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„Selbstoptimierung“: Rostocker Künstler in Berlin

Rostock/Berlin „Selbstoptimierung“: Rostocker Künstler in Berlin

Manche Arbeiten der Rostocker Künstlergruppe Schaum fügen sich so nahtlos in ihre Umgebung, als wären sie schon immer da gewesen.

Rostock/Berlin. Manche Arbeiten der Rostocker Künstlergruppe Schaum fügen sich so nahtlos in ihre Umgebung, als wären sie schon immer da gewesen. Das hat auch damit zu tun, dass die Schaum-Arbeiten immer unaufgeregt daherkommen. Um dann bei der Betrachtung und im Nachdenken darüber ihre Wucht zu entfalten.

Zu erleben ist diese Wirkung derzeit im Erdgeschoss der Akademie der Künste am Pariser Platz in Berlin. Draußen pilgern Menschenmassen zum Brandenburger Tor, drinnen entfaltet sich eine fast surreale Ruhe, die von den Arbeiten der Rostocker Künstlergruppe noch verstärkt wird. Denn diese Werke strahlen Ruhe aus, eine fast altmeisterliche Ausgewogenheit in der Komposition.

Das dreiteilige Werk „Allegorie“ zum Beispiel zeigt im linken Bild eine übervolle Umkleidekabine, darin zwei Menschen beim An- oder Auskleiden. Der Mann sekundiert, während die Frau sich mit sorgenvollem Gesicht nach vorne neigt. Aus dem Beiblatt zur Ausstellung erfährt der Betrachter, dass es sich um die Pose einer „Mater Dolorosa“, der gramgebeugten Mutter Jesu handelt. Diese Schmerzensmutter aber befindet sich in der Umkleide, und ihre Sorge gilt nicht dem Sohn, sondern der Kleidung: Markenfetischismus und Konsum entwerten die christliche Symbolik, gleichzeitig verleihen die Künstler dem Kaufrausch einen quasi-religiösen Gestus: als Ersatz für Glauben. Geglaubt wird heute allerdings nur noch an den Körper, weshalb im rechten Bild der Installation die beiden aus der Umkleidekabine gegenseitig Blutdruck messen: „Selbstoptimierung“, so ist die Schau in der Akademie überschrieben. Der zentrale Punkt ist die Überwachung eigener Lebensfunktionen zwischen Individualität und totaler Überwachung.

Zur Künstlergruppe Schaum gehören aktuell Alexandra Lotz und Tim Kellner. Einige Fotos zeigen auch den Rostocker Maler Wanja Tolko, bis vor kurzem Mitglied der Gruppe, die kürzlich den Wettbewerb um das dezentrale Denkmal zum 25. Jahrestag der fremdenfeindlichen Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen gewann.

In der Akademie-Ausstellung bleibt es nicht bei der Begutachtung des selbstoptimierten Zeitgenossen. Eine museal aufgehängte und von einer Schutzkordel umgebene Decke lenkt den Betrachter auf Flüchtlinge, die nach der Überfahrt übers Mittelmeer in solche Decken gehüllt werden. Gleichsam keimfrei in Glasglocken aufgehängte Papiertaschentücher sind mit Abschiedsgrüßen bestickt – in den Sprachen der Menschen, die nach Europa kommen.

Matthias Schümann

Bis 2. April: Akademie der Künste, Pariser Platz 4, Berlin, Eintritt frei

OZ

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