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Reise in Traumwelten und Wahn

Hamburg Reise in Traumwelten und Wahn

Mitreißende Surrealismus-Schau in der Hamburger Kunsthalle mit Werken von Dalí, Ernst und Miró.

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Scheinwelt des Surrealisten: Ein Besucher betrachtet das Werk „Reproduktion verboten“ von René Magritte (1937).

Quelle: Fotos: Daniel Reinhardt/dpa

Hamburg. Große Museen müssen auftrumpfen, ein Feuerwerk abbrennen, wenn sie mit ihren Ausstellungen in der Superlativ-Öffentlichkeit noch Aufmerksamkeit erringen wollen. Und so setzen sie selbst Superlative in die Welt. So jetzt wieder die Hamburger Kunsthalle, die seit langem virtuos auf der Klaviatur des Spektakels spielt.

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Mitreißende Surrealismus-Schau in der Hamburger Kunsthalle mit Werken von Dalí, Ernst und Miró.

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Die Ausstellung „Surreale Begegnungen“ mit Werken von Salvador Dalí, Max Ernst, Juan Miró, René Magritte und weiteren Streitern an der Front des Traumhaften und Absurden sei ein „Paukenschlag“, verkündete gestern Kuratorin Annabelle Görgen-Lammers. „Wir präsentieren hier eine Dichte von Meisterwerken, die es so nie mehr geben wird“, prophezeihte sie. Die Schau sei mit 200 Bildern, Zeichnungen und Objekten, mit noch einmal 200 Archivalien und Dokumenten die größte – weit größer als die Vorgängerausstellung der Scottish National Gallery in Edinburgh.

Das muss den Besucher der Kunsthalle nicht interessieren. Noch etwas kann man ignorieren, ohne der Kunst wehzutun: „Surreale Begegnungen“ huldigt den Sammlern der Werke. Man erfährt, dass es drei dieser Spezies gab, die die surrealistische Kunst gefördert haben: den britischen Maler Roland Penrose (1900-1984), den schottischen Millionär und Exzentriker Edward James (1907-1984) und die ebenfalls aus Schottland stammende Golfmeisterin Gabrielle Keiller (1908-1996). Bis heute sammelt zudem das Ehepaar Ulla und Heiner Pietzsch, vermögend durch Kunststoffhandel und Kunst.

Die in alle Welt verstreuten Surrealismus-Kollektionen der frühen Sammler wurden für die Ausstellung rekonstruiert. Damit will die Kunsthalle die Motive des Sammelns und die Entwicklungen des Kunstmarktes nachvollziehen. Doch, wie gesagt, damit muss man sich nicht intensiver beschäftigen, wenn man sich für die Kunstrichtung der 1920er und 1930er Jahre interessiert. Deshalb: Hinein in die Ausstellung!

Zuvor aber können die Besucher etwas fast Surreales erleben: Hinter einer Scheibe sieht man andere Besucher – die Betrachter einer Ikone des Surrealismus, des „Mae West Lip Sofa“, das Salvador Dalí

1938 für Edward James geschaffen hat. Ein knallrotes sitzfähiges Möbel, geformt nach dem Mund der Hollywood-Schauspielerin Mae West, das allerdings mehr an Pop-Art als an Surrealismus erinnert.

Wenn man die Wandtexte und andere unterrichtende Maßnahmen des Museums beachtet, dann ist Surrealismus etwas Amorphes. „Der Surrealismus ist keine poetische Form. Er ist ein Aufschrei des Geistes, der zu sich selbst zurückkehrt“, behauptete Max Ernst, dessen Dschungelbilder als Ausdruck von Alpträumen und Verdrängtem verstanden werden können. Ein Reflex auf Kriegserfahrung und drohendem Nationalsozialismus, auch wenn die Bilder Titel tragen wie „Die Lebensfreude“.

Mit Bildtiteln spielten die Surrealisten ohnehin Pingpong. So nannte René Magritte sein Porträt von Edward James frech „Reproduktion verboten“. Es zeigt den Rücken des Sammlers, und auch im Spiegelbild sieht man ihn von hinten. Von den Collagen und Objekten eines André Breton und eines Man Ray („Geschenk“, ein Bügeleisen mit Nägeln an der Unterseite) über die biomorphen Formen der Miró-Bilder bis zu den Traumlandschaften von Dalí (in denen sich Miró-Formen finden) leiten verschiedene Kabinette die Besucher. Und man erfährt, dass es auch Frauen unter den Surrealisten gab: Etwa Dorothea Tanning (1910-2012, ab 1946 mit Max Ernst verheiratet), auf deren Bildern Frauen nicht nur als Naturobjekte firmieren, wie bei den männlichen Kollegen, sondern als Akteurinnen des Unbewussten.

Es bleibt nach dem mitreißenden Parcours die Frage, was diese Kunstrichtung uns heute zu sagen hat. Dalís Bilder sind nach wie vor beliebter Zimmerschmuck, Magritte wird heute eher als Maler von Gag-Gemälden denn als Vertreter des Geheimnisvollen geschätzt und somit unterschätzt. Doch laut Kuratorin Annabelle Görgen-Lammers begegnen wir dem Phänomen Surrealismus aktuell in den Untiefen des Internets oder im Spiel „Pokémon Go!“, bei dem die Menschen das Unwirkliche so faszinierend finden wie einst Dalí oder Max Ernst das Wahnhafte. Um Kunst handelt es sich dabei nicht.

Schau, Film und Vortrag

Die Ausstellung „Dalí, Ernst, Miró, Magritte . . . Surreale Begegnungen“ ist ab heute in der Hamburger Kunsthalle beim Hauptbahnhof zu sehen. Sie wird bis zum 22. Januar 2017 gezeigt.

Die Sammler Roland Penrose, Gabrielle Keiller, Edward James, Ulla und Heiner Pietzsch werden in einem Film porträtiert, der in der Kunsthalle und im Internet zu sehen ist (www.hamburger-kunsthalle.de).

Der Sohn des Sammlers Roland Penrose, Antony Penrose, spricht am Sonntag zum Thema „Leben im Surrealismus – Mein Vater, der Sammler“ (11 Uhr, Werner-Otto-Saal).

Michael Berger

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