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Selbst das Blau des Himmels ist nicht echt

Lübeck Selbst das Blau des Himmels ist nicht echt

Eugen Ruge, Gewinner des Deutschen Buchpreises 2011, blickt in seinem neuen Roman „Follower“ in unsere Zukunft

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Lübeck. Wenn Nio Schulz sich an seine Kindheit erinnert, dann spürt er den Hochsommer, die Ferien und den Geruch von frisch gemähtem Gras. Inzwischen ist er 39 und befindet sich in der chinesischen Stadt Wú Chéng. Er ist geschäftlich hier, für seine Firma soll er „true barefoot running“ vermarkten. Was das genau ist, bleibt im Ungewissen. Die Vermutung aber liegt nahe, dass es sich um ein Produkt handelt, das das Gefühl des Barfußlaufens vermittelt.

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Eugen Ruge, Gewinner des Deutschen Buchpreises 2011, blickt in seinem neuen Roman „Follower“ in unsere Zukunft

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Eugen Ruge, der mit „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ den besten Roman des Jahres 2011 geschrieben hat, verlegt die Handlung seines neuen Buches „Follower“ in das Jahr 2055. Es ist eine Zeit, in der alles möglich, aber so gut wie nichts echt ist. Selbst „der Himmel über dem Großen Brunnenplatz von Wú Chéng ist eine Fälschung, man sieht es daran, dass er an den Rändern stärker blau ist als im Zenit (. . .).“

Nios Lebenswelt ist voller Errungenschaften; wie der Spezialbrille Glass, omnipräsenten Zeitfliegen von UNIVERSE oder den Bonephones, mit denen er mit seiner Mutter spricht. Ruge beschreibt dies mit einer Fülle und einem Reichtum an Details, dass es die Lektüre stellenweise ziemlich anstrengend macht. Aber auch von witzigen Verrücktheiten strotzt der Roman. So gehören Nachtfederbälle mit fluoreszierendem Knicklicht oder ein essbares Zimmermädchenkostüm zu den Produkten, die Nio Schulz bisher erfolgreich vermarktet hat.

Beständig strömen Informationen und Nachrichten auf ihn ein. Mit seiner Freundin Sabena, die in Minneapolis lebt, seiner Chefin und seiner Mutter in Berlin steht er in Kontakt. Und von seiner Gesundheits-App erhält Nio Schulz pausenlos Rückmeldungen: „Puls normal, Cholesterin/gesamt leicht über normal, ph-Wert/Blut leicht unter normal“ – und die ständige Ermahnung „Weniger Eiweiße zuführen, mehr Ausdauersport!“ Auch über das Weltgeschehen ist er stets unterrichtet – den subsaharischen Wasserkrieg oder einen Skandal in Deutschland, weil irgendjemand die Siegerin des Eurovision Song Contests als Afro-Deutsche bezeichnet hat.

Als er über eine dpa-Meldung erfährt, dass Alexander Umnitzer gestorben ist – sein Großvater –, staunt Schulz, dass dieser ein bekannter Schriftsteller gewesen sein soll. Und dass dieser Mann, „der nicht mal ein Smartphone besessen hatte, ein Buch mit dem Titel ,Follower’ geschrieben haben sollte.“ An dieser Stelle enthüllt Ruge: „Follower“ ist die Fortsetzung von „In Zeiten des abnehmenden Lichts“. Alexander Umnitzer war dort die Hauptfigur und das Alter Ego des Autors.

Eine Handlung gibt es in dieser Fortsetzung eigentlich nicht. Der Autor begleitet seinen Enkel wenige Stunden vom Aufwachen im Hotel bis zu seinem Verschwinden kurz vor einem Geschäftstermin morgens um 10. Dabei lässt er die Zukunftswelt, in der Nio lebt, vorbeirauschen: Leihmütter tragen Kinder aus, das Guggenheim Abu Dhabi erwirbt die Rechte an der Selbstenthauptung des Künstlers Ai Dai, Extrem-Feministinnen sind an künstlich behaarten Beinen zu erkennen.

Ruge erzählt diese Geschichte in Endlos-Sätzen, die jeweils ein Kapitel umfassen. Dazwischen eingestreut sind Protokolle von Ermittlungsbehörden über Nio Schulz und Menschen seiner Umgebung, die über Kontakte, Sozial-Profile und Cluster Auskunft geben. Denn wer plötzlich verschwunden ist, muss ein Verbrecher sein.

Ruges berufliche Vergangenheit als Naturwissenschaftler wird in einem Roman im Roman deutlich: In einer Kurzfassung der Genesis erklärt er die Entstehung des Universums und verdeutlicht, wie vieler Zufälle es bedurfte, damit Nio Schulz auf die Welt kommen konnte. Dieser Ausflug in die Entstehungsgeschichte des Universums ist in dem klaren und unverschnörkelten Ton geschrieben, den man von Eugen Ruge kennt – und nicht so abgedreht wie der andere Teil seines neuen Romans, der aber mindestens ebenso lesenswert ist – auch wenn man sich die Zukunft nicht so wünscht, wie Ruge sie entwirft.

„Follower“ von Eugen Ruge,

Rowohlt, 320 Seiten. 22,95 Euro

Vom Mathematiker zum Schriftsteller

Eugen Ruge wurde 1954 in Soswa im Ural geboren. Dorthin war sein Vater, Wolfgang Ruge – ein marxistischer Historiker – nach dem Hitler-Stalin-Pakt deportiert worden. 1958 kehrte die Familie zurück nach Ost-Berlin. Ruge studierte Mathematik und arbeitete am Zentralinstitut für Physik der Erde. 1988 floh er in die Bundesrepublik. Sein Familien-Roman „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ wurde 2011 mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet.

Liliane Jolitz

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