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Rückseite der offiziellen Kunst

Cottbus/Ahrenshoop Rückseite der offiziellen Kunst

Mit Aktionen in Ludwigslust und Ahrenshoop rebellierte die DDR-Künstlergruppe Clara Mosch in den 70er Jahren gegen das Establishment. Cottbus zeigt jetzt ihre Geschichte.

Cottbus/Ahrenshoop. Leipzig war der Gegner. Nicht nur bei den Fußballspielen, in denen Künstlermannschaften bei Ausstellungseröffnungen gegeneinander kickten. Der figurative Malstil, für den die Leipziger Schule stand, war auch genau das, wogegen die Mitglieder der Künstlergruppe Clara Mosch antraten. Fast alle hatten sie bei den großen Leipziger Meistern wie Tübke oder Mattheuer gelernt, und alle hatten sich schließlich auf eine Abkehr von der Farbe, hin zu Grafik und Druck besonnen. So war die Eröffnung der Galerie Clara Mosch am 30. Mai 1977 in Karl-Marx-Stadt auch ein Statement gegen die Stars der offiziellen DDR-Kunst und die Ankündigung eines neuen Kunstbegriffes. Im Dieselkraftwerk in Cottbus sind die Werke der Gruppe derzeit zu sehen.

Clara Mosch warb für einen Neuanfang – für die Auflehnung gegen eine als verstaubt empfundene Staatskunst. Schon der Name des Kollektivs hatte etwas Artifizielles, setzte er sich doch aus Namensteilen der beteiligten Künstler Carlfriedrich Claus, Thomas Ranft, Dagmar Ranft-Schinke, Michael Morgner und Gregor-Torsten Schade, der allerdings später Kozik hieß, zusammen. Und der Gedanke, in den späten 70er Jahren eine unabhängige Galerie zu eröffnen, um Künstlern alternative Ausstellungsmöglichkeiten zu bieten, war an sich schon subversiv.

Aus der Eröffnung der bescheidenen, 25 Quadratmeter großen Ausstellungsfläche wäre damals fast nichts geworden. Erst als die fünf Künstler bereit waren, den Beirat der Galerie paritätisch mit zwei Clara-Mosch-Mitgliedern und zwei Kulturbundvertretern zu besetzen, gab es eine Genehmigung. Immerhin fünf Jahre existierte das Experiment, bis die Truppe zermürbt – am Ende saßen acht Funktionäre im Beirat – und von der Stasi unterwandert, entnervt aufgab. Doch Clara Mosch hatte viel bewegt. Überall in der Republik schossen ähnliche Projekte aus dem Boden. Und: Clara Mosch hatte zumindest in bestimmten Kreisen für ein neues Kunstverständnis gesorgt.

Vor allem die Pleinair-Aktionen verlangten den Kunstinteressierten einiges ab. Die Künstler zogen dabei allerdings nicht, wie deren Pioniere im 19. Jahrhundert mit Staffelei und Pinsel in die Natur, um dort gemeinsam zu malen, sondern versuchten gemeinsam, an dieses Ambiente angepasste neue Kunstformen zu entwickeln. Spektakulär etwa die von Ralf-Rainer Wasse – der übrigens später als Stasi-Spitzel enttarnt wurde – mit der Kamera festgehaltene Baumbesteigung beim Pleinair 1979 in Ahrenshoop: Drei Männer eignen sich auf symbolische Weise die Landschaft der DDR an. „Landart oder Performance nennt man so etwas heute“, sagt der Kustos des Cottbuser Dieselkraftwerks, Jörg Sperling. In einem Land wie der DDR, in dem der Sozialistische Realismus als Maß aller Dinge galt, war das nicht nur neu, sondern zugleich eine Provokation. Genauso wie die sogenannte Leussow-Recycling-Aktion von 1977, als die Gruppe in der Nähe von Ludwigslust auf einem gerodeten Waldstück eine spontane Aktion veranstaltete, die mit einer Super-8-Kamera festgehalten wurde. Aus Holzresten wurden Skulpturen, die schließlich am Ende in Brand gesetzt und deren Asche in kleine Glasröhren gefüllt wurde. Diese wiederum wurden zusammen mit kleineren Kunstwerken und Fotos der Aktion in einen Koffer gepackt, der nun in Cottbus ausgestellt ist.

Die Schau zeigt Druckgrafiken, Fotografien und Alltagskunst von Clara Mosch. Objekte, die erahnen lassen, warum die Staatsmacht von dem Treiben der Karl-Marx-Städter alles andere als begeistert war.

Selbst staatliche Auftragsarbeiten hintertrieb die Gruppe. Die Dokumentation der Arbeit in der Gießerei Rudolf Harlaß zeigt ein Schwarz-Weiß-Foto, auf dem nichts als Qualm zu sehen ist. Kein klassenbewusster, heroischer Arbeiter weit und breit – nur ein riesiger Hammer ist zu erkennen. Arbeitsbedingungen wie zu Karl Marx’ Zeiten, sagt Kustos Jörg Sperling. Gregor-Torsten Kozik und Ralf-Rainer Wasse zeigten 1983 die Rückseite des Sozialistischen Realismus.

Mathias Richter

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