Menü
Ostsee Zeitung | Ihre Zeitung aus Mecklenburg-Vorpommern
Anmelden
Kultur Bühne frei für Frauen
Nachrichten Kultur Bühne frei für Frauen
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
12:02 29.07.2018
Die fünffache Emma Bovary: Anna Bergmanns Inszenierung am Wiener Theater in der Josefstadt. Quelle: Astrid Knie
Karlsruhe

Anna Bergmann kann von Frauen nie genug kriegen – von erdichteten Frauen. Die Theaterregisseurin ist eine Expertin fürs weibliche Bühnenpersonal, für Klassikerinnen wie das Käthchen, für Emilia Galotti, die Luise Miller, für Opernfiguren wie Cio-Cio-San, genannt Butterfly und auch für modernere Heldinnen.

Zurzeit lässt sie am Wiener Theater in der Josefstadt Flauberts Provinztragödin Madame Bovary gleich fünffach auftreten. Vier Darstellerinnen umschwirren mit groteskem Haarschopf die zentrale Emma, gespielt von Maria Köstlinger, die man hierzulande aus der Fernsehserie “Vorstadtweiber“ kennt. Emma ist eine sentimentale Person, durchgerüttelt in einer Achterbahn der Gefühle.

Berg- und Talfahrten kennt auch Anna Bergmann, geboren 1978 im heutigen Sachsen-Anhalt, Absolventin der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch Berlin. Gefeiert wurde sie schon früh als Wunderfrau. Mit Häme wurde sie bei einigen weniger erfolgreichen, aber immer mutigen Inszenierungen bedacht. Doch nie mit der Empörung, die sie nun begleitet, da bekannt wurde, dass sie erstens ab der kommenden Saison Schauspieldirektorin am Badischen Staatstheater Karlsruhe sein wird und zweitens in ihrer ersten Spielzeit nur Frauen als Regisseurinnen beschäftigen will.

Ein Leitungsteam aus Frauen

Da im neuen Karlsruher Leitungsteam unter Generalintendant Peter Spuhler weitere vier Frauen nun ihren Dienst antreten, stieg bei der Bekanntgabe der Bergmann-Pläne die Erregungskurve bei einem Teil des deutschen Theatervolks steil an. In einem Internetkommentar meinte etwa ein Anonymus mit (behaupteter) Bühnenerfahrung zu wissen, dass das, was bei regieführenden Männern die sexistischen Ausfälle seien, bei den inszenierenden Frauen als Psychose in Erscheinung trete.

Begegnet man Bergmann persönlich, erscheint sie nicht wie eine, die ihre psychischen Befindlichkeiten vor sich herträgt. Auch nicht wie eine Theaterdompteurin vom Schlage der Altvorderen Andrea Breth, die einmal sagte, es spiele überhaupt keine Rolle, ob die Kreatur am Regiepult “eine Frau ist oder ein Hund oder ein Mann oder ein Schwein – wenn das Schwein toll inszenieren kann“.

Elegant ist Anna Bergmann, blond, gewinnend, sich ihrer Wirkung bewusst und immer ein wenig angriffslustig. Auf die Frage, woher sie als vagabundierende Regisseurin denn wisse, wie man einen stationären Spielplan gestalte, antwortet sie im Musterschülertonfall: “Ich habe in München das Aufbaustudium für Theater- und Musikmanagement absolviert. Da gibt es unter anderem das Modul Spielplangestaltung.“

“Ein Spielplan wird von der gesellschaftlichen Lage geprägt“

Ernsthaft fügt sie an: “Schlussendlich wird ein Spielplan von der aktuellen gesellschaftlichen Lage geprägt. Und von der Frage: Welche Themen erwartet das Publikum von uns?“ Sie bestimme im Übrigen das Programm nicht selbstherrlich, sondern im Dialog mit ihren Mitarbeiterinnen.

