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Kultur Reise ins Früher: Geschichtstourismus boomt
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09:03 08.09.2018
“Unberührte Landschaften“, “traditionelle Küche“: Es gibt kaum eine Feriendestination, für die nicht damit geworben wird, dass dort die Vergangenheit als Idyll noch erlebbar sei. Quelle: imagebroker
Luzern

Es gibt Wunscherfüllungen, mit denen sich schlecht leben lässt. Die alte Sehnsucht der Deutschen nach dem Süden und nach Temperaturen wie am Mittelmeer zum Beispiel: In diesem Sommer ist sie in Erfüllung gegangen.

Von der Uckermark bis zum Schwarzwald verwandelte sich Deutschland monatelang in einen einzigen Mezzogiorno, mit strahlend blauem Himmel und Temperaturen von 32 Grad aufwärts. Sind die Deutschen eigentlich diesen Sommer weniger in den Urlaub gefahren? Immerhin waren zwar nicht das Mittelmeer, die Olivenbäume und die Palmen bei ihnen zu Besuch, aber die dazugehörigen Temperaturen.

Das Lied, das die deutschen Radiosender im Jahr 2018 jedenfalls am seltensten gespielt haben, war Rudi Carrells Hit von 1975: “Wann wird’s mal wieder richtig Sommer / ein Sommer wie er früher einmal war.“ Der entscheidende Punkt daran ist natürlich das kleine Wörtchen “früher“. Früher, als es noch richtige Sommer gab. Früher, als die Landschaft noch schön war, die Städte idyllisch und die Strände menschenleer: Dahin wollen wir wieder, jedes Jahr im Juli und August, und zwar alle zusammen. Am liebsten mit dem Auto. Der wirkliche Sehnsuchtsort der Urlauber ist nicht der Süden. Sondern die Vergangenheit.

Der wichtigste Rohstoff des modernen Tourismus ist Zeit

Der wichtigste Rohstoff des modernen Tourismus ist deswegen nicht die Sonne oder der Strand, sondern die Zeit selbst – die Verheißung, dass einem anderswo mit Unlust verbrachte Lebenszeit im Urlaub zurückgegeben werde. Kombiniert wird das mit dem Versprechen, dass an dem besuchten Ort die Zeit auf geheimnisvolle Weise stehen geblieben sei.

“Unberührte Landschaften“, “mittelalterliche Altstädte“, “traditionelle Küche“: Es gibt von der Fränkischen Schweiz bis Sri Lanka kaum eine Feriendestination, für die nicht damit geworben wird, dass dort die Vergangenheit als Idyll noch betretbar und erlebbar sei.

Noch nie war es so einfach, sich die Attraktionen fremder Länder daheim auf Bildern anzusehen – gratis, hochaufgelöst und in Farbe, viele Millionen davon, Videos inklusive. Die Verlockung, diese Vergangenheit selbst zu bereisen, ist durch ihre virtuelle Verfügbarkeit via Internet aber nicht kleiner geworden – im Gegenteil. Man will all die Sehenswürdigkeiten der Vergangenheit – Tempel, Kathedralen oder Fachwerkhäuser, egal – umso dringender mit eigenen Augen sehen und anfassen. Und dann Fotos davon machen.

Drittgrößter Dienstleistungssektor des Planeten

Wer losfährt, um die Schätze von früher zu besichtigen, findet an ihren Stätten deswegen vor allem eines, nämlich ihre Bewunderer von heute. Die Altstadt von Venedig, eine der populärsten Touristenattraktionen des Planeten, hat derzeit etwas über 50 000 Einwohner – und 27 oder 32 Millionen auswärtige Besucher jährlich. (Die genaue Zahl ist umstritten.)

Tourismus ist der drittgrößte Dienstleistungssektor des Planeten: eine gewaltige Industrie, die ihren Kunden überzeugend versichert, dass sie das genaue Gegenteil einer Industrie sei, nämlich echtes individuelles Erlebnis – nur für Dich, ganz allein.

Deswegen heißen Reiseführer in Millionenauflage ja auch “Lonely Planet“ und verraten ihren Lesern “Geheimtipps“, ganz exklusiv. Könnte es sein, dass jeder Besucher zwar glaubt, dass er sich Einsamkeit wünscht, aber in Wirklichkeit etwas ganz anderes sucht, die anderen Touristen nämlich?

Der Wunsch nach Authentizität

Dasselbe gilt für den Wunsch, das Authentische von früher zu besichtigen. Venedig war seit dem 17. Jahrhundert eine Attraktion der “Grand Tour“, der Bildungsreise nach Italien, zuerst für Adelige, dann auch für wohlhabende Bürgerliche. Der venezianische Karneval war schon im Mittelalter gefeiert worden, allerdings als blutige Metzger-Splatter-Party.

Dann verboten, wurde er 1867 in völlig neuer Form eingeführt, und zwar explizit dafür, “Fremde in die Stadt zu bringen, die Geld haben.“ Zur erfolgreichen Touristenattraktion wurde er erst durch Federico Fellinis Film “Casanova“ von 1976. Anders gesagt, er ist ein Jahr jünger als Rudi Carrells Sommerhit.

Tourismus ist eine Vervielfältigungsmaschine

Um zur Touristenattraktion zu werden, darf das richtig authentische Alte nämlich nicht von gestern sein, sondern topaktuell. Außerdem muss es sofort erkennbar sein, als sein eigenes Wahrzeichen. Das haben der Dom von Köln und die Akropolis von Athen gemeinsam mit Notre-Dame de Paris, der Wartburg und den allermeisten historischen Denkmälern Europas: Ihre heutige Form haben sie in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bekommen. Oder noch später, wie die berühmten mittelalterlichen Türme von San Gimignano. Die erhielten ihr Aussehen am Ende der 1920er-Jahre unter Benito Mussolini (da wurden sie um ein Drittel erhöht), ebenso wie der “Palio“, das Pferderennen in Siena.

Der moderne Fremdenverkehr ist das Ergebnis von drei Innovationen, die ihn erst technisch ermöglicht haben: Fotografie, Eisenbahn, Grand Hotel. Auf ihren Spuren sind wir seither unterwegs: Tourismus ist eine Vervielfältigungsmaschine, die auf sich selbst kopierenden Bildern beruht. Wenn wir reisen, wollen wir eben Geheimnisse sehen – aber bitte solche, die wir schon kennen. Und die echte Vergangenheit – aber bitte barrierefrei, sauber und gut ausgeleuchtet.

Und das authentische Alte, das Echte von früher? Das ist wahrscheinlich, wie der endlose blaue Sommer, ein Paradox der Erfüllung. Es wird, wie ein anständiger italienischer Palast, ununterbrochen renoviert.

Valentin Groebner Quelle: Franca Pedrazzetti

Valentin Groebner, geboren 1962 in Wien, lehrt als Professor für Geschichte des Mittelalters und der Renaissance an der Universität Luzern. Sein Buch “Retroland“ (224 Seiten, 20 Euro) ist bei S. Fischer erschienen.

Von Valentin Groebner

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