uns mit dem Klimawandel auseinandersetzen müssen.

In einer Rede 2016 haben Sie den Volksmund „Es braucht ein Dorf, um ein Kind großzuziehen“ bemüht. Gibt es eine Rückkehr von den gleichaltrigen Erziehern auf Youtube zum Dorf?

Es gibt ja auch diesen Volksmund: „Wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg“. Zuerst muss bei uns der Wille in Schwung kommen (lacht). In meiner Plattenfirma Quinlan Road ist er jedenfalls da. Wir sind dabei, Facebook zu verlassen. Am 1. Juni ist es soweit. Ich nehme Facebook nur als Beispiel: Was die meisten Menschen lange nicht verstanden haben, aber jetzt verstehen ist, wie ihre Daten missbraucht wurdem, wie in ihr Privatleben eingedrungen wurde, wie die Demokratie kompromittiert wurde.

Mit dem Weggang verlieren Sie aber auch eine Werbefläche.

Einer meiner Kollegen bei Quinlan Road führte das ins Feld. Dass Facebook auch das Portal zu vielen anderen Apps ist. In gewisser Weise ist Facebook schon ein Gefängnis. Aber das Lichtlein, dass viele Menschen ein viel besseres Gefühl dafür haben, wie diese monopolistischen Technologieunternehmen all die Jahre gearbeitet haben, muss entzündet bleiben. Wichtig für eine „Rückkehr zum Dorf“ wäre auch der schlichte „physische Schritt“. In Nordamerika ist die Ausweitung der Vorstädte grenzenlos. Man muss überall hinfahren, weil man schlicht nicht mehr zu Fuß hinkommt. Aber es gibt in jüngster Zeit auch Gegentendenzen, die „Pocket Communities“ von Ross-Chapin, Co-Housing-Projekte und Lokale-Erzeuger-Bewegungen. Es ist ein harter Job, ein langer Weg zurück. Aber ich setze meine ganze Hoffnung darauf. Ob wir das alles rechtzeitig schaffen – da habe ich allerdings keine Ahnung.

Woher rührt ihre Sorge um das Dorf, um Familien in Ihrem „Falstaff Centre“, um die Kinder der Digitalwelt in Ihrem „Stolen Child Project“?

Ich kanns nicht genau sagen. Ich komme aus keiner großen Familie, ich habe nur einen Bruder. Aber ich hatte das große Glück in einer kleinen ländlichen Gemeinde aufzuwachsen. Die Leute kannten einander alle, sie standen einander zur Seite. Und wenn ich sehe, wie ganz anders Kinder heute groß werden, ist das einfach ziemlich hart für mich.

In ihrem neuen Lied „Breaking of the Sword“ geht es um den Verlust eines Kindes vor der Zeit - durch den Krieg. Eine unaussprechliche Leerstelle für alle Eltern. Wie haben Sie sich in diese Situation eingefühlt?

Ich habe selbst keine eigene Familie. So erscheint das zunächst unvorstellbar. Aber mein Verlobter starb 1998 bei einem Bootsunfall. Bis heute steht mir seine Familie nah. Diese beiden Menschen verloren bei diesem Unfall gleich zwei Söhne. Parallel zu meiner Trauer erlebte ich aus erster Hand, was dieses Unglück mit der Familie machte.

Wie kamen Sie auf das Thema?

Es war eine Auftragsarbeit. Ich schrieb den Song für eine Gedenkfeier zur Schlacht von Vimy im Ersten Weltkrieg, bei der es 1917 viele kanadische Opfer gab. Mit seinem Orchesterende hat der Song wirklich eine ungewöhnliche Farbe in meinem Katalog. Weil aber schon so viele Farben auf „Lost Souls“ waren, nahm ich ihn dazu – er sollte keine „verlorene Seele“ bleiben. Inspiration war das Denkmal von Vimy, eine trauernde Mutter mit gebeugtem Kopf. Es war ein interessanter Ausgangspunkt für die Geschichte über Trauer und Erinnerung. Die es überdies außer in der Familie auch in der Gemeinde gibt und die ich – als Honoralcolonel der kanadischen Luftwaffe – auch bei den Kameraden der Opfer fand. Es ging mir bei dem Lied nicht um Sieger und Verlierer, nicht um die richtige Seite und die falsche sondern allein um das Menschliche.

Sie sind ehrenamtlich beim Militär – als Folkmusikerin? Speziell Folkmusiker hielten seit den Tagen der Protestsongs der Sechzigerjajre ja traditionell eher Abstand vom Militär. Militär ist Krieg, hieß es da.

(lacht). Stimmt. Aber wir hier in Kanada haben das Glück, ein neutrales Militär zu haben, das von der jeweiligen Regierung verantwortungsvoll geleitet wird, die wiederum wir, das Volk, wählen. Wenn jemand Probleme mit dem Militär hat, kann er die Sache jederzeit mit seinem Abgeordneten besprechen.

Machen Ihnen Säbelrassler wie der US-Präsident Sorge, der schon mal nach dem Aufstehen kurz kriegstwittert und dabei den Eindruck erweckt, nicht besonders sorgsam mit dem Leben von jungen Leuten umzugehen?

Nun, um ein diplomatisches Wort zu benutzen: Das ist zutiefst enttäuschend. Nicht das beste Antlitz von Führerschaft, soviel steht fest. Was sein Tun aber auch bewirkt ist, dass es Leute, die das ablehnen, wieder verstärkt dazu bringt, in ihren Gemeinden Führungsrollen zu übernehmen. Demokratie ist eben kein Beobachtersport.

