Volltextsuche über das Angebot:

18 ° / 15 ° Regen

Navigation:
Starkes Stück — runde Sache

Schwerin Starkes Stück — runde Sache

„Holt mein Gewehr!“ sagt der Vater am Beginn seinen beiden Söhnen, er will einen streunenden Hund erschießen; die Mutter hat Mitleid, die jüngste Tochter Lisa will ...

Voriger Artikel
Auf Rügen geben sich die Autoren die Klinke in die Hand
Nächster Artikel
Weiterhin tragbar: Die 70er bleiben in Mode

Sophia Maeno (r.) ist der Hundemensch (Dogman) und Markus Vollberg der überforderte Vater.

Schwerin. „Holt mein Gewehr!“ sagt der Vater am Beginn seinen beiden Söhnen, er will einen streunenden Hund erschießen; die Mutter hat Mitleid, die jüngste Tochter Lisa will gar einen verkleideten Menschen in ihm entdecken und so entkommt der Hund. Am Schluss sagt der Vater wiederum diesen Satz, diesmal schießt er — und trifft. Zwischen diesen beiden Polen spannt sich die Oper „Dog Days (Tage des Hundes)“ aus, komponiert vom Amerikaner David T. Little (37), erst 2012 als Projektproduktion in New York uraufgeführt. Jetzt hatte sie im E-Werk, der Kammerspielstätte des Mecklenburgischen Staatstheaters, ihre auch hier gefeierte Premiere — ein starkes Stück und eine runde Sache.

OZ-Bild

„Holt mein Gewehr!“ sagt der Vater am Beginn seinen beiden Söhnen, er will einen streunenden Hund erschießen; die Mutter hat Mitleid, die jüngste Tochter Lisa will ...

Zur Bildergalerie

Nächste Vorstellungen:

Sonntag, 20. März 2016, 18 Uhr Freitag, 8. April 2016, 19.30 Uhr Sonnabend, 16. April, 19.30 Uhr

Im E-Werk am Schweriner Pfaffen teich.

Karten: Tel.: 0385/5300 — 123, o.

kasse@theater-schwerin.de

Sie erzählt ein beklemmendes Endzeitspiel, in dem die Ikone unserer vereinzelnden Zeit, die Familie, auf den Prüfstand gestellt wird. Sie wird in extreme Bedingungen gesetzt, in die postapokalyptische Situation nach einem globalen Krieg: Die menschliche und die natürliche Welt sind zerstört, die Institutionen zerbrochen, die haltende soziale Infrastruktur ausgelöscht. Die Familie versucht, ihren Mythos als Hort sozialer Geborgenheit aufrechtzuhalten, scheitert zunehmend und zerfällt, denn sie können nicht mal mehr ihre kreatürlichen Bedürfnisse befriedigen. Mit dem Hunger schleicht der Untergang an, wir fragen uns unentwegt gespannt, wie er sich vollziehen wird.

Nur Lisa projiziert ihre Solidarität auf den Hund. Sie hat Recht: Er ist ein Mensch, der, um zu überleben, gleich auf sein Menschsein verzichtet und sich als Hund verkleidet hat — auch die anderen merken dies bald. Zum eindrucksstarken Musikdrama wird dies durch die Musik, die sich bei marktüblichen Stilen von Klassik bis Pop und Rock, ja bis Heavy Metal, bedient, aber dies zur Synthese einer eigenständigen Klangsprache führt, wild, kantig, aber auch mit kantablen Linien und wehmütiger Poesie, von der kleinen Instrumentalgruppe unter Martin Schellhaas in faszinierenden Klangmixturen ausgeführt und von den Sängerdarstellern hochintensiv gesungen — Katrin Hübner als lyrisch-expressive Lisa, Itziar Lesaka als sorgende Mutter, Markus Vollberg als überforderter Vater, Raphael Pass und Alexander Tremmel als Lümmelsöhne, Sophie Maeno als Dogman.

Die Inszenierung von Cristiano Fioravanti (38) bietet den kongenialen Rahmen, indem sie psychologisch genau von biederer Wirklichkeitstreue zu beklemmender symbolischer Parabelhaftigkeit aufsteigt, im gelungenen Bühnenbild von Alexandre Corazolla (37) balancierend zwischen Naturalismus und karg-abstrakter Zeichenhaftigkeit.

Mit der fulminanten szenischen Überraschung des erschütternden Höhepunktes: In der Verzweiflung des Hungers erinnert man sich daran, dass in China Hunde gegessen werden. „Holt mein Gewehr!“, sagt der Vater. Die zu Tieren in Menschengestalt gewordenen Männer töten nun den Menschen in Tiergestalt, um ihre Fortexistenz zu sichern. Und es erhebt sich krass die Frage: Unter welchen Bedingungen reißt der Firnis der Menschlichkeit? Der instrumentale Epilog gipfelt schleichend im unerbittlichen Inferno, auch wenn die Regie einen versöhnlichen Abschluss darüberlegen will.

„Dog Days“ — Oper mit E-Gitarre

Die Oper „Dog Days“ erlebte 2012 ihre Uraufführung in Montclair (US-Bundesstaat New Jersey). Die Oper hat David T. Little (37) komponiert. Der US-Amerikaner gilt als einer der aufsehenerregendsten Newcomer auf dem Terrain der neuen amerikanischen Oper. Die Oper in drei Akten vereint Elemente von Klassik und Moderne mit Rock, Heavy Metal und Independent. Die New York Times feierte Little als neuen Komponisten des 21. Jahrhunderts.

„Dog Days“ basiert auf der gleichnamigen apokalyptischen Kurzgeschichte der amerikanischen Schriftstellerin Judy Budnitz (43).

Von Heinz-Jürgen Staszak

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur
Benjamin Barz Ostsee-Zeitung Ostsee-Zeitung Serie, Weltkrieg, erster Weltkrieg, zweiter Weltkrieg Teaser der den User auf die Sonderseiten zum Thema Weltkrieg führen soll image/svg+xml Image Teaser Weltkrieg 2015-09-23 de Serie Erinnerung an Weltkriege Alle Beiträge und Bildergalerien zum Thema sowie Infos zu Ausstellungen und Museen finden Sie auf unseren Sonderseiten. Alle Veranstaltungen und Freizeittipps in Ihrer Nähe finden Sie hier. > Erster Weltkrieg > Zweiter Weltkrieg 1914 bis 1918 1939 bis 1945
Benjamin Barz Ostsee-Zeitung Ostsee-Zeitung Lererbriefe, Meinung, Teaser der den User auf die Seite "Leserbriefe" führen soll image/svg+xml Image Teaser „Leserbriefe“ 2015-09-23 de Meinung Ihre Leserbriefe Über unser Kontaktformular können Sie uns gern Lob, Kritik, Ideen oder andere Anmerkungen zu aktuellen Themen aus Ihrer Region, MV und der Welt zusenden. Wir freuen uns auf Ihre Meinung. Hier geht es zum Formular.