Menü
Ostsee Zeitung | Ihre Zeitung aus Mecklenburg-Vorpommern
Anmelden
Kultur Songs gegen ein Amerika des Unrechts
Nachrichten Kultur Songs gegen ein Amerika des Unrechts
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:00 06.12.2017

Hannover. Schon im Juni 2016 hat Neil Young dem Kandidaten ein „Fuck you, Donald Trump!“ von der Konzertbühne heruntergebollert. Und ihm den Gebrauch von „Rockin’ In The Free World“, seinem Hit von 1989, im Wahlkampf untersagt. Damals rechnete niemand damit, dass der offen mit Unwahrheiten jonglierende Trump tatsächlich ins Weiße Haus einziehen würde.

Neil Young & Promise of The Real: „The Visitor“ (Warner). Young hat jüngst seine Alben als Stream ins Internet gestellt – bis Juni 2018 gratis.

Dann passierte das Unfassbare, und schon am 9. Dezember schickte Young ein Album hinterdrein: Den „Peace Trail“ – Friedenspfad – sah er in Gefahr, binnen vier Tagen war ein folkig-kratziges Rock’n’Roll-Bulletin im Kasten, eingespielt mit Promise of the Real, der Band von Willie Nelsons Sohn Lukas. Es waren Songs über eine stürmische Welt, in der der Kanadier Young – wie er im Titelsong sang – nur noch Veränderungen zum Schlechten und Traurigen hin sah. Es waren Lieder für die Indianer, deren Wasser vom Fracking vergiftet wird, und Lieder über einfache Farmer, die sich mit Politikern anlegen und von Polizisten vom Traktor geschossen werden. Dass er trotzdem nicht müde werde, seine Saat zu pflanzen, sang er trotzig im Titelsong. Eine Menge Zorn und ein wenig Hoffnung.

„The Visitor“ ist der Nachfolger, wieder ein politisches Werk, das eigentlich erste Album wider die Ära Trump. Young ist der „Visitor“, der Besucher aus dem Norden, der auf ein Land schaut, das er liebt und das ihm fremd wird. Zum dritten Mal war er mit Promise of the Real im Studio, wieder dauerte die Session nur ein paar Tage. „Already Great“ führt das Album an, ein Song gegen Trumps Mantra „Make America Great Again“: „Du bist schon groß / du bist das verheißene Land / die helfende Hand“, versichert er Amerika und schickt dessen Bürger in den Widerstand. „Wessen Straßen? Unsere Straßen!“ ruft er an Volkes statt. „Keine Mauer! Kein Hass! Keine faschistischen USA!“

Lieder für den Tag sind Young inzwischen wichtiger als poetische Abstraktionen, die ob ihrer Allgemeingültigkeit in den Olymp der ewigen Songs einziehen könnten, dem Ort, an dem unter anderem sein „Heart of Gold“ von 1972 wohnt. Schon 2006 warf er dem Kriegs- und Guantanamo-Präsidenten George W. Bush das Album „Living With War“ als Fehdehandschuh entgegen, empfahl den Amerikanern in „Lookin’

for a Leader“ ein „Age of Obama“. Der Song „Let’s Impeach The President“ kam wie ein fröhliches Kinderlied daher, vage auf der Melodie von Arlo Guthries „City of New Orleans“ basierend. Eine Zeitung in Songs, gepaart mit recht eingängigen Melodien. Eigentlich hatte Young damals auf junge Bands gehofft, Krach zu schlagen gegen das Amerika des Unrechts.

Inzwischen ist Young nicht mehr allein, das Genre Protestsong hat seit der Trump-Wahl eine Blüte erreicht wie seit den Jahren von Vietnamkrieg und Bürgerrechtsbewegung nicht mehr. Freilich gilt auch:

Anders als in den 60er Jahren, wo Folk und Rock die Musiken der jungen Gegner des Establishments waren, geht der Riss heute durch die potenzielle Hörerschaft. Viele lieben ihren Präsidenten der 1000 Widersprüche und hassen die vielen Lamenti aus Künstlerreihen.

Die Musik auf „The Visitor“ kommt ruppig, rumpelig daher, sumpfig, grollend, sie ist grob produziert, Lukas Nelsons Truppe klingt wie ein Update von Youngs alter Band Crazy Horse, Youngs hoher, barmender Gesang fließt darüber wie ein Rinnsal. Nur „Children of Destiny“ tanzt aus der Reihe - ein broadwayhafter Orchesterbombast mit 62 Musikern, der aus „The Visitor“ ragt wie ein Mount Rushmore aus Marzipan und dessen Text klingt, als sei er für eine Neuverfilmung von „Peter Pan“ gedacht: „Sollte die Güte je verlieren / und das Böse den Tag rauben, / sollte Glücklich je den Blues singen /

und Friedlich verschwinden / – was würdest du tun, was würdest du sagen?“ Die Antwort liefert Young gleich mit: „Bewahre die Demokratie! Steh auf für das, woran du glaubst! Widersetze dich den Herrschenden!“

Na ja, und kaufe Platten wie diese! Auch wenn „The Visitor“ zuweilen ein wenig platt ist, musikalisch nicht das stärkste der stolzen zwölf Young-Platten der letzten Dekade, so ist es doch ein Album, das das Gefühl vieler Bewohner unserer Zeit wiedergibt. Das Gefühl, einen schlechten Film zu behausen, eine unwirkliche Wirklichkeit nicht verlassen zu können, in der einem alten Kind tatsächlich erlaubt wurde, mit der Welt Schusser zu spielen.

Neil Young

Der 72-jährige Sänger, Songwriter und Gitarrist, reflektiert und kommentiert die US-Politik seit Jahren – meist klar und eindeutig auf der linksalternativen Seite des Spektrums.

Die Zahl der Polit-Platten von Neil Young liest sich eindrucksvoll: „Freedom“ (1989), „Are You Passionate?“ (2002), „Living With War“ (2006), „The Monsanto Years“ (2015) und „Peace Trail“

(2016) reagierten allesamt auf das, was in seiner Wahlheimat USA oder in der Welt geschah oder schieflief.

Matthias Halbig

Mehr zum Thema

Im April 2018 kommt der Komiker mit seinem neuen Programm nach Rostock. Wir haben mit ihm gesprochen: über den Ruhm, den Menschen hinter der Kunstfigur und der Schwierigkeit, auf Knopfdruck witzig zu sein.

03.12.2017

Der Stralsunder Autor Eberhard Schiel hat neun Bücher geschrieben, die alle „mehr oder weniger“ mit Historie der Sundstadt zu tun haben. Seine Werke erlangen Aufmerksamkeit. Mittlerweile erhält er auch Anfragen von Fernseh-Sendern, die seine Texte für Dokumentationen nutzen wollen.

01.12.2017

Sewan Latchinian, Ex-Intendant am Volkstheater Rostock, über den Umgang mit seiner Person und die Situation in der Hansestadt.

05.12.2017

Das Programm mit vielen spannenden Aktivitäten startet um 16 Uhr im Filmbüro

06.12.2017

Die Stadtbibliothek und ihr Förderverein laden am 23. Januar zu einem plattdeutschen Abend ein. Er beginnt um 19 Uhr im Zeughaus in der Ulmenstraße 15.

06.12.2017

Gestaltungsbeirat traf sich zur letzten Sitzung des Jahres

06.12.2017