Leute wie Trump gerieren sich meist als Brückenzerstörer. Das müsste Sie, eine musikalische Brückenbauerin zwischen westlicher und östlicher Musikkultur, besonders befremden.

Meine Erfahrung von vielen Reisen um die Welt ist: Es gibt mehr, was uns Menschen miteinander verbindet als was uns trennt. Natürlich ist die Welt komplex, aber es ist immer besser, sich hinzusetzen und die Probleme in einem soliden und gut ausgearbeiteten Prozess zu diskutieren. Diplomatie statt Aufrüstung. Ich bin dafür, dass Diplomatie an der Schule gelehrt wird.

Sie haben auf „Lost Souls“ auch Literatur vertont. Was hat Sie an William Butler Yeats‘ „The Ballad of the Foxhunter“ gereizt, dem Gedicht über einen sterbenden Jäger, der von seinen geliebten Hunden Abschied nimmt? Und den alten blinden Bluthund, der um sein Herrchen trauert.

Ich habe das Gedicht schon 1988 oder 1989 unter Musik gesetzt (lacht). Und ich wollte eigentlich Tierärztin werden, habe nie von einem Dasein als Sängerin geträumt. Ich bin in der Gesellschaft von Haus- und Farmtieren aufgewachsen und war immer von der Kommunikation zwischen den Spezies fasziniert. Und genau das hat mich an dem Gedicht gereizt. Ich lebe auch heute auf einer Farm. Und liebe es, wenn sich die Katze im Körbchen des Hundes einrollt. Diese Verbindung interessiert mich. Der blinde Hund ist traurig, er weiß, was passieren wird. Vielleicht merkt er es über den veränderten Geruch seines Herrchens.

Sie sind dann doch nicht Tierärztin geworden. Was brachte Sie zur Musik?.

Das entwickelte sich langsam. Drei, vier Monate studierte ich Landwirtschaft an der Universität von Manitoba. Es ergaben sich in der Zeit einige Auftrittsmöglichkeiten. Es war aber lange nicht klar, ob ich eher Musik lehren würde oder ob es mir mehr liegt, in Lounges und Folkclubs aufzutreten.

Gehörte Ihre Leidenschaft immer dem Folk? Oder kamen Sie von der Klassik? Oder vom Pop?

Ich wuchs in dem Städtchen Morden in Manitoba auf. Meine Eltern waren nicht sehr musikalisch. Aber die zu einem Großteil deutschstämmige Gemeinde war es. Ich lernte Klavier und Gesang, es gab Musikfestivals, Operetten und 13 Kirchen. Als Teenager in den Sechzigerjahren hörte ich Simon & Garfunkel und Joni Mitchell im Radio, weniger Elvis und die Beatles. Ich war immer mehr in der Folkwelt. Aber als ich nach Winnipeg zog, um dort die 12. Klasse zu absolvieren, gab es da einen Club, in dem viel keltische Musik gespielt wurde. Das war es, als ich die hörte, fühlte ich mich instinktiv angezogen. Und wollte irgendwie mitmischen.

Unter den neun „Lost Souls“ des Albums fühlt sich die Gedichtvertonung „La Belle Dame Sans Merci“ ungemein keltisch an. John Keats, der jung gestorbene Romantiker des frühen 19. Jahrhunderts, erzählt eine Geschichte von einem sterbenden Ritter, der einer übernatürlich wirkenden Dame in einem seltsam stillen Land begegnet, in dem „kein Vogel singt“. Da laufen einem Schauer über den Rücken.

Genau an dieser Zeile bin ich hängen geblieben. Ich habe mal ein Buch über den Ersten Weltkrieg gelesen, über Landschaften, die so zerstört waren, dass keine Vögel mehr sangen. Eine meiner Vorstellungen zu diesem Gedicht war, dass der Sterbende ein Weltkriegssoldat ist, der in seiner Todesstunde an seine Liebste denkt und sich fragt, wofür dieser Krieg nun gut war. Viele Kunstwerke sind dafür gemacht, dass der Betrachter oder Zuhörer seine eigene Lebenserfahrung darauf legt.

Sind eigentlich noch Songs für ein zweites „Lost Souls“-Album übrig?

Wenige. Ich manage mich selbst, Management frisst viel Zeit und deswegen kommt der Künstler in mir auch nicht so oft zum Spielen raus und schreibt auch nicht so viele Songs wie andere.

Ist das nächste Schallplattenprojekt dann vielleicht die keltische Musikreise nach Indien.

Das hoffe ich. Möglicherweise ist „Lost Souls“ aber auch die letzte Platte. Das Musikbusiness verändert sich. Ich weiß es also nicht.

Sie haben es von der Straßenmusikerin, die ihr erstes Album als Kassette verkaufte zu 15 Millionen verkauften Alben gebracht – quasi im Alleingang. Würden Sie jungen Künstlern heute raten, dasselbe zu tun?

Viele machen das ja. Aber das heutige Musikgeschäft bietet Künstlern kein absehbares oder lebensfähiges Geschäftsmodell, um einzusteigen und eine lang währende, verlässliche Karriere zu planen. Durch die Streamingdienste hören wir mehr Musik denn je, aber es ist auch klar, dass diese Dienste deutlich weniger bezahlen als das, was Künstler in den Zeiten der physischen Tonträger bekommen haben. Würde ich heute loslegen, würde meine Karriere nicht annähernd so groß werden wie sie es geworden ist. Bevor also Firmen wie Spotify nicht beweisen, dass man von ihrem Geschäftsmodell leben kann, würde ich jungen Musikern raten, ein gutes zweites Standbein zu haben.

Von Matthias Halbig / RND

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