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Sehen und gesehen werden

Hamburg Sehen und gesehen werden

Édouard Manet als Wegbereiter der Moderne – die Hamburger Kunsthalle widmet dem Maler eine große Ausstellung.

Hamburg. Die Nana, der Rochefort und der Hamlet-Darsteller in der Hamburger Kunsthalle haben Gesellschaft bekommen – allesamt Mitglieder der Manet-Familie. In einer Ausstellung präsentiert das nach Sanierung wiedereröffnete Haus Meisterwerke von Édouard Manet (1832-1883). Gezeigt werden bis 4. September 60 Arbeiten, darunter 40 Gemälde, deren Entstehung vom Früh- bis zum Spätwerk des französischen Künstlers reicht.

Sechs Jahre habe es gedauert, die Leihgaben aus 30 Museen weltweit zusammenzubekommen, berichtet Kunsthallendirektor Hubertus Gaßner. „Viele Museen besitzen nur einen Manet“, sagt Gaßner – die Kunsthalle drei. Die neue Schau „Manet – Sehen. Der Blick der Moderne“ sei nicht „einfach eine Manet-Ausstellung“. „Es geht im doppelten Sinne um das Sehen“, betont der Kunsthallenchef: um das Sehen der Bilder und um die Blicke bei Manet – „der Blick aus dem Bild heraus auf den Betrachter“. Indem Manet dies vor einem geschlossenen Hintergrund darstellte, „sehen wir das Bild nicht mehr als eine Projektionsfläche, in die wir in eine andere Welt der Fantasie hineinsteigen, sondern das Bild schaut uns an“.

Diese direkte Ansprache des Betrachters und die Wahl seiner Motive löste in den damaligen Pariser Salon-Ausstellungen wahre Proteststürme aus. Manet, selbst aus gutem Hause, holte Bettler, Prostituierte, Straßensänger oder Tänzerinnen ins Bild. Nicht um sie zu bedauern, nicht, um sich über sie zu erheben, wie Gaßner betont, sondern großformatig und gleichberechtigt wie Adelsporträts.

„Das war für die Gesellschaft damals die größte Provokation“, meint der Experte, dass „Gestalten am Rande der Gesellschaft“ plötzlich in der Bildwürdigkeit und in den Salons so geadelt wurden.

Die Pariser Salon-Ausstellungen waren ein Massenspektakel. In dem Jahr, als Manet den „Balkon“ und „Das Frühstück im Atelier“ gemeinsam ausstellte, füllten 4230 Werke die Säle und Galerien des Industriepalastes, darunter allein 2452 Gemälde. In der Schau hängen die Anstoß erregende und vom Salon abgelehnte „Nana“, der er das Antlitz einer stadtbekannten Halbweltdame in Unterwäsche verlieh, und der vom Salon angenommene „Jean Baptiste Faure in der Rolle des Hamlet“ beieinander Das Hamlet-Schauspieler-Motiv ist in drei Versionen zu sehen: noch in kleinerem Format, entdeckt in der Privatsammlung auf einem englischen Schloss, daneben großformatig und in Öl auf Leinwand die Gemälde aus dem Essener Folkwang-Museum und der Kunsthalle. Ebenfalls zu den Spitzenwerken gehört „Der Philosoph“ (Bettler mit Wintermantel) aus dem Art Institute of Chicago und die „Lola de Valence“ aus dem Musée d'Orsay in Paris – beide aus Manets Frühwerk, das sich stark an spanischen Motiven und Meistern wie Velázquez und Goya orientierte.

„Mit Manets Spitzenwerken aus internationalen Museen bietet die Ausstellung die einmalige Gelegenheit, den ganzen Manet vom Frühwerk bis zum Spätwerk zu sehen – eine Chance, die es in Deutschland seit Jahrzehnten nicht gegeben hat“, betonen die Veranstalter. „Manet ist einer der bedeutendsten Wegbereiter der modernen Malerei und hat die Kunst im 19. Jahrhundert wie kein Zweiter revolutioniert.“ In den Wandtexten, Kommentaren und Karikaturen erfährt der Besucher, wie Manet zum Skandalkünstler und Provokateur wurde.

Einer, der vom damaligen Publikum und der Kritik für seine „flüchtige, dilettantische Schmiererei und banale Wiedergabe der Realität“ verspottet wurde. „Monsieur Manet, der darauf besteht, Pistolenschüsse im Gewölbe abzufeuern, ist mit zwei absolut schlechten Gemälden vertreten“, wurde 1865 etwa in Frankreich über den Salon berichtet. Oder: „Monsieur Manet. Bislang hat er sich zum Apostel des Hässlichen und Abstoßenden gemacht. Glaubt Monsieur Manet, dass sich hinter seiner Exzentrik eine wahre Begabung zum Künstler verbirgt? Da täuscht er sich!“

Für Kunsthallenchef Gaßner ist die Manet-Schau nach mehr als zehn Jahren im Amt die letzte Ausstellung. Sein Nachfolger wird Christoph Martin Vogtherr: Der Direktor der Wallace Collection in London übernimmt die Leitung ab Oktober.

Dorit Koch

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