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Kultur Rammstein-Gitarrist Richard Z. Kruspe: „Rockmusik als Rebellion funktioniert nicht mehr“
Nachrichten Kultur Rammstein-Gitarrist Richard Z. Kruspe: „Rockmusik als Rebellion funktioniert nicht mehr“
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09:28 30.11.2018
Tobt sich mit seinem Bandprojekt Emigrate gern aus: Rammstein-Gitarrist Richard Z. Kruspe. Quelle: Bryson Roatch

„A Million Degrees“ ist ein sehr vielfältiges Album geworden; es hat fast den Charakter eines Mixtapes. War das die Absicht?

Ich habe ein ziemlich weites musikalisches Spektrum, und Emigrate ist die Plattform, auf der ich mich austoben kann. Ich bin mit Mixtapes großgeworden; im Osten hatten wir ja nicht viele Langspielplatten. Vielleicht liegt es auch daran. Und: Mich hat es früher immer schon gelangweilt, nur bei einer bestimmten Gruppen Leute zu bleiben. Die Metaller haben mir zu oft gesoffen. Also bin ich – und das fand ich erfrischend – weiter zu den Punkern ...

... die auch nicht weniger getrunken haben werden.

Nee, genau. Und sie waren auch dreckiger (lacht). Dann war ich bei den Bluesern, und die sind immer zu diesen Bluesmessen gefahren. Und weil sie auch viel getrunken haben, konnten sie sich gut ablegen, während ich, der nicht getrunken hat, immer nachts um drei wachgeworden bin, weil mir so kalt war – wir hatten ja nur diese dünnen Baumwollschlafsäcke. Also habe ich auch das irgendwann sein gelassen. Und ich habe immer viel Radio gehört und dabei Mixtapes aufgenommen. Also waren die 80er-Charts auch immer ein Thema. Bis heute bin ich in vielen Genres unterwegs, und wenn die Produktion gut ist, kann ich mich oft musikalisch darin wiederfinden.

Mehr zum Thema: Rammstein: Ignoriert Viagogo beim Ticketverkauf die einstweilige Verfügung?

80er-Referenzen finden sich auch auf dem Album. Die Keyboards auf „Let’s Go“ zum Beispiel erinnern an die frühen Depeche Mode ...

Martin Gore von Depeche Mode gehört auf jeden Fall zu den Songschreibern, die mir immer ganz viel bedeutet haben. Er ist auch jemand, mit dem ich gerne mal einen Song machen würde.

Gab es Anfragen?

Ja, wir haben uns geschrieben. Er ist bereit. Ich muss noch den richtigen Song finden, glaube aber, mit Martin wird das eher eine Kollaboration, wo ich sage: „Hier ist ein Stück Musik; mach’ mal weiter.“ Normalerweise schreibe ich ja alles und tausche dann den Sänger aus. Harmonisch und musikalisch ist er mir sehr nahe.

Sie haben beide den Hang zu diesen melodiösen Strophen und klaren, hymnischen Refrains.

Das nehme ich mal als Kompliment.

Bei „Lead You On“ musste ich an die frühen Zeiten von Phillip Boa and the Voodooclub denken.

Phillip Boa war witzigerweise das erste Westkonzert, das ich gesehen habe, noch vor der Maueröffnung. Ich bin ja abgehauen. Ich weiß gar nicht, was der heute macht.

Er hat unter anderem dieses Jahr ein neues Album veröffentlicht, das sogar recht erfolgreich war.

Siehste. Man schießt ja heute gerne mal an Veröffentlichungen vorbei, was auch an der Art liegt, wie man heute Musik konsumiert. Hören Sie noch Alben?

Durchaus. Ich bin digital 1.0, also: CDs ja, Streaming nein.

Und weil ich nur Mixtapes gehört habe, komme ich aus der analogen Spotify-Generation. Zwangsläufig. Das lag am politischen System, weil wir uns keine vernünftigen Alben kaufen konnten.

Was hat sich sonst noch geändert?

Ein Beispiel: Gerade sollte ich eine Liste mit fünf Songs abliefern, die mir etwas bedeuten. Darunter war auch Pink Floyds „Shine on you crazy diamond“. Dazu habe ich geschrieben, dass der Song heute überhaupt keine Chance hätte mit seinem Intro von einer Minute. Nach 20 Sekunden klicken die Kids heute weg. Es hat sich viel geändert. Rockmusik als Rebellion funktioniert nicht mehr. Wenn die Kids heute etwas mit Gitarre einschalten, sagen die Eltern: „Mach’ mal lauter!“ Die Rebellion kommt im Deutschen durch Sprache. Ein schwieriges Thema für mich: Deutschen HipHop oder Trap verstehe ich nicht, da komme ich sprachlich nicht ran. Das ist eine Macho-Kultur, die ich nicht empfinde und auch nicht gutheißen kann. Oft denke ich: „Das kann nicht wahr sein.“

Es gibt nicht wenige Menschen, die auch mit den Texten dieser kleinen Zweitband von Ihnen, Rammstein, so ihre Schwierigkeiten haben ...

Jaaaa. Wobei: Was Till so aus den Fingern sprießt, das mag ich. Ich finde, der hat eine wahnsinnig schöne, poetische Art. Ich mag es, wenn Lyrik offen bleibt und keine klare Geschichte erzählt.

Textlich habe ich Rammstein immer in der Tradition der klassischen Moderne gesehen.

