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So long, Leonard! Grandseigneur der Melancholie

Los Angeles So long, Leonard! Grandseigneur der Melancholie

Der Songpoet Leonard Cohen stirbt im Alter von 82 Jahren in Los Angeles – Die ersten Vorankündigungen für sein neues Album lasen sich schon wie Nachrufe

Los Angeles. Es geschah kurz vor Mitternacht, dass Leonard Cohen doch noch einen passenden Ausklang fand für seinen Auftritt in der großen Arena: Bezeichnenderweise mit dem Abschiedsbemäkelungssong „Hey That’s No Way to Say Goodbye“. Da standen 5500 Fans auf und applaudierten dem alten Mann. Dreistundenfuffzehn netto. 2010 war das, 76 Jahre war Cohen damals, und wirkte jünger denn je. So schön, wohlig warm und behaglich war das Konzert in Hannover, es hätte bis zum Morgengrauen weiter gehen können.

120 Jahre wollte Cohen werden, das hatte der Kanadier vor ein paar Wochen vermerkt. Kurz zuvor hatte er sich von einer Oktobermelancholie hinreißen lassen und in Interviews kundgetan, nun bereit zum Sterben zu sein, ohne etwas von seiner schweren Erkrankung zu erwähnen. Als sich die ersten medialen Vorankündigungen für sein neues Album wie Nachrufe lasen, ruderte er zurück. Besieht man dieses Werk namens „You want it darker“ nur drei Wochen später, nachdem er am Montag mit 82 Jahren gestorben ist, erscheinen alle Lieder darauf wie Ahnungen, wie statthafte Arten sich zu verabschieden, wie selbst verfertigte Epitaphe. „Wir haben einen unserer verehrtesten und produktivsten Visionäre verloren“, so drückte sein Plattenlabel Sony Music Canada auf Facebook Trauer aus.

Ob es die leicht gesunkenen Verkäufe seines vierten Gedichtbandes „Parasites of Heaven“ waren, oder Freundesrat, es damals, in der Blütezeit von Beatles, Dylan und ganz allgemein der Popmusik, doch einmal mit Vertonungen seiner Poeme zu versuchen? Mit 32 Jahren veröffentlichte Leonard Cohen 1967 jedenfalls sein erstes Album, die „Songs of Leonard Cohen“, die weise schienen, zugleich aufregend und mysteriös. Als junger Mann war er aus seinem bürgerlich-jüdischen Elternhaus im provinziellen Montreal geflohen, hatte in einer Art Exil auf der griechischen Insel Hydra gelebt. Ein Künstler und Flüchtling auf der Suche nach dem Menschlichen und dem Spirituellen, der mit seiner neuen Folkmusik ad hoc ein weit größeres Publikum verführte als mit seinen Lyrikbänden.

Tief und dunkel war diese neue Stimme im Popzirkus, so dunkel wie man sich den Fluss vorstellte, an dem „Suzanne“ wohnte. Der Fluss, der die Botschaft raunte, man sei schon immer der Liebhaber jener wunderbaren, wundersamen, halbverrückten Frau gewesen. „Suzanne“, der Song, der Cohens Debüt eröffnete, klang ob der geringfügigen Modulationen seiner Stimme, wie fortan und bis zuletzt die meisten Cohen-Songs klingen würden. Wie Gebete. Und die Haltung des Hörers war entsprechend Andacht – für die „Sisters of Mercy“, für „So long, Marianne“, für „Who by Fire?“. Und für „Bird on a Wire“, das er schrieb, als er sich mit den Elektrifizierern seines griechischen Inselrefugiums versöhnte, weil er sah, dass sich die Vögel auf den Leitungen ausruhen konnten.

Cohen-Platten hatten Anhänger von Pink Floyd im Regal stehen, seine Alben finden sich bei Hardrockleuten ebenso wie bei Schlagerfans. In Zeiten als Pop nicht mehr Gesellschaftsumgestaltungsmittel war sondern sich (Anfang der Siebziger schon) weitgehend parzelliert hatte, war Cohen ein gemeinsamer Nenner. Seine Melancholie war echt, voller Würde, nie weinerlich – ob er nun in „Dance Me to the End of Love“über die Häftlingskapellen des Holocaust sang oder im bösen „The Future“ über die Wiederkehr Stalins und der Berliner Mauer. Akustischer Cognac der L’Esprit-de-Courvoisier- Klasse.

Im Konzert pflegte er den Hut zu lupfen, und ihn sich aufs Herz zu drücken, um so seine Verehrung für sein ihm ergebenes Publikum auszudrücken. Alles an ihm klang wie Poesie, auch wenn er nur seinen Saxofonisten Dino Soldo vorstellte, ihn einen „Meister des Atems“ auf den „Instrumenten des Winds“ nannte. Buddhistisch mutete das an, nach einem, der einige Stufen der Weisheit mehr erklommen hatte als Otto Normalverbraucher. Cohen hatte in den Neunzigerjahren tatsächlich Jahre in einem buddhistischen Kloster verbracht, während seine Managerin sein Vermögen verprasste. Deshalb gab es bis zuletzt keinen Ruhestand für Leonard Cohen.

Was von ihm bleibt sind seine Songs. Voran „Halleluja“, der Gospel in Weiß, in dessen feierliche Musik seine dunkle Stimme bescheiden brummt: „I did my best, it wasn't much “ Wie viel es eben doch war, zeigt das Gefühl der Trauer, das in einem hochstieg nach Bekanntwerden der Todesnachricht. In Montreal sanken die Fahnen auf Halbmast. So long, Leonard!

Matthias Halbig

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