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Kultur Streitbarer Historiker
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00:01 17.03.2016

Als Heinrich August Winkler 2015 die Rede zum 70. Jahrestag des Kriegsendes im Bundestag hielt, erregte er Aufsehen. Der Historiker warnte die Deutschen, aus ihrer schrecklichen Geschichte während der NS-Zeit ein „Recht auf Wegsehen“ abzuleiten.

Gestern erhielt der gebürtige Ostpreuße auf der Leipziger Buchmesse den Preis zur Europäischen Verständigung. Die Jury sprach dem 77-Jährigen die Auszeichnung für sein Opus magnum „Geschichte des Westens“ zu, das er 2015 mit dem Band „Die Zeit der Gegenwart“ abschloss. Das Werk sei „unverzichtbar gerade in Zeiten, in denen die Werte des Westens fragiler und angefochtener erscheinen denn je“, so die Jury.

Der mit 20 000 Euro dotierte Preis geht an einen Wissenschaftler, der seit Jahrzehnten als einer der wichtigsten deutschen Historiker gilt. Sein Standardwerk „Der lange Weg nach Westen“ (2000) analysiert in der für ihn typischen Mischung aus Geschichte und Geschichten die Entwicklung Deutschlands im 19. und 20. Jahrhundert. Es hat sich mehr als 90 000 Mal verkauft und wurde in sechs Sprachen übersetzt.

„Die Frage nach dem deutschen Sonderweg, nach den deutschen Abweichungen von den westlichen Demokratien hat mich schon immer bewegt und treibt mich bis heute um“, sagt Winkler. Hoch konzentriert, präzise und pointiert schaltet er sich in Debatten ein — zur Zukunft Europas, zur Flüchtlingskrise oder zur Auseinandersetzung mit Islamismus. „Das Wagnis, uns der allerjüngsten Zeitgeschichte zu stellen, das müssen wir schon eingehen, wenn wir einen Beitrag zur Ortsbestimmung der Gegenwart leisten wollen“, sagt er.

Das war dem streitbaren Geist, der seit 1962 der SPD angehört, schon beim Historikerstreit ein wichtiges Anliegen. An der Seite von Jürgen Habermas und Rudolf Augstein warnte er in der von Ernst Nolte entfachten Debatte davor, den Holocaust durch Vergleiche mit anderen Massenverbrechen zu verharmlosen. 1938 als Kind einer Historikerfamilie in Königsberg geboren, hatte Winkler die Folgen der NS-Zeit erlebt. Seine Mutter musste mit ihm 1944 Ostpreußen verlassen, er wuchs bei Ulm auf. In seiner Dissertation 1963 in Tübingen zeichnete sich die neue deutsche Geschichte als sein Lebensthema ab. Weitere Werke waren die Untersuchung „Arbeiter und Arbeiterbewegung in der Weimarer Republik“ (1984-1987) und die Essaysammlung „Auf ewig in Hitlers Schatten?“ (2007). „Es ging und geht ihm darum, Geschichte in ihrem Verlauf zu erklären und dabei zu konzisen Urteilen vorzustoßen, jenseits derer nichts mehr zu sagen bleibt“, urteilte Historikerkollege Michael Borgolte 2004.

Derzeit arbeitet er an einem, wie er sagt, mit 200 Seiten „eher schmalen Bändchen“ zur Krise Europas und der Verantwortung Deutschlands. Er liest gern (am liebsten Theodor Fontane und Thomas Mann), hört klassische Musik, fährt Rad — und bespricht neue Themen und Thesen als Erstes mit seiner Frau, mit der er seit mehr als 40 Jahren verheiratet ist. Auch das ausgezeichnete Buch hat er ihr gewidmet: „Für Dörte“.

Von Nada Weigelt

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