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„Rausch als Spaß und Selbstzweck“

Lübeck „Rausch als Spaß und Selbstzweck“

Der Schriftsteller Benjamin von Stuckrad-Barre schaut mit 41 Jahren zurück auf eine Zeit voll Drogen, Musik und Popliteratur.

Berlin. Den Autor Benjamin von Stuckrad-Barre müsste man in eine Reihe stellen mit Figuren wie Heinz Strunk („Fleisch ist mein Gemüse“) oder Rocko Schamoni („Dorfpunks“).

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Der Schriftsteller Benjamin von Stuckrad-Barre schaut mit 41 Jahren zurück auf eine Zeit voll Drogen, Musik und Popliteratur.

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Sie alle haben Romane veröffentlicht, deren Inhalt von der Biografie der Verfasser lebt. Stuckrad-Barre allerdings, da kann man gewiss sein, fände diese Nachbarschaft unpassend. Die Vergleichspersonen haben zu wenig Glamour und Weltläufigkeit und auch zu wenig Lebenstragik.

Denn Stuckrad-Barre, den ein medienversiertes Publikum von seiner gleichnamigen Fernsehsendung auf ZDFneo oder aber seinen mit großen Auflagen gesegneten Büchern („Soloalbum“, „Auch Deutsche unter den Opfern“) kennt, hat es mit viel Mühe und noch mehr Drogen geschafft, sich an die Großen der Unterhaltungsindustrie heranzuwanzen. Sogar mit internationalen Stars macht er sich gemein.

Das wusste man bereits, nun weiß man‘s besser: Benjamin von Stuckrad-Barre, soeben 41 Jahre alt geworden, hat seine Autobiografie geschrieben. „Panikherz“ ist der Titel, und er will lieber von einem Roman als von Memoiren reden. „Für eine reine Autobiografie bin ich weder alt noch berühmt genug“, sagt er, als hätten nicht schon Jüngere und weniger Prominente ihr Leben in Buchform ausgebreitet.

Das persönliche Erzählen liegt dem Journalisten jedenfalls mehr als das nachrichtliche. Schon dem 18-jährigen „taz“-Praktikanten — Stuckrad-Barres erste Station auf dem Weg zum Ruhm — musste der Kulturredakteur der Zeitung das „Ich“ in seinen ironisch aufgepumpten Konzertbesprechungen verbieten.

Wer den Lebensweg des Autors kreuzte, kann feststellen, dass „Panikherz“ sich auch romanhafte Freiheiten nimmt, die eine subjektive Weltsicht ergeben. Hunter S. Thompson, US-amerikanischer Autor und Held aller Popliteraten, hat für die Vermischung von Realität und Fiktion den Begriff „Gonzo-Journalismus“ geprägt, und Benjamin ist sein Prophet.

Wie dieser Thompson macht auch Stuckrad-Barre seine Sucht zu einem zentralen Thema. Jahrelang nahm er Kokain, besoff sich regelmäßig, litt an Magersucht und Depressionen, machte mit Entzug und Psychiatrien Bekanntschaft. Bei Udo Lindenberg, seinem engsten Freund aus der ersten Pop-Liga, hat er den „Rausch als Spaß und Selbstzweck“ entdeckt, mehr noch: „Als Art, durchs Leben zu taumeln und nur sehr ausgewählt die permanenten Ernsthaftigkeitsangebote der Umwelt anzunehmen.“ „Panikherz“ ist auch ein Leidensbericht. Und eine Erzählung von den Schwierigkeiten, bei all dem glamourösen Elend noch Bücher und Artikel zu schreiben. Schreiben sei wie Geschlechtsverkehr, heißt einer der Thompson-Merksätze — nur Amateure hätten Spaß dabei.

Die Rahmenhandlung des Buches besteht aus einer Rehabilitationstour Stuckrad-Barres nach Los Angeles. Und zwar in Begleitung seines Idols Lindenberg. Wie die beiden vor dem Einreisebeamten am Flughafen von L. A. stehen und Udo den strengen Mann, der über den Zugang zum Land bestimmt, mit der Zigarre einnebelt, ihm auf die Frage, was er von Beruf sei, mit „Udo Lindenberg“ antwortet („Diesen Beruf gibt es nur einmal auf der Welt“) — das gehört zu den amüsantesten Episoden des Buchs. Natürlich kommen die beiden im Grandhotel Chateau Marmont (wo auch Hunter S. Thompson nächtigte) unter — und Stuckrad-Barre zu sich selbst. Einigermaßen. „Essgestört, sportmanisch und heldenhysterisch“ wie er nun mal sei, müsse das sein Ort sein. In Rückblicken offenbart er, wie er als Mitarbeiter einer Plattenfirma, als Journalist des „Rolling Stone“ oder als Fernsehmann seinen Jugendtraum vom ewigen lässigen Nachtleben verfolgt — er verfolgt seine Idole mit Charme. Neben Lindenberg sind das der Regisseur Helmut Dietl (mit dem er den Film „Zettl“ macht), die Fernsehnasen Friedrich Küppersbusch (der ihn fördert), Thomas Gottschalk (mit dem er ins Konzert geht) und Harald Schmidt (für den er Gags schreibt) — alles Vaterfiguren, an denen er sich emporhangelt im Unterhaltungsgewerbe.

Und warum sollte man das lesen? Erstens, weil Stuckrad-Barre von einer Epoche berichten kann, in der sich die Popkultur in allen Ritzen der Gesellschaft einnistete. Die Musik gab den Ton an, Mode, Werbung, Fernsehshows und auch Literatur stimmten ein. Und zweitens, weil der Autor auch auf der langen Strecke von fast 600 Seiten überaus unterhaltsam von seiner eigenen Verstrickung in diesen Vorgang berichtet. Er soll inzwischen mit einer Berliner Klatschreporterin verheiratet sein und mit ihr ein Kind haben. Seit zehn Jahren ist er clean, beim Springer-Verlag findet er ein üppiges Reporterauskommen.

Der Literat

Benjamin von Stuckrad-Barre kam 1975 in Brinkum bei Bremen in einem Pastorenhaushalt zur Welt. Sein Debütroman „Soloalbum“ machte ihn 1998 bekannt als Pionier deutscher Popliteratur. Das Buch wurde 2003 mit Matthias Schweighöfer verfilmt. Aus seinem neuen Roman „Panikherz“ liest Stuckrad-Barre am kommenden Montag in der Hamburger Markthalle (20 Uhr), Gäste sind Sven Regener und Christian Ulmen.

„Panikherz“ ist gerade bei

Kiepenheuer&Witsch erschienen. 576 Seiten, 22,99 Euro.

Von Michael Berger

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