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SED-Filmverbote und eine angeschlagene Kulturszene

Berlin SED-Filmverbote und eine angeschlagene Kulturszene

Die Drohung des hochrangigen SED-Funktionärs im Defa- Filmstudio Babelsberg war unmissverständlich: „Wer die Hand gegen die Arbeiterklasse erhebt, dem wird sie abgehauen!“ ...

Berlin. Die Drohung des hochrangigen SED-Funktionärs im Defa- Filmstudio Babelsberg war unmissverständlich: „Wer die Hand gegen die Arbeiterklasse erhebt, dem wird sie abgehauen!“ Es ging bei dieser Veranstaltung Mitte der 60er Jahre um den Film „Spur der Steine“ von Frank Beyer, der wie zahlreiche andere Defa-Filme bis zum Ende der DDR im „Tabu-Tresor“ oder „Giftschrank“ der „Partei der Arbeiterklasse“ verschwand und erst 1990 auf der Berlinale wieder öffentlich zu sehen war. Es war eine der verheerenden Folgen für die Kulturszene der DDR nach dem berüchtigten SED-Plenum Ende 1965, was jetzt in dem faktenreichen, mit zum Teil bisher unveröffentlichten Dokumenten erschienenen Band „Verbotene Utopie — Die SED, die Defa und das 11. Plenum“ (Bertz + Fischer, Berlin) spannend nachzulesen ist. Es ist die bisher wohl umfassendste Dokumentation zu diesem Thema, übrigens auch mit einer Originalton-CD und Netzverweisen auf die im Bundesarchiv per Internet abrufbaren Tondokumente. „Sie dürfen doch nicht denken, dass wir uns als Partei- und Arbeiterfunktionäre weiter von jedem beliebigen Schreiber anspucken lassen, liebe Genossen! Das ist zu Ende, absolut zu Ende“, machte SED-Chef Walter Ulbricht deutlich. Wenn sich Politiker in totalitären Staaten mit Künstlern „beschäftigen“ wollen, schrillen die Alarmglocken, erinnerte das die damals Betroffenen doch an die ähnlich klingende und bedrohliche Wortwahl der Nazis im Dritten Reich. So klang es auch aus der Zentrale der DDR-Staatssicherheit, die nach dem Kulturplenum „neue Aufgaben“

sah, denn „Skeptizismus ist kein Weg, sondern eine Krankheit, die wir ausrotten müssen“.

Was aber löste diesen fanatischen Hass der Parteifunktionäre aus, ging es doch angeblich „nur“ um Literatur, Theater und Filme, wie „Das Kaninchen bin ich“ von Kurt Maetzig, „Der Frühling braucht Zeit“ von Günter Stahnke oder „Wenn du groß bist, lieber Adam“ von Egon Günther. Die Künstler sind den Funktionären plötzlich zu „realistisch“. Dabei waren die Filme in Wahrheit liebevoll-kritische Annäherungsversuche der Künstler an ihren zweiten deutschen Staat getreu dem Motto: „Wer liebt, darf kritisieren.“

Von Wilfried Mommert

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