Textlich? Okay. Musikalisch haben wir einen ganz klaren Bezug zur Gegenwart. Ich war letztens auf dem Konzert einer Band, die total angesagt ist, Greta van Fleet ...

... den angeblich „neuen Led Zeppelin“ ...

Ja, und ich stand da und dachte: Muss eine Band heute nicht auch ein wenig Gegenwart reflektieren? Denn dieses Konzept und dieser Sound waren pure 70er. Damals verband man damit aber ein bestimmtes Lebensgefühl, das man heute nicht reproduzieren kann. Es hat mich musikalisch überhaupt nicht berührt. Man soll die Dinge ja nicht vergessen. Dass man sie einfließen lässt in modernere Sounds ... Das mache ich ja auch gerne. Aber sie 1:1 kopieren? Da fehlt mir die Authentizität.

Zurück zu Ihrem Album: Darauf finden sich wieder einige Feature-Gäste. Schreiben Sie die Songs nach wie vor für sich als Sänger und schauen dann, was passiert?

Genau. Das mag jetzt esoterisch klingen, aber ich höre mir die Songs an, und sie sagen mir dann, in welche Richtung sie gehen wollen und wer sie singen soll. Manchmal ist es einfach, manchmal nicht. Bei „War“ zum Beispiel habe ich gedacht, das muss der Serj (Tankian, d.Red.) von System of a Down singen. Und er hat sich das angehört und gesagt: „Guter Song, aber mir fällt nichts ein, was ich dazu singen soll.“ Und ich so: „Gib doch einfach zu, du hast keine Zeit.“ Da war er ernsthaft sauer und hat gesagt: „Nee, ist gut so. Lass es, wie es ist.“ Das nehme ich mir zu Herzen. Bei „1234“ wiederum kam über das Management der Kontakt zu Billy Talent. Das war auch gut so, weil ich einen Song wollte, den ich quasi live spiele. Das passte hier, weil er diesen punkigen Einschlag hat.

War es von Anfang an „Eins zwo drei vier“ oder irgendwann auch mal „One Two Three Four“?

Nee, das war schon immer „Eins zwo drei vier“. Ich fand, das Deutsche passte hier gut.

Sie haben dazu ein Quasi-Live-Video gedreht mit einer anderen Band-Besetzung als auf dem Album. Warum?

Ich habe eine Studioband und eine visuelle Band. Das liegt einfach daran, dass amerikanische Schlagzeuger das gerne unterteilen. Mikko (Sirén, d.Red.) ist einer der größten Studiotrommler, die ich kenne, hat aber mit Apocalyptica seine eigene Band, mit der er viel unterwegs ist. Und den Bass hat schon auf dem Album zum großen Teil mein neuer Produzent Sky van Hoff eingespielt.

Er ist jemand, der in der Vergangenheit mit Produktionen von Kreator bis Mrs. Greenbird ein weites Spektrum aufzuweisen hat. Wie fiel die Wahl auf ihn?

Im Grunde wurde er mir empfohlen, weil er auch gut kempern kann. Kemper ist ein elektronisches Gerät, das Gitarrenverstärker impliziert und nachempfindet. Dabei hat er mir erzählt, dass er auch produziert, und dann haben wir es miteinander probiert, mit „1234“, hier, bei mir im Studio.

Wenn Sie „Hier“ sagen, sprechen wir nach wie vor von Berlin?

Ja. Ich bin ja noch einmal Vater geworden und habe mich darum 2011 von New York wieder in die Heimat begeben, weil ich mein Kind in Berlin aufwachsen sehen wollte.

Wie alt ist die Kleine jetzt?

Sieben. Es ist also noch die Schule hinzugekommen. Sie spielt auch eine ganz große Rolle auf dem Album. Ich habe zwei Videos mit ihr gedreht. In „You’re so beautiful“ spielt sie die Hauptrolle, und es gibt noch eine Akustikversion von dem Lied, bei dem sie auch mitspielt. Das war eine ganz tolle Zusammenarbeit mit ihr.

Nun wird Papa ab nächstem Jahr wieder viel unterwegs sein.

Ich bin ja froh, dass Sie nicht Opa sagen ... (lacht)

Versteht sie, was da passiert?

Ja, aber sie hat einen gewissen Abstand, nimmt das auch mit einem guten Humor. Anfangs habe ich ein bisschen Sorge gehabt, auch als wir die Videos gedreht habe. Sie nimmt das ganz natürlich – und nicht zu ernst. Ich war wirklich stolz.

Nun stehen Tour und neues Album von Rammstein an. In welche Richtung geht’s?

Das ist aber eine große Frage ... Ich habe diesmal versucht – auch durch die Mitarbeit von Olsen Involtini, meinem Gitarristen bei Emigrate und unserem Mixer –, dass wir uns im harmonischen Bereich verändern. Rammstein war ja immer viel auf einem Ton und sehr minimalistisch, was Harmonien angeht. Jetzt wird es catchiger. Ich bringe es immer gerne auf die Formel „Rammstein 3D“.

Und Emigrate wird weiter keine Live-Band sein?

Nein, wir gehen im Mai auf Tour, fliegen jetzt erstmal nach L.A., um das Album aufzunehmen. Dann haben wir um Silvester noch zwei Auftritte mit Rammstein, drehen fünf Videos. Da ist kaum Zeit. Und die nächsten drei Jahre, ist Rammstein-Zeit. Und was danach kommt, weiß ich noch nicht.

Von Stefan Gohlisch

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