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Sonnenblumen begrüßen Uecker

Rostock Sonnenblumen begrüßen Uecker

Ab 3. Juli zeigt Günther Uecker in der Kunsthalle Rostock seinen Zyklus „Der geschundene Mensch“. Und die Stadt soll erblühen.

Rostock. Es scheint, als schließe sich ein Kreis. Das Werk des Weltkünstlers Günther Uecker (86) kehrt heim. Die 14 „befriedeten Gerätschaften“ aus der Weltschau „Der geschundene Mensch“ kommen zurück zu ihrem traurigen Ursprung – nach Rostock, in die Hansestadt. Und dort treffen sie auf einen Kontrapunkt. Ein Meer von Sonnenblumen.

Die Ausschreitungen im August 1992 rund um das „Sonnenblumenhaus“ in Rostock-Lichtenhagen hatten den Künstler derart empört, dass er die Schau „Der geschundene Mensch“ entwickelte. Damals, dort sollten Menschen brennen. Verbrennen. Menschen sterben. Und ein entfesselter Mob sah grölend zu. Günther Uecker reagierte auf diese unvorstellbaren Vorgänge in seiner ihm eigenen Art und Formensprache. 14 befriedete Gerätschaften, wie er es nannte, die er direkt nach Lichtenhagen anfing zu entwickeln und bis 1993 fertigstellte.

Sie zeigen aus Steinen, Holzlatten, Leinentüchern, natürlich Nägeln, Asche, Sand und beschrifteten Blättern eine Art christlichen Kreuzweg. In „Der geschundene Mensch“ finden sich Stationen wie „Hindernisweg“, „Feuerstelle“ oder „Geißelmühle“. Es zeigt das Werkzeug in den Händen des Menschen, für Alltägliches erdacht, zum Töten, Unterdrücken, Foltern, zum Schinden des Menschen missbraucht.

Uecker sagte damals dem Institut für Auslandsbeziehungen, dem er die Ausstellung zur Verfügung stellte: „So ist dies mein Protest, meine Stellungnahme, ein Ausdruck meiner Erregtheit, ein Porträt eines Künstlers in Deutschland.“ Seitdem ist die Schau auf Welttournee gegangen und hat mehr als 340000 Besucher in 45 Ländern angezogen. Sie geht inhaltlich selbstredend über Lichtenhagen, das zu einem Synonym für die Gewalt des Menschen gegen den Menschen geworden ist, hinaus: Aggression, Zerstörung, Verletzungen finden in der Menschheitsgeschichte pausenlos statt – von der Inquisition bis zum Holocaust, vom Dreißigjährigen bis zum Vietnamkrieg, von der Reformation bis zur Globalisierung, vom IS-Terror bis Guantanamo.

Zuletzt war Ueckers Schau auf Kuba, wo die Welttournee unter dem Titel „Heridas – Conexiones“ („Verletzungen – Verbindungen“) nun endete. Die Ausstellung in Havanna basiert im Kern auf „Der geschundene Mensch“. Dort sagte Uecker im November 2014: „Die Ausstellung ist wie ein Selbstbildnis zu verstehen.“ Uecker setzt den Grundzügen von Aggression und Zerstörung stets die Geste der Versöhnung entgegen.

So nun auch die Hansestadt Rostock. Dort soll „der geschundene Mensch“ am 3. Juli mit einem Meer aus Sonnenblumen empfangen werden. Kunsthallenchef Jörg-Uwe Neumann sagt zu der Aktion: „Wir wollen zeigen, dass sich die Hansestadt Rostock seit 1992 verändert hat, dass wir eine weltoffene, sympathische und tolerante Stadt geworden sind.“

Dafür hat Neumann Privatpersonen und Unternehmen in MV aufgefordert, Sonnenblumen zu kaufen und zu pflanzen. Neumann: „Wir haben in einer Gärtnerei 30000 Blumen ziehen lassen.“ Bisher haben sich 71 Teilnehmer gemeldet, die bei der Aktion mitmachen – 60 Firmen und elf Privatpersonen. 5711 Pflanzen sind verkauft worden. Sie sollen zur Ausstellungseröffnung in der Stadt blühen – auf Plätzen, an Straßen, in Vorgärten und Parks, auf Balkonen und Terrassen. Die Kunsthalle hat 10000 Pflanzen bestellt, die am 22. Juni geliefert werden. Auf einer Fläche von 500 Quadratmetern rund um die Kunsthalle soll zudem ein gelbes Blumenmeer erblühen.

Uecker, der in seinem Atelier in Düsseldorf derzeit neben dieser Schau auch eine Ausstellung vorbereitet, die am 16. Juni in Wolfenbüttel eröffnet wird, zeigt sich von der Sonnenblumen-Aktion angetan. Sie entspricht dem Grundgedanken von „Der geschundene Mensch“.

Die 14 Gerätschaften der Schau sollen nach Ende der Ausstellung in der Kunsthalle am 11. September in Rostock bleiben. Ob als Dauerleihgabe oder fest im Bestand der Kunsthalle als Forum für zeitgenössische Kunst, ist noch offen.

Michael Meyer

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