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Spaß-Terror fürs allgemeine Glück

Rostock Spaß-Terror fürs allgemeine Glück

Pussy Riot auf Deutsch: „Demut vor deinen Taten Baby “ von Laura Naumann feierte am Volkstheater Rostock Premiere

Rostock. Bombenalarm im Flughafen, drei Frauen, die zufällig auf der Toilette sitzen, rücken angstbebend ganz eng zusammen: Händchenhalten unter den Toilettenkabinen-Trennwänden hindurch, später auch Händchenhalten nach der Entwarnung. Plötzlich scheint ihr vorher entfremdetes Leben die reinste Glückseligkeit. Sie ziehen zusammen, spielen in der WG ihr Katastrophen-Erweckungserlebnis immer wieder nach. Und haben eine Idee: Fortan wollen sie selbst Terroranschläge mit Happy-End simulieren, denn: „Für alle soll Glück herrschen und Freundschaft.“

Zwar kündigt sich im Wörtchen „herrschen“ das Scheitern ihres Projekts „Schönere Welt“ schon an, aber wie die drei wilden Frauen sich in Laura Naumanns Geniestreich „Demut vor deinen Taten Baby“

(uraufgeführt 2012 in Bielefeld) ans Werk machen, das wurde bei der Premiere am Samstagabend im Volkstheater Rostock zum surreal-grandiosen Theatervergnügen. Rebellisch und rebellenkritisch zugleich, witzig-subversiv in jeder Richtung rocken sich die drei im Ateliertheater durch deutsche Mentalitäten: Anja Willutzki mit beeindruckender Artikulation als Lore, die einst aus Europa geflohen war (wegen der vielen Christen); Cornelia Wöß mit einprägsam durch den Raum klingender Satzmelodik als Mia, die sich früher in ihrem Westerndorf mit Touristen-Zielschießen die Zeit vertrieb und noch jetzt ständig ihr Pferd zitiert; und Friederike Drews mit kraftvoller Präsenz, die sich zuvor als schwanzfixierter Porno-Vamp inszeniert hatte. Pendelnd zwischen Leidenschaft und Naivität, grellem Aufbruch und Scheitern, Utopie und Verzweiflung, spielen sie ein starkes Spiel, in dem sie nebenbei als rebellische Band agieren.

Nun überfallen die drei Spaß-Terroristinnen alle Clubs ihrer Stadt, schwer bewaffnet mit Platzpatronen in die Luft ballernd. Dann knöpfen sie sich einen Supermarkt vor, mit Parolen wie „Du sollst nicht töten“ oder „Esst mehr Pudding“. Weil sie so erfolgreich und beliebt sind, wird ihr Startup von der Regierung gekauft, um dank wachsender Arbeitslust und Kaufkraft den Aufschwung anzukurbeln.

Aber irgendwann geht‘s den Leuten dann zu gut, und das System ist durchs allgemeine Glücks- und Freiheitsgefühl bedroht . . .

Bis dahin wirkt das Stück wie ein Rekurs auf die einstige (west-)deutsche Spaßguerilla der Sechziger, die später durch die staatstragende Spaßgesellschaft in Vergessenheit gebracht wurde.

Heute mag die Umkehrung zum Guerilla-Spaß eher die Frage aufwerfen, ob es gegenwärtig legitim sei, in Zeiten echten Terrors so lustig mit Spaß-Terror Theater zu spielen. Ich denke: Ja, jetzt erst recht! Zumal die sinnreiche Inszenierung von Regisseurin Angelika Zacek diese Mehrdeutigkeit selbst hervorhebt: Die Maschinengewehrsalven klingen lauter als nur Spaß (und erinnern an echte Anschläge), und eine atemlose Pussy-Riot-Passage gegen Ende macht selbst den riskanten Ernst solcher Muschikrawall-Peformance deutlich. Und schließlich hat das ganze Stück ein blutiges Ende.

Nächste Vorstellungen: Am 29.

und 30. April, 20 Uhr, im

Volkstheater Rostock

Dietrich Pätzold

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