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Schuld oder Unschuld? Stralsunder Zuschauer entscheiden als Richter

Stralsund Schuld oder Unschuld? Stralsunder Zuschauer entscheiden als Richter

Schuldig oder unschuldig? Darf man 164 Menschen töten, um 70 000 Menschen zu retten? Mit dieser Frage spaltet Ferdinand von Schirach das Publikum.

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Mehr als nur ein Gewissenskonflikt: Luftwaffenpilot Lars Koch (Julius Robin Weigel, r.) muss sich rechtfertigen.

Quelle: Mutphoto/gunnar Lüsch

Stralsund. Schuldig oder unschuldig? Darf man 164 Menschen töten, um 70 000 Menschen zu retten? Mit dieser Frage spaltet Ferdinand von Schirach das Publikum. Denn: In seinem Justizdrama „Terror“, das am Freitag am Theater Vorpommern Premiere hatte, werden die Zuschauer zum Richter in einem moralischen Diskurs.

Das Setting ist einfach: ein Gerichtssaal, ein Steg, der bis in den Zuschauerraum reicht. Darauf sitzt — Auge in Auge mit den Besuchern — der Angeklagte. Es ist Pilot Lars Koch (Julius Robin Weigel).

Als Major der Luftwaffe hatte er den Befehl erhalten, einen von Terroristen gekaperten Airbus vom Kurs abzudrängen. Ziel: ein ausverkauftes Fußballstadion, in dem 70000 Menschen sitzen. Doch, das Manöver scheitert und Koch entschließt sich gegen den Befehl, das Flugzeug abzuschießen, um die Fans zu retten. Woran er in dieser Sekunde gedacht habe? „An meine Frau und meinen Sohn“, gibt er zu Protokoll. Aber ist Koch nun ein Held oder ein Mörder?

Ferdinand von Schirachs Stück besticht durch seine Klarheit. Ohne Nebenhandlungen oder überraschende Wendungen, in schnörkelloser Sprache und mit nur sieben Schauspielern entfaltet er einen spannenden Konflikt um richtig oder falsch. Da wird die Frage nach dem Wert menschlichen Lebens gestellt. Ist nicht jedes Leben wertvoll? Oder gibt es ein Verhältnis, bei dem man Leben gegen eine größere Anzahl von Leben aufwiegen darf? Wenn ja, welches Verhältnis soll das sein? Und wer bestimmt darüber? Da werden gedankliche Konstrukte entwickelt, die im nächsten Moment wieder in sich zusammenfallen. Wären nicht sowieso alle Passagiere gestorben? Darf man also töten, wenn ein Leben nur noch eine begrenzte Dauer hat? Wenn ja, wer legt die Dauer fest? Es werden Zeugen gehört, Szenarien durchgespielt, wie ein mögliches Vordringen der entführten Passagiere ins Cockpit, um die Entführer zu überwältigen. Es werden Emotionen bemüht und hypothetische Fragen gestellt: „Was wäre, wenn Ihre Frau in dem Flieger gesessen hätte, Herr Koch?“, fragt die Staatsanwältin (Claudia Lüftenegger). „Jede Antwort wäre falsch“, antwortet der, macht damit gleichzeitig das Dilemma der Zuschauer deutlich, die sich entscheiden sollen, entscheiden müssen.

Da kann auch das Luftsicherheitsgesetz nicht helfen — ein Gesetz, das die Streitkräfte ermächtigen sollte, Flugzeuge, die als Tatwaffe gegen Menschen eingesetzt werden, abzuschießen. Das Problem:

Jenes Gesetz, so erklärte das Bundesverfassungsgericht später, sei unvereinbar mit dem im Grundgesetz verankerten Grundrecht auf Leben und Menschenwürde.

Letzteres ist es auch, was Ferdinand von Schirach bei den Schlussplädoyers in die Waagschale wirft, Menschenwürde und die Verfassung auf der einen, Gewissen, Moral und gesunder Menschenverstand auf der anderen Seite. „Mit einem Freispruch“, so argumentiert die Staatsanwältin, „würde man die Würde des Menschen und die Verfassung für wertlos erklären.“ Aber: „Man darf das Prinzip nie über den Einzelfall stellen“, sagt hingegen Verteidiger Biegler (Jan Bernhardt).

Während in der Berliner Uraufführung den Figuren von Anklage und Verteidigung noch Elemente wie der Mann-Frau-Rollenkonflikt aufgedrückt werden, bemühen sich Regisseur Andre Rößler und Dramaturg Jörg Hückler bei Anklage und Verteidigung um Neutralität, streichen emotional eingefärbte Textpassagen kurzerhand heraus. Die Idee, den Zuschauer zum Akteur und Richter zu machen, entschieden wird per Hammelsprung, die Zuschauer kommen durch verschiedene Türen herein, ist simpel und genial. Am Ende sind‘s nur Nuancen: 161 zu 132 Stimmen mit denen die Stralsunder entscheiden, Koch ist unschuldig.

Doch das ist nicht entscheidend. Ferdinand von Schirach sagte: Entscheidend sei das Reden darüber. 35 Mal steht das Stück in dieser und der kommenden Saison auf dem Spielplan. Weitere Aufführungen:

13. Mai 19.30 Uhr Großes Haus Stral-

sund; 21. Mai 19.30 Uhr Großes Haus

Greifswald

Von Stefanie Büssing Abstimmungsergebnisse Unter: Terr

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