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00:00 15.06.2017
Hans-Hendrik Grimmling in der Potsdamer Galerie Sperl vor seiner Acryl-Arbeit „Wir sind immer wieder dabei“ von 2016. Quelle: Foto: Bernd Gartenschläger

Hans-Hendrik Grimmling wird am 13. Juli 70 Jahre alt. Zwei Ausstellungen unter dem Titel „Im siebten Raum“ ehren den gebürtigen Sachsen in Berlin und Potsdam. In der Berliner Landesvertretung des Freistaates Sachsen sowie in der Potsdamer Galerie Sperl liegt ein Katalog mit einem autobiografischen Text aus. „Meine sieben Ateliereroberungen kennzeichnen auch meine jeweiligen sozialen Veränderungen“, heißt es. Seine „Behausungen“ lagen in Zwenkau, Leipzig, Berlin. „In den letzten Jahren wurde mir immer bewusster, dass meine Reise mit den wenigsten Schritten meine größte, weiteste Unternehmung von Ent-Fernung war – durch den Tränenpalast über die Grenze von Ost nach West, die Übersiedlung 1986 von Leipzig nach Westberlin.“

Wie sich der Maler Hans-Hendrik Grimmling von der Leipziger Schule abgesetzt hat

Es ist 30 Jahre her, dass der Spross der Leipziger Schule mit wehender Fahne den engen Staat und wichtige Freunde hinter sich ließ, um als Linker im Westen Krach zu schlagen. Von den ersehnten Freiheiten machte er beherzt Gebrauch, pilgerte nach Chile, New York, Halifax. „Heute wird mir der Innenblick aber immer wichtiger, das heißt nicht, dass ich nicht mehr reisen will, aber erst kürzlich in Äthiopien habe ich die Gegenwart nicht ertragen“, bekennt er. Manchmal frage er sich, ob der angesagte Internationalismus nicht doch „Kacke“ sei.

Grimmlings unverwechselbare Malerei besticht durch Kraftmeierei, entschiedene, energische Gesten, plakative Tumulte. Dabei ist er alles andere als selbstzufrieden, er zweifelt an sich und der Welt.

Er hadert, dass er mit Acryl und nicht mit Öl malt, dass seine Figuren in der Abstraktion zermalmt werden, dass „blasphemische Handwerker“ hoch im Kurs stehen. Er wollte stets beides: „sinnhafte Kunst machen und eine richtige Biografie leisten“.

Grimmling zeigt auf eine Glasvase, in der Weidenkätzchen und ein blaues Papierfähnchen mit goldenem Sterne-Kreis stehen. Sein Weggefährte Peter Herrmann habe die Vase gemalt. „Der Herrmann müsste das noch mal malen – mit der braunen Suppe unten“, ruft Grimmling sächselnd und zeigt auf einen hartnäckigen Rest abgestandenen Wassers. Für ihn sei das kein Motiv. „Ich habe mich von der narrativen Malerei und von solchen Symbolen abgewandt.“

Wieder so ein Widerspruch, der sich aufdrängt: Grimmlings Weltbild wimmelt von Geschichten, gesellschaftspolitischen Argumenten und Bekenntnissen. Seine Sicht der Dinge möchte er aber nicht – wie die Lehrer der Leipziger Schule – in Tafelbildern zum Ausdruck bringen. Ein kleines Bild von Wolfgang Mattheuer mit einem runterrollenden Kopf („vielleicht ein Marx-Kopf?“) war für Grimmling 1970 der Auslöser, um von der feinsinnigen Kunsthochschule in Dresden an die sozialkritisch ausgerichtete Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig zu wechseln. Durch die intensive Auseinandersetzung mit Lehrern wie Werner Tübke („solche Genies sind moralisch nicht zu kriegen“), Bernhard Heisig („ein großer Klauer – siehe Lovis Corinth“) oder Mattheuer („seine metaphorische Kritik würde ich immer noch verteidigen“) wurde Grimmling ein anderer.

Er wollte sich nicht auf den Realismus beschränken und erfand zusehends abstrakte, kompakte, wuchtige Pathosformeln, die selten einfach zu entschlüsseln sind und einen dekorativen Reiz nicht fürchten. Figürliche Elemente finden sich dennoch viele in seinen Bildern, da sind Hände und Gesichter, Glocken und Knoten, Krallen, Schnäbel, Vogelgefieder. „Ein Selbstporträt mit Flügeln habe ich schon 1970 gemalt“, erinnert sich Grimmling, der auch Umarmungen zwischen Mensch und Vogel malt. Sein aggressives Triptychon „Die Umerziehung der Vögel“, 1978 in Leipzig entstanden, wird im Herbst von einem privaten Sammler ans Museum Barberini in Potsdam für die Ausstellung „Hinter der Maske. Künstler in der DDR“ ausgeliehen. „Die Umerziehung der Vögel“ heißt auch Grimmlings Autobiografie (2008), in der er über seine DDR-Erfahrungen detailreich berichtet.

In den aktuellen Ausstellungen lässt er seine Bilder sprechen, die oft von schwarzer Farbe dominiert werden. Das Schwarz entsteht, nachdem er viele bunte Farben mit langstieligen Besen übereinanderschichtet. „Letzte Akzente setze ich mit Elfenbeinschwarz und einem Hauch Pariser Blau“, erklärt Grimmling.

Das Drama der weggegangenen Maler

Hans-Hendrik Grimmling reiste – wie viele studierte Malerkollegen seiner Generation – in den 1980er Jahren aus der DDR in den Westen aus. Auf dem westlichen Kunstmarkt konnte sich nach A.R. Penck keiner von ihnen im oberen Segment durchsetzen. Übergesiedelte Maler wie Peter Herrmann, Lutz Dammbeck, Hans Scheib, Ralf Kerbach, Cornelia Schleime, Lutz Friedel oder Volker Stelzmann hatten es oft schwer, weiterhin von der Kunst zu leben.

Bereits 1977 auf der sechsten documenta in Kassel war es „offiziellen DDR-Künstlern“ gelungen, im Westen Beachtung zu finden. Nach der Wende wurden sie dann weiterhin hoch gehandelt. Bilder von Wolfgang Mattheuer, Werner Tübke, Bernhard Heisig, Arno Rink, Willi Sitte stiegen im Wert.

Andere junge Künstler, die in der DDR geblieben waren, konnten sich in der Nachwendezeit auf dem internationalen Kunstmarkt durchsetzen. Beispiele hierfür sind Neo Rauch (Neue Leipziger Schule) oder Olaf Nicolai, dessen Konzeptkunst auch auf der aktuellen documenta zu sehen ist.

Karim Saab

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