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Sinnliche Knochen: Die Magie des Materials bei Beuys

Ausstellung Schloss Moyland Sinnliche Knochen: Die Magie des Materials bei Beuys

Die Fettecken von Joseph Beuys und seine Filzobjekte sind legendär. Der Universalkünstler verarbeitete auch Blut, Gold und sogar Knochen zu Kunst.

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Ein Objekt von Josef Beuys aus Holz, Eisen, Hartgummi und Knochen.

Quelle: Bernd Thissen

Bedburg-Hau. Können Rippenknochen eine sinnliche Kunsterfahrung vermitteln? Wenn sie von Joseph Beuys arrangiert wurden, dann ja.

In einer verbeulten Kuchenkastenform stehen die leicht gebogenen Knochen, die vermutlich von einem anatomischen Skelett aus der Düsseldorfer Kunstakademie stammten, aufrecht und erinnern an eine Gruppe schnatternder Gänse.

Kaum ein Künstler hat so unerschöpflich mit Materialien experimentiert wie Beuys (1921-1986). Der „Schamane“ wurde der Universalkünstler genannt, und das liegt auch daran, dass Beuys nicht nur mit Filz und Fett arbeitete, sondern auch mit Tierknochen, Vogelschädeln, Fell, Hasenpfoten und sogar Kadavern von Ratten und Hasen.

Einen Einblick in den „Materialkosmos“ von Beuys gibt das Museum Schloss Moyland am Niederrhein in der Ausstellung „Mehr als Fett und Filz“ (15.10.17 bis 12.2.2018). Anhand von 122 Arbeiten wird die Bedeutung von 14 zentralen Materialien im Werk von Beuys veranschaulicht. Dazu gehörten etwa Fett, Wachs, Honig, Blut, Kupfer, Erde, Schwefel und Gold, aber auch Schokolade und eben Knochen.

Beuys' Fettecken und die Anzüge aus Filz sind längst Legende. Für Beuys aber waren die Stoffe der Natur nicht einfach leblose Rohstoffe, sondern von geistigen Kräften beseelt. Selbst den magischen Zauber von Alltagsgegenständen wusste Beuys zu illustrieren. Das konnte die Reibefläche einer Streichholzschachtel sein, auf die er zwei Globusse zeichnete, oder ein brauner Plakataufsteller aus Pappe, auf dem er mit feinem Bleistiftstrich Frauenakte verewigte. Sogar anthrazitfarbenes Schleifpapier wurde für ihn zur Leinwand.

Auch wer nicht mit dem verschlüsselten Werk von Beuys vertraut sei, könne über die Stoffe, die er verwendete, einen Zugang zu seiner Kunst finden, sagt Kuratorin Barbara Strieder. Mit Schokolade, Fett oder Honig habe jeder Alltags- oder Körpererfahrungen gemacht. „Die Materialien sind bei Beuys die Brücke zwischen Kunst und Leben, Kunst und Körper.“

Beuys klebte zerknittertes goldfarbenes Stanniolpapier - einst Verpackung eines Schokoladenosterhasen - auf eine grün bemalte Fläche. Vielleicht ein entfernter Gruß eines Kaninchens auf der Wiese? Ziemlich unappetitlich sieht dagegen das mit echtem Fett und Schokolade gefüllte braun angelaufene Plastikkuvert „Künstlerpost“ von 1969 aus. Natürliche Rohstoffe sind nun mal vergänglich - auch die Schokoladentafel in dem Objekt „Zwei Fräulein mit leuchtendem Brot“ aus dem Jahr 1964.

Braune Knollen aus Löss-Erde tauchte Beuys zur Hälfte in Wachs und arrangierte sie so, dass sie wie Tierschädel aussehen. Mit Wasserfarbe aus Kräutertee malte er menschliche Schädel. Transformationsprozesse spielten in Beuys' Gedankenwelt eine zentrale Rolle, sagt Strieder. Immer wieder baute er in seinen Arbeiten Gegenpole auf: Wachs kann in warmer Form fließend chaotisch sein, aber auch kalt und erstarrt. Zwischen beiden Polen fließt die Energie.

Wer sich nicht vertiefen will in Beuys „plastische Theorie“, kann auch einfach nur schmunzeln. Etwa beim Anblick des in Wachs getauchten Telefonbuchs, aus dem Kordeln als Telefonleitungen hängen. So wird Beuys im buchstäblichen Sinne „begreifbar“.

In den Materialexperimenten der frühen Werke sind die publikumswirksamen Aktionen, mit denen Beuys später etwa auf der documenta in Kassel Furore machte, bereits angelegt. So schmolz er 1982 die Kopie einer goldenen Zarenkrone in einen Friedenshasen um. Legendär ist auch die Honigpumpe, mit der er 1977 Honig als Heilsbringer in Schläuchen durch das Ausstellungsgebäude fließen ließ. Von diesen Aktionen ist heute nur noch das tote Material übrig. Die in Moyland präsentierten frühen Beuys-Werke aus den 50er und 60er Jahren aber haben ihre Sinnlichkeit behalten - und lassen immer wieder staunen.

dpa

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