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Kultur Schuld ohne Sühne
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00:24 14.05.2018
Die HMT-Studenten Charlott Lehmann, Maximilian Thienen-Adlerflycht und Tom Scherer (v.l.) sind in der Rostocker Inszenierung zu sehen. Quelle: Foto: Frank Hormann/volkstheater Rostock
Rostock

Das Zeitlupenhafte am Anfang des Stücks – es dauert zehn Minuten, bis der erste Satz fällt – deutet die innewohnende Lähmung schon ein bisschen an. Im Mittelpunkt des Stücks steht der junge Seemann Jim, der als Erster Offizier auf dem Seelenverkäufer „Patna“ seinen Dienst tut.

Zum Verhängnis wird Jim der drohende Untergang des Pilgerschiffs. Der rostige Dampfer ist besetzt mit 800 Pilgern – bei einer Schiffshavarie geht die Besatzung von Bord und lässt die Passagiere im Stich. Auch Jim. Doch die „Patna“ sinkt nicht, ein französischer Dampfer schleppt das Pilgerschiff aus der Seenot und bringt es in einen sicheren Hafen.

Das unbotmäßige Verhalten der Besatzung geht ganz klar gegen die Seemannsehre, das ist nicht nur juristisch zu klären. Und auch Jim quält sich mit der Schuldfrage herum. Er geht dabei moralisch härter mit sich ins Gericht als die anderen Besatzungmitglieder, die mehr oder weniger als halbkriminell durchgehen. Doch diese Quälerei führt auch dazu, dass Jim kein unbelastetes Leben führen kann.

Die Schuld wird für ihn zur Schande, sie ist überall, wohin Jim auch kommt. Er findet einfach keine Erlösung. Wo bleibt die Sühne?

Die Vorlage für diese Inszenierung bildet Joseph Conrads Roman „Lord Jim“ (1899/1900), der von der Literaturkritik nie ganz entschlüsselt werden konnte. Das Psychologisierende wird auch zum tragenden Element der Rostocker Aufführung im Ateliertheater. Sie kommt vom Berliner Regie-Kollektiv „Prinzip Gonzo“. David Czesienski (Inszenierung) und Vera Buhß (Bühne und Kostüme) haben diesen Stoff als Stückentwicklung für die drei Darsteller (Charlott Lehmann, Tom Scherer und Maximilian Thienen-Adlerflycht) konzipiert – eine Kooperation des Rostocker Volkstheaters mit der Hochschule für Musik und Theater (HMT) Rostock.

Das Experimentelle und Dramatisierende hat Vorrang. Schon die seltsame Verfremdung – die Darsteller agieren als moderne Putzkolonne – entmystifiziert den Joseph-Conrad-Text nicht, sondern fügt neue Rätsel hinzu. Sehr langsam entblättert sich diese Seemannsgeschichte aus mehreren Perspektiven, Erzähler Charles Marlow nimmt eine bestimmende Rolle ein. Freilich bleiben die Selbstzweifel des Seemanns Jim im Vordergrund – so fragt dieses Stück nach Moral, Schuld und Verantwortung. Es geht auch um die „innere Pein“ des Betroffenen, wie im begleitenden Programmtext zu lesen ist, den man sich bei Friedrich Nietzsche ausgeliehen hat. Das Wesentliche muss sich der Zuschauer nun selbst erarbeiten.

Es wird auch eine Verbindung zum Heute geschlagen. In dieser Aufführung schwingen zahlreiche Bezüge zur Neuzeit mit – die Kolonialgeschichte der Briten und Franzosen etwa, auch der Zweite Weltkrieg, als afrikanische Soldaten von Frankreich gezielt verheizt wurden. Die Frage nach der Aufrechnung von Schuld wird in dieser Stoffbearbeitung mit aktuellen Ereignissen erweitert. So das Eingreifen des französischen Militärs im Konflikt in Mali, womit Frankreich frühere Verfehlungen als Kolonialmacht abgelten will, das ist die Deutung hier.

Diese Gesellschaftskritik wird deutlich, nachdem sich die Geschichte des Seemanns Jim zusammengesetzt hat. Charlott Lehmann, Tom Scherer und Maximilian Thienen-Adlerflycht spielen hochkonzentriert und intensiv. Doch der Nebel will nicht weichen.

„Die Finsternis in meinem Herzen“, weitere Aufführung am 19. Mai um 20 Uhr im Ateliertheater des Volkstheaters Rostock

Der polnisch-britische Schriftsteller Joseph Conrad

Joseph Conrad – als Józef Teodor Nalecz Konrad Korzeniowski am 3. Dezember 1857 in Berdytschiw (heute Ukraine) geboren – war ein polnisch-britischer Schriftsteller. Obwohl Joseph Conrad bis in seine Zwanzigerjahre kein Englisch sprach, gilt er heute als einer der wichtigsten Schriftsteller des 19. Jahrhunderts, die ihr Werk in englischer Sprache verfassten. Einfluss auf sein Werk hatten Conrads Erfahrungen mit dem britischen Kolonialreich, seine Tätigkeiten bei der französischen und britischen Handelsmarine und die Erinnerung an seine polnische Heimat. Joseph Conrads Schaffen wird der Moderne und dem Realismus des 19. Jahrhunderts zugeordnet. Zu Conrads wichtigsten Werken zählen „Herz der Finsternis“ (1902), „Spiel des Zufalls“ (1913) oder „Die Schattenlinie“ (1917). Joseph Conrad starb am 3. August 1924 im britischen Bishopsbourne.

Thorsten Czarkowski

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