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Schauspiel konzertant: Neutschs Roman gesungen

Rostock Schauspiel konzertant: Neutschs Roman gesungen

Volkstheater bringt Uraufführung einer eigenen Fassung „Spur der Steine“

Rostock. Die neun Akteure tragen Mikroports. Das stört hier nicht weiter, denn szenisch gespielt wird in dieser schauspielerischen Roman-Adaption „Spur der Steine“ auf der Rostocker Großen Bühne (Inszenierung Albert Lang) ohnehin fast nicht. Vielmehr treten die Darsteller nacheinander ins Rampenlicht vor einen Bretterzaun und singen bzw. sprechsingen oder sprechen ellenlange monologische Prosaerzählungen zur Dauermusik einer kleinen Band links im Bühnengraben. Dabei gießen sie in ihrem Nacheinander geradezu überwältigende Riesenmengen an Text ins Publikum, so wie in der Handlung die Kipper der DDR-Großbaustelle „Schkona“ (Mix aus Schkopau und Leuna). Unmengen von Kies entsprechend des heiligen Plans genau dorthin bringen, wo wegen falscher Projektierung die Fundamente gleich nach der Errichtung wieder gesprengt werden müssen.

Mutig sind sie am Volkstheater. Obgleich finanziell unter Druck und durch destruktive kulturpolitische Debatten imagemäßig angeschlagen, bringt das Haus zum Saisonstart des Schauspiels nicht seichte Unterhaltung. Vielmehr startet ein sich ambitioniert gebendes Projekt über Konflikte der Aufbauzeit der DDR auf jener „Spur der Steine“, die Leute, wie der Brigadier Hannes Balla und der SED-Sekretär Werner Horrath vom Überseehafen Rostock über die Rappbodetalsperre bis zu den Chemiewerken von Schkopau und Leuna im Ländle hinterließen. Es geht um Konflikte zwischen Dogmatismus und Vernunft, aber auch zwischen (pseudo-)moralischem Rigorismus und Liebe.

Doch die Spielweise dieses Geschichts-Trips wirkt wie ein Low-Budget-Schnellschuss. So wie große Opern konzertant gegeben werden, um Ressourcen zu sparen oder Defizite zu verbergen, so wird hier eine Monolog-Reihe (Textfassung von Ilsedore Reinsberg und Albert Lang) abgespult: ein 1000-Seiten-Roman gesungen in zweieinhalb Stunden, Schauspiel konzertant als Frontalunterricht mit popmusikalischer Untermalung. Modern wirkt der Monolog-Reigen dadurch nicht, aber zunehmend monoton. Und wer den Roman von Erik Neutsch oder dessen Verfilmung nicht kennt – kann der überhaupt folgen?

Die Band um den Rostocker Gitarristen Christian Kuzio (mit Nick Marten an der Bassgitarre und Lennart Langanki an den Drums) möchte man gern mögen, weil sie aus hörbar exzellenten Musikern besteht.

Doch ihr Soundtrack ist ebenfalls ein Wagnis des Unmöglichen. Im Irgendwo zwischen Blues, Country, Folk und jazzigen Elementen pendelnd, bietet sie einen vertrackt-harmlosen Klangteppich:

ausgefeilter Easy-Listening-Clubklang zwischen 12-Ton-Melodik und gängigen Pop-Klischees, in denen musikalische Vorbilder aufflackern, nicht zuletzt, wenn sich die Herren im ironischen Backgroundchor finden.

Hannes Balla ist doppelt und stark besetzt mit Christian Kuzio und dem überzeugend strahlenden Schauspieler Johannes Meißner. Paul Lücke ist als Horrath kein starker Widerpart. Bernd Färber reizt Gestaltungsmöglichkeiten seines lavierenden Jochmann aus, Sabrina Frank als liebende Jungtechnologin Kathrin Klee und Steffen Schreier als überforderter Opportunist Trutmann runden das Ensemble ab.

Und wenn Petra Gorr ironisch als SED-Bezirkssekretär Jansen über die Anatomie eines Ministeriums singt, dann mag mancher überlegt haben, ob die Schwächen dieser Produktion etwas mit den radikalen Theatersparkursen der letzten Jahre zu tun haben könnten.

Termine: 15./30. Oktober, Volkstheater Rostock, Großes Haus

Dietrich Pätzold

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