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Schmerz, Stolz und Frieden: Die Poesie des Marathons

Rostock Schmerz, Stolz und Frieden: Die Poesie des Marathons

„Man muss das Laufen lieben, um gut zu laufen, und das Leben womöglich auch“, schreibt der Hamburger Schriftsteller Matthias Politycki.

Rostock. „Man muss das Laufen lieben, um gut zu laufen, und das Leben womöglich auch“, schreibt der Hamburger Schriftsteller Matthias Politycki. Bücher übers Laufen gibt es ja viele, ein ganzer Industriezweig floriert da heftig. Doch nur wenige dieser Laufbücher kommen über die simple Ratgeberschiene einer Gebrauchsanweisung für mehr Körperglück hinaus.

Die jetzt im Verlag Hoffmann und Campe erschienenen 315 Seiten von Politycki (ab übermorgen 61) gehören dazu. Sein Buch „42,195. Warum wir Marathon laufen und was wir dabei denken“ ist nicht nur eine Aufarbeitung persönlicher Leidenschaft, sondern das wohl beste deutsche Buch zum Thema Marathon. Damit steht es würdig in einer Reihe mit „Lauf und Wahn“ von Günter Herburger oder „Wovon ich rede, wenn ich vom Laufen rede“ von Haruki Murakami. Doch während Herburger seine (Ultra-)Läufe poetisch verarbeitete und der Japaner Murakami im Lauf-Essay seine Autobiografie erzählte, vertieft Politycki, ebenfalls den Vergleich zwischen Laufen und Schreiben bemühend, das Lauferlebnis selbst. Gegliedert in Kapitel für jeden Kilometer, nimmt das Buch den Leser mit auf ein geistiges Abenteuer, das Anekdoten von der Strecke ebenso bietet wie Betrachtungen über die Kämpfe eines PB-Läufers (Persönliche Bestzeit). Aus der Anstrengung im ambitionierten Mittelfeld wird freundliche Gleichgültigkeit gegenüber Genussläufern ebenso wie gegenüber bezahlten Topläufern spürbar, aber auch Selbstironie und Demut sind im Spiel.

Spiralförmig kreist Polityckis Essay um die 42,195 Strecken-Kilometer, wechselt Perspektiven vom Läufer-Ego zur gesellschaftlichen Einordnung: Laufen als Gegenteil entfremdeter Arbeit, der Läufer als „Inbegriff der Postmoderne“. Oder dieser Satz: „Läuft man lange genug geradeaus, wird man selbst gerade.“ Fundamental wichtig wird die Antwort auf die Frage: „Ab wann ist ein Jogger ein Läufer?“

Polityckis Antwort: „Ab Kilometer 31. Sofern er da nämlich noch läuft.“ Ein Läufer fühle sich auf den Schlips getreten, wenn man ihn als Jogger anspreche. Und einen Jogger erkenne man daran, „dass er an einer roten Ampel auf der Stelle weiterläuft“. So reden sie in Polityckis Laufgruppe, die das „Wir“ des Titels bildet und mit ihren vielstimmigen, widersprüchlichen Wertungen das Buch lustiger und reicher macht.

Dietrich Pätzold

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