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Kultur Reise ins Offene: Buchpreisträger Bodo Kirchhoff
Nachrichten Kultur Reise ins Offene: Buchpreisträger Bodo Kirchhoff
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00:05 19.10.2016

„Widerfahrnis“. Etwa vor fünf Jahren habe er dieses Wort zum ersten Mal gehört, sagt Bodo Kichhoff. Von da an sei er Inhaber eines so machtvollen Wortes gewesen, das in der Theologie und bei Heidegger, nicht aber im Duden eine Rolle spiele. Dann, berichtet der 68-Jährige weiter, habe er darauf gewartet, dass sich dazu eine Geschichte einstellte. Und das dauerte. Gestern Abend hat er in Frankfurt am Main den mit 25000 Euro dotierten Deutschen Buchpreis gewonnen, für ein Werk, das dieses Wort im Titel trägt: „Widerfahrnis“.

Bodo Kirchhoff (68) am Rande der Preisverleihung in Frankfurt Quelle: Arne Dedert/dpa

Ich bin sehr viel glücklicher als man mir vielleicht ansieht.“

Der Buchpreisträger

Bodo Kirchhoff

„Ich bin sehr viel glücklicher als man mir das vielleicht ansieht“, sagt der im Hamburg geborene und seit 46 Jahren in Frankfurt lebende Autor.

Das Buch sei „ein vielschichtiger Text, der auf meisterhafte Weise existenzielle Fragen des Privaten und des Politischen miteinander verwebt und den Leser ins Offene entlässt“, begründete die siebenköpfige Jury ihre Wahl. In dem Roman (Frankfurter Verlagsanstalt) bricht ein im Ruhestand lebender Verleger mit einer Zufallsbekanntschaft zu einer spontanen Autoreise in den Süden auf.

Sehr bedächtig zunächst, sehr zart, in vorsichtigen Dialogen und mit vielen Zigaretten lässt Kirchhoff diese Liebesgeschichte beginnen. Er heißt nur Reither, sie hat auch einen Vornamen, Leonie, ist aber meist „die Palm“. Reither war Verleger, doch die Leute lesen nicht mehr, es gibt „mehr Schreibende als Lesende“ – so hat er seinen Kleinverlag dichtgemacht und sich in ein Alpental zurückgezogen. Die Palm führte einen Hutladen, doch die Leute tragen keine Hüte mehr, „es gab für meine Hüte immer weniger Gesichter“, sagt sie – auch sie ist an jenem Rückzugsort gestrandet.

So kommt es, wie es kommen muss: Die beiden treffen aufeinander. Noch einmal Aufbruch also für die beiden, im übertragenen Sinn, aber auch ganz wörtlich: Sie machen sich auf zu einer Reise auf die italienische Mittelmeerinsel Sizilien. Vertrautes Terrain ist das für den Italien-Kenner Bodo Kirchhoff, schon seine letzten beiden Romane „Verlangen und Melancholie“ (2014) und „Die Liebe in groben Zügen“ (2012) waren dort angesiedelt.

Eine Reise in eine mögliche gemeinsame Zukunft – doch auch in die Vergangenheit: Ging Reither doch einst eine große Liebe verloren, weil er das Kind abtreiben lassen wollte. Auch die Palm leidet an der Erinnerung, der Selbstmord ihrer Tochter hat sie traumatisiert. So ist das Flüchtlingsmädchen, das in Catania vor ihnen steht und das sie sich kurzerhand ins Auto laden, für die beiden wie ein Hoffnungszeichen – lässt sich verlorenes Familienleben vielleicht noch nachholen? Doch so einfach macht es Kirchhoff seinen Lesern nicht. Reither ist überfordert mit der Situation, die Konfrontation mit der rauen Gegenwart gefährdet seine individualistische Glückssuche.

Der eilige Leser ist bei Kirchhoff nicht an der richtigen Stelle, man braucht Geduld: Langsam, akribisch, fast wie in Zeitlupe beschreibt der Autor, was seinen Figuren widerfährt, faltet die Situationen auf, in die sie hineingeraten. Immer wieder gibt es neue Wendungen, und der Ausgang der Geschichte zeigt sich erst im letzten Satz.

Kirchhoff setzte sich gegen Reinhard Kaiser-Mühlecker („Fremde Seele, dunkler Wald“), André Kubiczek („Skizze eines Sommers“), Thomas Melle („Die Welt im Rücken“), Eva Schmidt („Ein langes Jahr“) und Philipp Winkler („Hool“) durch. Die Finalisten erhalten jeweils 2500 Euro. Im vergangenen Jahr hatte Frank Witzel mit „Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969“ den Deutschen Buchpreis gewonnen.

Kirchhoff – Kurzporträt

Bodo Kirchhoff zählt zu den wichtigsten zeitgenössischen Autoren deutscher Sprache.

Geboren wurde er 1948 in Hamburg. 1968 macht er Abitur in einem christlichen Internat am Bodensee. 2010 berichtet er im „Spiegel“, dass er als Schüler in der Internatsschule sexuell missbraucht worden sei.

Kirchhoff lebt in Frankfurt am Main und am Gardasee, wo er seit 2003 gemeinsam mit seiner Frau Ulrike Bauer Schreibseminare gibt.

Wichtige Werke sind: „Infanta“ (1990), „Parlando“ (2001), „Wo das Meer beginnt“ (2004), „Eros und Asche“ (2007),„Die Liebe in groben Zügen“ (2012 , auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis) „Verlangen und Melancholie“ (2014).

Auszeichnungen: Rheingau-Literaturpreis, Carl-Zuckmayer-Medaille. 2016: Deutscher Buchpreis für die Novelle „Widerfahrnis“.

Stephan Maurer und Jürgen Kleindienst

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