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Sarotti-Mohr und Völkermord

Berlin Sarotti-Mohr und Völkermord

Deutsches Historisches Museum zeigt die Nachwirkungen des deutschen Kolonialismus bis in die Gegenwart

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Soldat der deutschen Schutztruppe an einem unterspülten Bahndamm zwischen Keetmanshoop und Lüderitz, Fotografie, um 1910

Quelle: Fotos: Dhm

Berlin. Die deutsche Kolonialzeit liegt schon fast hundert Jahre zurück: Mit dem Ende des Ersten Weltkriegs 1918 verlor das Deutsche Reich seine Besitzungen in Afrika und Ozeanien. Bald folgten Weltwirtschaftskrise, Nationalsozialismus und der nächste Krieg – Ereignisse, die die Deutschen fast vergessen ließen, dass auch sie einmal einen „Platz an der Sonne“

OZ-Bild

Deutsches Historisches Museum zeigt die Nachwirkungen des deutschen Kolonialismus bis in die Gegenwart

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hatten. Übrig blieb für viele nur der Sarotti-Mohr auf der Schokoladentafel. Das Deutsche Historische Museum in Berlin zeigt allerdings jetzt mit einer Ausstellung, dass die Folgen des Kolonialismus durchaus bis heute nachwirken.

Wie aktuell das Thema ist, zeigt die Debatte um den Völkermord an den Herero zwischen 1904 und 1908 in Namibia. Als der Bundestag im Juni die Ermordung der Armenier im Osmanischen Reich als Völkermord brandmarkte, wiesen türkische Politiker empört darauf hin, dass die Deutschen mit ihrer eigenen Vergangenheit nicht so streng umgingen. Tatsächlich hat noch nie ein deutsches Parlament den grausamen Massenmord im damaligen Deutsch-Südwestafrika als Völkermord tituliert.

Die Ausstellung heißt daher auch nicht von ungefähr „Deutscher Kolonialismus. Fragmente seiner Geschichte und Gegenwart“, sagt Heike Hartmann, eine der beiden Kuratoren der Schau: „Das ist eine Geschichte, die uns bis heute noch alle angeht.“ Mehr als 500 Exponate aus historischen, ethnologischen und naturkundlichen Sammlungen sowie zahlreiche Gemälde, Grafiken, Alltagsgegenstände, Plakate, Dokumente und Fotografien wurden zusammengetragen. Sie sollen laut Hartmann einen Einblick in die Ideologie geben, die dem Kolonialismus zugrundelag und auch in die alltägliche Gewalt, mit der der Herrschaftsanspruch durchgesetzt werden sollte.

Aber auch die andere Seite wird beleuchtet: „Wir wollten nicht nur die oft nostalgische Sicht der Kolonialmächte zeigen, sondern auch die der Kolonisierten“, sagt Hartmann. So wurden Petitionen und Beschwerdebriefe ausgewertet, in denen sich Menschen in Togo über die schlechte Behandlung durch die Deutschen beklagten und die teilweise in europäischen Zeitungen veröffentlicht wurden.

Eine weitere spannende Quelle sind Tonaufnahmen aus deutschen Kriegsgefangenenlagern im Ersten Weltkrieg. Sie waren eigentlich für die ethnologische Forschung gedacht: Die Deutschen wollten die verschiedenen Sprachen untersuchen, die von den französischen und britischen Soldaten aus den jeweiligen Kolonien gesprochen wurden. „Darauf ist aber auch zu hören, wie die Soldaten über ihren Alltag und ihre Behandlung in der Armee reden“, sagt Hartmann.

Vorbereitet wurde die Ausstellung seit 2013, also vor Beginn der aktuellen Flüchtlingswelle. Dennoch leistet sie einen Beitrag zur Debatte über Flucht und Fluchtursachen: „Themen wie Globalisierung, Flucht, Handelsbeziehungen oder auch der Internationale Gerichtshof zeigen, dass der Kolonialismus Wirkung bis in die Gegenwart hat“, sagt der andere Kurator der Schau, Sebastian Gottschalk. So sei schon damals die Wirtschaft in den Kolonien vor allem danach ausgerichtet worden, die Kolonialmächte mit Rohstoffen zu versorgen. „Auch politische Strukturen, die vor allem auf die Durchsetzung des Herrschaftsanspruchs angelegt waren, wurden nach der Unabhängigkeit der Staaten oft übernommen“, sagt Gottschalk.

Übernommen wurde auch der Sarotti-Mohr, der die Deutschen bis vor wenigen Jahren an die vermeintlich wildromantisch-abenteuerreiche Kolonialgeschichte erinnerte. Er wurde 2004 politisch korrekt goldfarben angestrichen. Andere Überbleibsel der Kolonialzeit dürften nicht so leicht zu übertünchen sein.

Riesige Gebiete unter kaiserlicher Flagge

9 Schutzgebiete umfasste das Deutsche Kolonialreich bis 1919. Das größte war Deutsch-Ostafrika (heute Tansania, Burundi und Ruanda) mit einer Gesamtfläche von 995000 Quadratkilometern. Den rund 7,5 Millionen Einwohnern standen nur knapp 3600 Deutsche gegenüber. Die zweitgrößte Kolonie war Deutsch-Südwestafrika (heute Namibia) mit 835000 Quadratkilometern. Obwohl dort weniger als 100000 Menschen lebten, überstiegen die Ausfuhren (vor allem Erze, Edelsteine, Marmor, Mais, Kautschuk und Häute) die aus Ostafrika. Wie in allen seinen Kolonien musste das Deutsche Reich jedoch mehr Geld investieren, als es erwirtschaften konnte. Der Herero-Aufstand (1904-08) in Deutsch-Südwestafrika wurde niedergeschlagen. Zehntausende Afrikaner starben. Das Massaker gilt als erster Völkermord des 20.

Jahrhunderts.

Axel Büssem

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