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Singen und kein Engel sein

Rostock Singen und kein Engel sein

Rostocker Musikgymnasium verabschiedet seine ersten Abiturienten / Seine Chöre „Newcomer“ und „Singers“ erhielten zuletzt mit Songs von Rammstein oder Prince viel Applaus beim Deutschen Chorfest Stuttgart

Rostock. „Gott weiß, ich will kein Engel sein“, singt der große Chor. Schwebend, dann aber auch entschlossen klingt die fünfstimmig gesetzte Aufmüpfigkeit durch die Schulaula. Ein Rammstein-Song im gemischten Schulchor, kraftvolle Bässe, zarte, aber dann auch starke Mädchenstimmen, und die subversive Rammstein-Botschaft aus verteilten Rollen/Stimmlagen quasi herausgrinsend: „Wir haben Angst und sind allein“, singen die Engel in ihrer engelszarten Einsamkeit – „Gott weiß, ich will kein Engel sein“, antworten die singenden Chorschüler.

„Meine Zwölfer“ ruft Lehrerin Madelaine Blaudzun dann in die Aula, obwohl die doch gar keine Engel sein wollen. In ihrem Ruf klingt der Stolz der Chorleiterin mit, wohl auch etwas Abschiedsschmerz.

Denn die zwölften Klassen haben die Schule so gut wie hinter sich und werden bei künftigen Chorproben nicht mehr dabei sein; die schriftlichen Abis sind abgehakt, nur mündliche Prüfungen kommen noch.

„Ach, könnte man euch doch durchs Abi fallen lassen“, seufzt Frau Blaudzun. Tut sie aber natürlich nicht.

Diese zwölfte Klasse ist ihr besonders ans Herz gewachsen, mit denen fing das alles an, damals vor acht Jahren. 2008 eröffnete das Käthe-Kollwitz-Gymnasium Rostock seinen Zweig als Musikgymnasium mit zunächst einer Musikklasse, inzwischen kommen in der Regel zwei neue pro Jahr hinzu, in einem Jahr wurden sogar mal drei Musikklassen eingerichtet. Die allererste Musik-Fünfte von 2008 – das sind die jetzigen Absolventen der Zwölften: der lebhafte Beweis dafür, dass und wie gut der Aufbau des Musikgymnasiums durch Madelaine Blaudzun und ihren Kollegen Jan-Peter Koch offenbar gelungen ist.

Sie wollten damals auf dieses neue Musikgymnasium, erzählen die 18-jährigen Abiturienten. Sie traten zur Aufnahmeprüfung an, denn man muss schon ein Instrument beherrschen, wenn man dorthin will. Und sie wussten, dass die musikalischen Fächer als Mehrarbeit zur üblichen gymnasialen Stundentafel kommen, oft bis zum späten Nachmittag. Das Hauptinstrument lernt man weiter an einer der Musikschulen, deren Zensur aufs Zeugnis kommt. Hinzu kommt die Möglichkeit, an der Käthe-Kollwitz-Schule ein zweites Instrument zu lernen und in einer Schülerband oder Bigband mitzuspielen. Und jede Woche 90 Minuten Chorunterricht als Pflichtfach, mit jährlichen Chorfahrten und anderen Highlights.

Auch bei den Zwölften herrscht jetzt zwiespältige Abschiedsstimmung, zuweilen mit feuchten Augen. „Das gemeinsame Singen hat uns viel bedeutet“, sagt Jennifer Timm. „Wir haben uns entwickelt, es hat uns verändert, hat uns sehr eng miteinander verbunden.“ Und verbunden nicht nur in der eigenen Klasse, sondern über Klassenstufen hinweg, ergänzen Katrin Range, Cheyenne Rose, Michael Keßler und Roman Gruchow.

Eines ihrer größten Chor-Erlebnisse haben die Schüler noch gar nicht ganz verarbeitet: Vier Tage Stuttgart Ende Mai beim alle vier Jahre stattfindenden Deutschen Chorfest. Mehr als 400 Chöre und Vokalensembles aus ganz Europa waren dort zu Gast, insgesamt mehr als 15000 Sänger. Massensingen im Dauerregen, Wettbewerbssingen im Kultur- und Kongresszentrum Liederhalle, weitere Auftritte bei Tageskonzerten. Die 220 Schüler aus Rostock, zwei Chöre, mit denen Chorleiterin Madelaine Blaudzun nebst ein paar Lehrern und Eltern angereist war, bildeten die weitaus größte Delegation des deutschen Nordostens, der auch mit dem Greifswalder Cantemus-Chor und dem Schweriner Theodor-Körner-Chor vertreten war.

Auf die Ergebnisse, mit denen sie heimkehrten, sind die Schüler stolz. Die Juroren vergaben an die „Singers“ (9. bis 12. Klassen) einmal das Prädikat „mit sehr gutem Erfolg“, einmal „mit gutem Erfolg“; die Kleinen im Chor „Newcomer“ (5. und 6. Klasse) erhielten ebenfalls „mit sehr gutem Erfolg“. „Bedenkt man, dass wir dort mit hochkarätigen Chören von Hochschulen oder mit Kammerchören auf der Bühne standen – ein toller Erfolg“, sagt Madelaine Blaudzun.

Bei den Schülern scheint etwas fürs Leben hängengeblieben zu sein. Während Jüngere wie Luis Rocker aus der 5. Klasse die musikalische Schule noch lange genießen kann, gibt es bei einigen Zwölftklässlern Ideen, Lehramt mit Musik zu studieren. Und als Chorsänger bleibt wohl auch mancher erhalten: Schließlich hat Lehrerin Madelaine Blaudzun abends noch einen Kammerchor, und dann gibt es an der Schule ja auch den Elternchor „Fusion Voices“. Für später mal.

Dietrich Pätzold

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