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Rio Reiser: leicht entflammbar

Lübeck Rio Reiser: leicht entflammbar

Vor 20 Jahren ist der Musiker und Wegbereiter des Deutschrocks in Nordfriesland gestorben

Lübeck. Es war ihm nicht gut gegangen die letzten Tage. Er hatte sich nicht wohlgefühlt. Jetzt lag er auf seiner Matratze, tot, mit 46 Jahren. Rio Reiser war an Herz- und Kreislaufversagen gestorben, so stand es später im Totenschein. Als sie ihn begruben, taten sie das im Garten des alten Bauernhauses, oben in Fresenhagen nahe der dänischen Grenze, wo er gewohnt hatte. Das Fax mit der Genehmigung von Ministerpräsidentin Heide Simonis kam, als sie den Sarg nach dem Gottesdienst in Leck aus der St.-Willehad-Kirche trugen.

Es gibt nicht viele Rockstars in Schleswig-Holstein, Rio Reiser war einer von ihnen. Aber er war zugereist, geflohen aus Berlin, wo alles zu viel geworden war für ihn und Ton Steine Scherben. Es war schon seltsam, sie oben in der nördlichsten Ecke der Republik zu finden. Ton Steine Scherben schienen da irgendwie nicht hinzugehören.

Das lag an den Texten, die Reiser zu dem knochigen Scherben-Rock geschrieben hatte. Die klangen eher nach Berlin, nach den Metropolen. Die erzählten von Hausbesetzungen und Streikposten, vom Straßenkampf. Tatsächlich hatte die Band auch anderes im Programm, Liebeslieder, Durchhaltesongs, und die stammten ebenfalls von Rio Reiser. Er bewegte sich zwischen Rock’n’Roll und Julio Iglesias, zwischen der Politparole und manchem, was hart am Kitsch gebaut war. Aber es gelangen ihm auch Zeilen für kleine Ewigkeiten. „Macht kaputt, was euch kaputt macht“ zum Beispiel oder „Keine Macht für niemand“, der Titel ihres zweiten Albums.

Ton Steine Scherben hatten damals schon eine Weile kleine und größere Bühnen bereist, auch 1970 beim Fehmarn-Festival mit dem letztem Auftritt von Jimi Hendrix waren sie dabei.

Nachlesen kann man das alles in einem Buch, das zu Rio Reisers 20. Todestag erschienen ist. Sein Bruder Gert hat es geschrieben, der mittlere von drei Möbius-Brüdern. Es ist auch ein Fan-Buch geworden und soll wohl manches in der zum zehnten Todestag veröffentlichten Biografie des Journalisten Hollow Skai korrigieren, der auf die Reiser-Erben nicht sehr gut zu sprechen ist. Gert Möbius stützt sich auf Erinnerungen und Tagebücher seines Bruders, auf Briefe und unveröffentlichte Texte. Er gibt so Einblick in den Seelenhaushalt eines Menschen, der stets auf der Suche war.

Heute ist von Rio Reiser in Schleswig-Holstein nicht mehr viel geblieben. Seine Gebeine wurden umgebettet, er liegt nun auf dem Berliner St.-Matthäus-Kirchhof begraben. Der alte Fresenhagener Bauernhof, den sie 1975 für 50000 Mark gekauft hatten, ist vor zwei Jahren versteigert worden. Er ging an eine Frau aus Mönchengladbach. Sie war übers Internet auf den Hof gestoßen. Von der Geschichte des Hauses, sagte ihr Mann, habe sie nichts gewusst. Peter Intelmann

OZ

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