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Kultur Raus aus dem Zwielicht
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00:00 14.07.2016

Wie ins Bodenlose fallend sieht die Frau im Vordergrund aus, milde das Lächeln Jesu über ihr, listig der Blick des Pharisäers daneben – so malt Emil Nolde 1926 „Christus und die Sünderin“. Warum das Gemälde mit seinen Archetypen von Angst, Güte und Verschlagenheit als Ikone des religiösen Expressionismus gilt, können Besucher des Hamburger Bahnhofs jetzt am Original studieren.

Dorthin ist das Nolde-Bild aus dem Israel-Museum in Jerusalem zurückgekehrt, das jährlich rund eine Million Besucher anlockt. Dazu tragen Kunstschauen wie „Twilight over Berlin“ bei, die wie noch nie zuvor in Israel die deutsche Kunst von 1905 bis 1945 feierte. Nicht zuletzt mit dem Nolde-Gemälde, das statt einer Reproduktion den Auftakt der Ausstellung „Die schwarzen Jahre“ im Hamburger Bahnhof bildet.

Dabei geht es um das Schicksal von Künstlern und Kunstwerken rund um die Nazi-Zeit, und das lässt sich an „Christus und der Sünderin“ besonders berührend dokumentieren. Das Bild des Malers, der sich noch 1934 zu „des Führers Gefolgschaft“ rechnete, hing nur bis 1933 im Kronprinzenpalais der Berliner Nationalgalerie, wurde 1937 beschlagnahmt und in der Femeschau „Entartete Kunst“ gezeigt und 1939 verkauft. Erst 1999 gelang ein Rückkauf mithilfe der Freunde der Nationalgalerie und des Landes Berlin.

Mehr als 20000 Werke wurden im Zuge der Propagandaschau „Entartete Kunst“ beschlagnahmt, verkauft oder „verschwanden“, allein 500 Werke der Nationalgalerie erlitten ein solches Schicksal. Etwa Munchs „Melancholie“ (1906), Feiningers „Teltow“ (1918) oder Marcs „Turm der blauen Pferde“. Davon ist eine Schwarz-Weiß- Reproduktion zu sehen, weil das Original, das sich Hermann Göring angeeignet hatte, seit 1945 als verschollen gilt.

60 Werke zeigt die Ausstellung, darunter auch den Nazis genehme Arbeiten von Arno Breker, Karl Leipold oder Skulpturen von Georg Kolbe. Die Schau beleuchtet schlaglichtartig auch Kunst in der Opposition, die willkürliche Verfolgung von Künstlern und ihre Not im Exil. Dass auch das Innere Exil Beachtliches hervorzubringen vermochte, zeigt die Ausstellung am Beispiel des „Großen Requiems“

von Erwin Hahs. Dieser war 1944 zu einem Hitler-Porträt verpflichtet worden – und hat den Diktator kurzerhand inmitten brennender Ruinen gezeigt. Das wollte niemand haben, Hahs erhielt die Leinwand zurück und malte darauf sein „Requiem“. In der Ausstellung hängt es neben einer Röntgenaufnahme des Bildes, auf dem Hitlers Konterfei deutlich zu erkennen ist. So widerständig kann Kunst sein.

Zwar gibt es im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe eine kleine Raubkunstschau, zwar hat die „Brandbilder“-Ausstellung im Landesmuseum Hannover 2015 einen Blick auf die Nazi-Zeit gelenkt. Doch nirgends wurden deren oft kunstzerstörerische Folgen so umfassend aus dem Zwielicht von Vergessen und Verdrängen geholt wie im Hamburger Bahnhof.

Daniel Alexander Schacht

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