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Kultur Revolution ohne roten Faden
Nachrichten Kultur Revolution ohne roten Faden
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00:00 28.10.2017
Berlin

Immer wieder rote Fahnen, wie Fixpunkte findet man sie in den Gemälden – als seien es brennende Fackeln, die Licht ins Dunkel bringen. Auch der DDR-Maler Werner Schulz hat sie 1976 in seinem Bild „Die Oktoberrevolution“ blutrot platziert. Handwerklich ist es solide, was Schulz gemalt hat, die Arbeiter springen fast aus dem Bild, die Kraft ist greifbar. Doch das Werk ist inhaltlich ein schwacher Aufguss jenes Glaubens, die Russische Revolution habe das Leben der Arbeiter gerettet.

Mit der Sonderausstellung „1917. Revolution. Russland und Europa“ will das Deutsche Historische Museum in Berlin die russische Revolution erklären

80 Leihgeber haben mitgewirkt, so dass in der Schau insgesamt 500 Exponate zu sehen sind.

Wenn das Deutsche Historische Museum in seiner neuen Sonderausstellung „1917. Revolution. Russland und Europa“ solche großflächigen Wimmelbilder wie von Schulz ins Licht rückt, kommt der Betrachter zu sich, kann das Gemälde wirken lassen und die Stilmittel der Propaganda gründlich sortieren. Er kann sie, je nach Geisteshaltung, verwerfen. Oder die Faust zum Kampfe recken. Leider bietet diese Schau mit mehr als 500 Exponaten nur selten solche Ruhe, die nötig ist, um all die Widersprüche, Auswirkungen, Versprechen und Lügen der Revolution im Kopf halbwegs zu ordnen. Die Ausstellung erinnert an ein unaufgeräumtes Wohnzimmer. Zusammenhänge verlieren sich in Details, die Räume sind geteilt durch unruhig eingezogene Stellwände. Solche Nervosität lässt keinen roten Faden zu. Zumal die Hinweisschilder zu den Exponaten mancherorts mehr Platz einnehmen als die ausgestellten Stücke selbst. Welcher Text erklärt hier welchen Säbel, welches Bild, welche Postkarte? Das ist nicht immer deutlich, die Suche kostet Nerven.

Die Ausstellung erzählt von der Revolution vor 100 Jahren – vom Freiheitskampf, getragen von Hunderttausenden, die sich über das diktatorische, rückwärtsgewandte Regime des Zaren empörten und binnen Tagen stürzten. Das Museum setzt um das Jahr 1870 mit seinen Exponaten ein, dem gut strukturierten Teil der Schau. Die Erbärmlichkeit des bäuerlichen Lebens in Russland wird geschildert, der Bildungshunger der Frauen, die nicht auf Universitäten durften. Frauenkleid, Halbstiefel und Hut, alles in Schwarz gehalten, stehen in einem Schaukasten, um die strenge, von Schwermut geprägte Garderobe der Zeit zu illustrieren.

Im Jahr 1917 kochte die Wut des Volkes über, ihr späterer Anführer Lenin verschlief die Revolution zunächst im Züricher Exil. Am 9. April 1917 setzte er sich in den Zug, fuhr heim nach Russland und sagte zu seinen Freunden: „Entweder sind wir in sechs Monaten Minister oder wir hängen.“

Die Tage der Revolution treiben das Museum zu einem schier übermotivierten Kraftakt. So konfus die Tage des Aufstandes verliefen, so verquer zeigen sich Räume und Themenfelder, ohne die Spreu vom Weizen zu trennen. Uniformen, Fahnen, Plakate, Waffen, Schalmeien, Zeitungen, Handschriften, Bücher verlieren sich in einer Melange der Kleinteiligkeit und einem Übermaß an didaktischen Formen.

Filme, Vitrinen, Gemälde, Stellwände – die Strukturierung einer hoch energetischen Zeit wird hier bei oftmals fahlem Licht aus den Augen verloren. Welche Einflüsse hat die Revolution auf Europa gehabt? Das Museum richtet den Blick nach Italien, wo der russische Erfolg der Bolschewiki die Gegenbewegung stark machte: die Faschisten um Benito Mussolini. Auch in Deutschland gab es Umsturzversuche von der radikalen Linken bis zur radikalen Rechten, Fotos dokumentieren wie Konservative Gruppen unter Lebensgefahr Plakate an die Russische Botschaft kleben: „Bolschewismus ist Hunger und Tod“.

Ort der Ruhe sind in der Ausstellung durchweg die Gemälde, etwa jene der russischen Arbeiterinnen, von Konstantin F. Juon und Georgi G. Rjaschski. Sie zeigen die Andacht im Blick, rote Kopftücher, doch auch die Leere in den Augen, die von Erschöpfung erzählt und von Ratlosigkeit.

Entschieden anders wirkt das bei Lenin, der auf Bildern wie ein nahbarer Kumpel mit einer großen Bibliothek aussieht. Ein Heldenbild von Lenin hingegen hat Isaak I. Brodski 1924 gemalt. Lenin eröffnet den II. Kongress der Kommunistischen Internationale, er streckt die Hände in die Luft, als greife er nach einer goldenen Zukunft. Das Deutsche Historische Museum allerdings entlässt seine Besucher mit dem Gefühl, die Ära der Revolution noch einmal komprimiert in einem Buch nachschlagen zu müssen.

Hintergründe zur Schau

Vor 100 Jahren wurde der letzte Zar, Nikolaus II., gestürzt, die Bolschewiki kamen nach langen Kämpfen an die Macht und gründeten unter ihrem Anführer Wladimir Iljitsch Lenin die Sowjetunion.

In Zusammenarbeit mit dem Schweizer Nationalmuseum hat das Deutsche Historische Museum in Berlin die Ausstellung „1917. Revolution. Russland und Europa“ konzipiert.

Die Sonderausstellung ist bis zum 15. April 2018 im Deutschen Historischen Museum zu sehen (Unter den Linden 2, Berlin-Mitte). Geöffnet ist täglich zwischen 10 und 18 Uhr. Weitere Informationen finden sich im Internet, unter: info@dhm.de

Lars Grote

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