Volltextsuche über das Angebot:

16 ° / 6 ° heiter
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland RND

Navigation:
Shakespeare verwurstet

Anklam Shakespeare verwurstet

Das Theater Anklam macht aus „Macbeth“ ein verschwörungstheoretisches Lehrstück über die radikale Emanzipation einer ehrgeizigen Lady. Regisseur Wolfgang Bordel hat das Stück völlig umgebastelt.

Anklam. Noch läuft das Shakespeare-Jahr zu Ehren des wohl wichtigsten Dichters des Welttheaters (1564-1616). Auf den Bühnen merkt man davon wenig, weil des Meisters Stücke sowieso immer im Spielplan stehen. Am Sonnabend brachte die Vorpommersche Landesbühne im Theater Anklam eine seiner bekanntesten Tragödien heraus; man kennt sie als Schulstoff, aus zahlreichen Verfilmungen oder Neubearbeitungen: „Macbeth“.

Wolfgang Bordel inszenierte die Geschichte vom Königsmörder, dem nach siegreicher Schlacht eine Hexenprophezeiung künftiger eigener Königswürde zu Kopfe steigt und der dann, von seiner Lady Macbeth zusätzlich angestachelt, ein zwanghaftes Verhängnis aus Mord und wahnsinnigem Blutrausch in Gang setzt. Dabei krempelt Bordel das Stück derart tüchtig um, dass statt des Albtraums, zu dem der Kampf um Krone und Macht in diesem Text gerät, nun eine nüchterne, undramatische und unspannende Bilderfolge zu sehen ist. Mehr einen Kommentar zum Stück als das Stück selbst bietend, ist die Inszenierung nur auf eine Idee fixiert: An allem ist Lady Macbeth schuld, da sie, die ganz Raffinierte, alles von Anfang an als Verschwörung geplant hat, um am Ende selbst Königin Schottlands zu werden (was sie ja aber eigentlich auch so schon als Gattin des Macbeth wäre, nun ja).

Doch nur auf den ersten Blick scheint diese Idee einer radikalen Frauenemanzipation originell – für die Umsetzung auf der Bühne bräuchte man ein ganz anderes Stück. Bordels Lösung hingegen, Shakespeare nach Belieben und Gutdünken umzubasteln, damit am Ende alles zu seiner Idee passt, macht nichts besser, aber vieles langatmig. Die Absichten der Lady werden schon gleich am Anfang verraten: Sie selbst manipuliert das ganze Hexenbrimborium, das Macbeth auf den Königsmörderweg orientiert, und setzt sich am Ende an die Spitze der Kämpfer gegen dessen Blutherrschaft.

Doch wie könnte diese Lady, die bei Shakespeare wahnsinnig wird und stirbt, nach dem Tod ihres Tyrannen-Gatten auf dem Thron bleiben? Zu diesem Zweck dichtet Bordel ihr einen Heerführer als Liebhaber ins Lotterbett: Banquo. Der wird nicht, wie im Original, ermordet, weil Macbeth in ihm eine Gefahr sieht. In Anklam wird er nur zum Schein gemeuchelt, taucht dann nicht als Geist, sondern in psychologischer List leibhaftig auf, übernimmt am Ende im Befreiungskampf Macduffs Funktion als Bezwinger des Macbeth und ernennt die Lady zur Königin. Die wiederum wurde von den Befreiern eben noch für eine Irre gehalten, nun folgen sie sogleich ihrer Führung.

Warum diese aktuell klingende Geschichte mit Shakespeares völlig anders verlaufendem Stück gespielt wird, bleibt unklar. Indem die Handlung durch Elemente des epischen Theaters ihrer inneren Spannung beraubt wurde, bleibt viel Langeweile. Leidenschaftslos arbeiten Macbeth (Torsten Schemmel) und seine Lady (Birgit Lenz) ebenso wie ihr Liebhaber Banquo (Reiko Rölz) ihre Szenen als routinierte Staatsaktionen ab. Der Lady wurde noch eine Schwester angedichtet (Laura-Florence Jerke), die verschiedene Handlanger-Funktionen übernimmt. Und bevor Lady Macbeth das abgeschlagene Haupt des Gatten präsentiert, wird ab und zu ein Apfel verspeist oder mit Waffen herumgefuchtelt; mehr so zum Zeitvertreib als dramatisch notwendig. Armer Shakespeare!

Dietrich Pätzold

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr zum Artikel
OZ-Bild
mehr
Mehr aus Kultur
Benjamin Barz Ostsee-Zeitung Ostsee-Zeitung Serie, Weltkrieg, erster Weltkrieg, zweiter Weltkrieg Teaser der den User auf die Sonderseiten zum Thema Weltkrieg führen soll image/svg+xml Image Teaser Weltkrieg 2015-09-23 de Serie Erinnerung an Weltkriege Alle Beiträge und Bildergalerien zum Thema sowie Infos zu Ausstellungen und Museen finden Sie auf unseren Sonderseiten. Alle Veranstaltungen und Freizeittipps in Ihrer Nähe finden Sie hier. > Erster Weltkrieg > Zweiter Weltkrieg 1914 bis 1918 1939 bis 1945
Benjamin Barz Ostsee-Zeitung Ostsee-Zeitung Lererbriefe, Meinung, Teaser der den User auf die Seite "Leserbriefe" führen soll image/svg+xml Image Teaser „Leserbriefe“ 2015-09-23 de Meinung Ihre Leserbriefe Über unser Kontaktformular können Sie uns gern Lob, Kritik, Ideen oder andere Anmerkungen zu aktuellen Themen aus Ihrer Region, MV und der Welt zusenden. Wir freuen uns auf Ihre Meinung. Hier geht es zum Formular.