Volltextsuche über das Angebot:

26 ° / 15 ° Regenschauer

Navigation:
Sex, Liebe und andere große Fragen der Welt

Heringsdorf Sex, Liebe und andere große Fragen der Welt

Mit seinem Roman „Das Schelling-Projekt“ eröffnet der Philosoph Peter Sloterdijk die Usedomer Literaturtage

Heringsdorf. Statt Götterdämmerung, wie sie mancher Kontrahent im deutschen Debattierklub herbeischreiben will, gibt‘s nun erstmal Sloterdijk-Frühling. Den können Literaturfreunde am Mittwochabend auch auf der Insel Usedom, im Maritim Hotel Kaiserhof Heringsdorf, genießen. Zwei neue Bücher (Suhrkamp Verlag) bringt Deutschlands bekanntester, produktivster und wohl auch meist umstrittener Philosoph Peter Sloterdijk (68) in diesem Lenz heraus. Und natürlich läuft die Debatte schon recht hitzig.

Der eine Band, soeben erschienen, ist eine Sammlung von Sloterdijks Vorträgen zum Zeitgeschehen (2005-2014) und lädt mit dem Titel „Was geschah im 20. Jahrhundert?“ ein, die Quintessenzen der jüngsten Globalisierungs-Geschichte und ihre Gegenwart kulturphilosophisch tiefer zu erfassen. Der andere Band, „Das Schelling-Projekt. Ein Bericht“ , ist ein erotischer Briefroman über ein Forschungsprojekt zur weiblichen Sexualität, erscheint in der ersten Maihälfte und fand schon im vergangenen Herbst auf der Frankfurter Buchmesse große Beachtung.

Mit diesem „Schelling-Projekt“ auf dem Podium eröffnet Sloterdijk am Mittwochabend die Usedomer Literaturtage (6. bis 9. April), und die in seinem Buch ergründete weibliche Sexualität führt mit ganz speziellem Klang in das Thema der Literaturtage, „(Nächsten)Liebe“, ein. Geht es doch in dem von Friedrich Wilhelm Joseph Schellings Naturphilosophie inspirierten Roman des modernen Philosophen nicht nur um die Zähmung der Männer, um den Koitus von hinten oder um die schier unbeantwortbare Frage: „Wie regten sich in ihr die Dinge?“ Vielmehr darf man, laut Ankündigung der Usedomer Literaturtage, selbst im Gewande der Erotik-Geschichte viel Weltdeutung erwarten, zwischen Altherrendeftigkeiten, kunstvoller Rhetorik und Pointendichte also auch Aufschluss über die großen Fragen der Gegenwart:

vom islamistischen Terror über Raubbau an der Natur oder Klimawandel bis zur Entkulturalisierung unserer Öffentlichkeit.

„Formulierungserotiker“ wurde Sloterdijk genannt, das scheint bei einem erotischen Roman besonders zu passen. Doch im Zusammenhang des aktuellen politischen Streits um den Philosophen werden ihm seine kunstvolle Rhetorik und sein Metaphernreichtum eher angekreidet. Mit heftigen (Sloterdijk: übererregten) Reaktionen auf sein Interview im Wochenmagazin „Cicero“ Ende Januar ging das los:

Sloterdijk hatte dort Kritik an Merkels Politik der offenen Grenzen geübt, worauf er von Kritikern reflexartig in die rechte Schublade nationalkonservativer Gesinnungen gesteckt wurde. Wichtiger: Der bekannte Politikwissenschaftler Herfried Münkler warf Sloterdijk „Ahnungslosigkeit“ vor und schrieb ihn gleich als historisch überholten „Typus des öffentlichen Intellektuellen“ ab. Sloterdijk antwortete ebenso heftig, definierte sich selbst als „Linkskonservativen“, nannte Münkler einen „Kavaliers-Politologen“ der Kanzlerin und beklagte die allgemeine Barbarisierung heutiger Debattenkultur mit ihren absichtsvollen Fehlinterpretationen. Die Sloterdijk-Gegner reagierten darauf — erneut mit beredten Lehrbeispielen „intentionaler Falschlektüren“, die sich am isolierten Einzelzitat festbeißen und dieses ohne Zusammenhang umwerten.

Es ist der alte Streit zwischen den „Stoffhubern“ und „Sinnhubern“, mit einem Schuss Demagogie, mehr Debatten-Theater als wirkliche Debatte. Und gleichzeitig ist der teils sehr unterhaltsame Streit auch ein interessantes Ringen um Rückgewinn von Diskussionsniveau in Zeiten der Verrohung.

Nach Peter Sloterdijk sind auf der Insel Usedom weitere literarische Höhepunkte zu erleben: Bestsellerautorin Donna Leon (73), die seit 23 Jahren den Lesern und ARD-Fernsehzuschauern mit ihren Krimis um Commissario Brunetti die Zeit vertreibt, bringt am Freitagabend einen bunten Hauch von Venedig nach Heringsdorf. Und Altmeister Martin Walser (89) liest am Sonnabend aus seinem neuesten Roman „Ein sterbender Mann“.

Von Dietrich Pätzold

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr zum Artikel
Berlin

Er war so lange Deutschlands Außenminister und Vizekanzler wie keiner sonst - über 18 Jahre hinweg. Manche nannten ihn sogar „Mister Bundesrepublik“. Jetzt ist Hans-Dietrich Genscher mit 89 Jahren gestorben.

mehr
Mehr aus Kultur
Benjamin Barz Ostsee-Zeitung Ostsee-Zeitung Serie, Weltkrieg, erster Weltkrieg, zweiter Weltkrieg Teaser der den User auf die Sonderseiten zum Thema Weltkrieg führen soll image/svg+xml Image Teaser Weltkrieg 2015-09-23 de Serie Erinnerung an Weltkriege Alle Beiträge und Bildergalerien zum Thema sowie Infos zu Ausstellungen und Museen finden Sie auf unseren Sonderseiten. Alle Veranstaltungen und Freizeittipps in Ihrer Nähe finden Sie hier. > Erster Weltkrieg > Zweiter Weltkrieg 1914 bis 1918 1939 bis 1945
Benjamin Barz Ostsee-Zeitung Ostsee-Zeitung Lererbriefe, Meinung, Teaser der den User auf die Seite "Leserbriefe" führen soll image/svg+xml Image Teaser „Leserbriefe“ 2015-09-23 de Meinung Ihre Leserbriefe Über unser Kontaktformular können Sie uns gern Lob, Kritik, Ideen oder andere Anmerkungen zu aktuellen Themen aus Ihrer Region, MV und der Welt zusenden. Wir freuen uns auf Ihre Meinung. Hier geht es zum Formular.