Die Saison 2018/2019 trägt die Überschrift “Zukunft“, was einen ganz simplen Grund hat: “Das Badische Staatstheater wird bald eine Baustelle sein, es wird saniert“, die Hoffnung auf glänzende kommende Tage scheint beim Motto durch. Doch Anna Bergmann bleibt auch ihrer feministischen Haltung treu: “Im Schauspiel haben wir den Schwerpunkt ’Frauen und Geschlechterbilder‘ erarbeitet.“

Im Spielzeitheft zitiert Bergmann den schwedischen Genetiker Arne Jernelöv mit seiner These: “In nicht allzu langer Zukunft beginnt ein neues Zeitalter. Die Erde wird von Frauen beherrscht werden, weibliche Lebenseinstellungen werden Politik, Wirtschaft und Gesellschaft dominieren ...“

Anna Bergmann Quelle: Thorsten Wulff

Die neue Spielzeit startet Bergmann mit einer großen Dosis Henrik Ibsen in eigener Regie: In “Nora, Hedda und ihre Schwestern“ werde sie Nora Helmer aus ihrem Puppenheim befreien, den Dämonen der Hedda Gabler nachspüren und die Sehnsüchte von Ellida, der “Frau vom Meer“, ausloten. Die Hamburger Autorin Ulrike Syha hat die Ibsen-Dramen “überschrieben“, wie Bergmann sagt. “Mit Ibsen, der seiner Zeit weit voraus war, kann man sich auf ein solches Panoptikum einlassen.“

Das Ibsen-Projekt soll das große programmatische Debüt der Schauspieldirektorin werden. Sie kann aber auch mit bescheidenen Mitteln hinreißendes Theater machen. Aus der Filmvorlage “Szenen einer Ehe“ von Ingmar Bergman hat sie dem Theater Lübeck einen Dauerbrenner mit nur einem Schauspielerpaar beschert. Anlässlich des 100. Geburtstag des schwedischen Regisseurs wird Anna Bergmann ihre Version des dramatischen Stoffs auch an ihrem neuen Wirkungsort aufführen.

“Disziplin ist alles“

Weniger dramatische Szenen einer Beziehung hat Anna Bergmann privat hinter sich. Sie ist seit zwei Jahren alleinerziehende Mutter eines Sohnes und froh, sich nach ihrer Zeit als freie Regisseurin auf feste Strukturen verlassen zu können. “Ich weiß noch nicht genau, wie das gehen wird. Aber endlich gibt es einen Kindergartenplatz für den Kleinen, das ist sicherlich sehr hilfreich.“

Der Kleine musste bisher mitreisen, nach Schweden, nach Wien, “dorthin eben, wo ich arbeiten durfte“. Zum Vater des Kindes habe sie ein so gutes Verhältnis, dass sie “die Fifty-Fifty-Variante ausprobieren“ können – eine Woche bei ihm, eine Woche bei ihr. “Ich versuche das sehr konsequent einzutakten. Disziplin ist da alles.“

Leiten Frauen anders als Männer?

Herrschen in einem von Frauen geleiteten Betrieb andere Zustände als in einem von Männern dominierten? “Das kann ich für die deutschen Theater gar nicht sagen“, gibt sie zu. “Hier habe ich immer mit Häusern zu tun gehabt, die von Männern geleitet wurden.“

Doch sie hat auch besondere Erfahrungen machen können: “In Schweden stehen in den Theatern, die ich von innen erlebt habe, Frauen an der Spitze.“ In Uppsala und Malmö habe sie “eine extrem andere, entspanntere Arbeitsweise“ erlebt. “Aber das ist eben Schweden, wo die Gleichberechtigung ganz oben auf der Agenda steht, was die Bezahlung und auch den Umgang miteinander betrifft.“

Es gebe die Übereinkunft, bei Proben nicht herumzuschreien, Alkohol sei bei der Arbeit, anders als in Deutschland, tabu, Ausrasten ebenso, Beleidigung undenkbar. Man darf erwarten, dass am Badischen Staatstheater Karlsruhe nun solche Regeln Einzug halten.

Von Michael Berger

Anlässlich des zehnjährigen Bestehens des Resortgeländes in der Weißen Wiek in Boltenhagen (Nordwestmecklenburg) fand das erste Hafenfest statt - mit vielen Attraktionen für Groß und Klein.

28.07.2018

Er ist einer der mächtigsten Fernsehbosse Amerikas und soll über Jahrzehnte seine Macht missbraucht haben. Mehrere Frauen werfen CBS-Chef Leslie Moonves vor, sie sexuell belästigt zu haben.

28.07.2018

Ende der Achtzigerjahre holte Peter Schwenkow David Bowie und Pink Floyd an die Berliner Mauer. Heute lässt der Konzertveranstalter die größten Stars in Fußballarenen spielen. Mit Mathias Begalke spricht der 64-Jährige über Kunst und Kommerz – und warum keiner der Musiker zu seinem Freund wurde.

28.07.2018