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Soll man Kinder drillen?

Soll man Kinder drillen?

HMT-Professor Stephan Imorde über die Bedeutung musikalischer Früherziehung

Rostock Mit einem Benefiz-Konzert am 11. November will der „Rotary Club Rostock-Horizonte und Warnemünde“ das Musikprojekt „Musikali“ unterstützten. Seit 2008 fördert das Projekt in Rostocker Kindergärten Kinder zwischen vier und sechs Jahren in musikalischer Früherziehung. Der Erlös des Konzerts im Katharinensaal der Hochschule für Musik und Theater (HMT) mit Alexandre Cunonova (Violine) und dem HMT-Orchester unter Leitung von Robin Portune kommt dem Musikali-Projekt zu Gute. HMT-Professor Stephan Imorde (51) spricht im Interview über die Bedeutung musikalischer Früherziehung.

Herr Imorde, welche Bedeutung hat musikalische Früherziehung?

Stephan Imorde: Leider ist aktives Musizieren nicht mehr selbstverständlich in unseren Elternhäusern. Nur wer einmal einen Klang aktiv erzeugt und bewusst wahrgenommen hat, erlebt diese besondere Wirkung von Musik. Im Zusammenspiel mit anderen entstehen hochemotionale Momente, wird Harmonie spürbar. Also geht es bei der musikalischen Früherziehung besonders um soziale Lerneffekte.

Lassen sich positive Auswirkungen von Musik nachweisen?

Imorde: Wir wissen längst, wie positiv sich Musik auf kognitive Fähigkeiten auswirkt, wie stark sich Dinge im Gehirn verknüpfen, Gedächtnisleistungen entwickeln. Kinder, die früh Musik machen, merken sich Lernstoff leichter, sind organisierter. Die differenzierten Bewegungsabläufe der Finger an Instrumenten führen zu feinsten Verknüpfungen im Gehirn. Vor allem hat das Musizieren immer einen seelischen Rückbezug, etwas emotional Ausgleichendes. Kinder, die Musik machen, haben eine ganz andere Fokussierung im Leben.

Sind Musiker glücklichere Menschen?

Imorde: Das kann man grundsätzlich so nicht sagen. Wenn man aber schon bei Kindern das Erleben von Musik anlegt, sie dazu führt, Klänge mit Emotionen zu verbinden, ist schon viel für das spätere Leben erreicht. Es gibt keine Emotion, die nicht durch Musik auszudrücken oder zu erleben wäre. Das Hören von Musik und vor allem eigenes Musizieren kann Glücksgefühle hervorrufen und unvergessliche Glücksmomente bescheren.

Wann sollten Kinder mit Musik anfangen?

Imorde: Zunächst sollten Grundkenntnisse in der musikalischen Früherziehung erworben werden. Über das gemeinsame Singen oder das Orffsche Instrumentarium (Xylophon und andere Schlaginstrumente) lassen sich mit Vier- bis Sechsjährigen schon prägende musikalische Erlebnisse vermitteln, auf die der spätere Instrumentalunterricht aufbauen kann. Der Schulanfang ist in der Regel ein gutes Alter, auch mit einem Instrument zu beginnen. Gerade die sehr stark nachgefragten Instrumente Klavier und Geige erfordern einen frühen Anfang, da sie sehr komplexe Anforderungen stellen, die später oft nicht mehr aufzuholen sind. Blasinstrumente können oft erst später begonnen werden, da erst die körperlichen Voraussetzungen entwickelt sein müssen.

Mit welchem Instrument sollten Kinder beginnen?

Imorde: Um das richtige Instrument für sein Kinder zu finden, haben die Musikschulen hervorragende Methoden wie das Instrumenten-Karussell entwickelt, wo man im spielerischen Prozess Instrumente in Ruhe ausprobieren kann.

Wie vermittelt man Freude an Musik?

Imorde: Es gibt viele Ansätze, Kinder an Musik heranzuführen. Fast jedes Orchester hat ein Education-Programm. Die Berliner Philharmoniker haben es mit dem Projekt „Rhythm is it“ beispielhaft vorgeführt. In Musikschulen gibt es die tollsten Projekte und Ideen, um Kinder für Musik zu begeistern. Das Wichtigste sind das Teilen von Erlebnissen und die Anerkennung, die man durch Musik erfährt.

Sollte man Kinder drillen?

Imorde: Drillen ist genau das, was man unbedingt vermeiden sollte. Drill ist der Fokus auf fragwürdige Fertigkeiten und genau das Gegenteil von sinnvoller Musikgestaltung. Der Wichtigste für Kinder ist elterliches Interesse. Eltern sollten sich für die musikalischen Neigungen ihrer Kinder Zeit nehmen, sich dafür interessieren, daraus ein Gemeinschaftserlebnis werden lassen. Wo der familiäre Impuls fehlt, können Modellprojekte wie „Musikali“ in Kindergärten oder „Jedem Kind ein Instrument“ in Grundschulen hilfreich sein. Aber davon gibt es leider zu wenig, weil Geld fehlt.

Musiker sind die Künstler, die am disziplinertesten und am sozialsten sind. Stimmt das?

Imorde: Ja, wir Musiker sind sehr diszipliniert. Wir müssen es sein, da ohne Disziplin Musikmachen auf professionellem Niveau nicht möglich ist. Wir müssen den Moment der „Genialität“

vorausplanen, oft unser Leben darauf ausrichten. Der Dirigent Daniel Barenboim pflegt zu sagen, „Musiker ist kein Beruf, sondern ein Way of Life“. Im Gegensatz zu bildenden Künstlern leben wir vom direkten Kontakt zum Publikum und zu anderen Musikern. Insofern enthält der Musikerberuf starke kommunikative und soziale Komponenten.

Heute ist bei überambitionierten Eltern oft die Rede von Lernfenstern, die man nicht verpassen darf, um das eigene Kind

perfekt zu fördern. Was halten Sie davon?

Imorde: Das ist sicher problematisch und ein komplexes Thema. Unbestritten ist Leistung ein wesentlicher Faktor jeder Ausbildung. Beim Fussballspielen will jedes Kind auch beim Turnier mitspielen, dafür wird trainiert, hart gearbeitet. Musik hat ebenfalls eine Leistungsorientierung, wenn sie in eine bestimmte Richtung gehen und dauerhaft Freude bereiten soll. Nur mit erkennbarem Fortschritt erlebt das Kind immer wieder Motivation. Es bleibt die große Herausforderung für Eltern und für nachwuchsförderernde Institutionen wie die young academy rostock, Leistungserwartungen immer noch spielerisch umzusetzen und eine gesunde Balance zum Wohle des Kindes zu finden. Ganz sicher kann man sagen, dass man Kindern Freiräume zweckfreien Spielens erhalten muss.

War Leistungsorientierung in der Erziehung schon immer so groß?

Imorde: In den 80er Jahren hatten wir kollektive Leistungsverweigerung, der Begriff Leistung war pädagogisch negativ belegt. Heute haben viele Eltern Angst, Kinder nicht perfekt zu fördern.

Ich glaube, dass man im Verhältnis zwischen Anlage und Förderung Gelassenheit an den Tag legen sollte. Kinder müssen nicht schon mit zwölf Jahren perfekt auf der Geige sein. Auf der anderen Seite kommen immer wieder Kinder zu uns, die eine herausragende Begabung mitbringen und nicht anders können, als sich früh zu spezialisieren.

Interview von Michael Meyer

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