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Theatermann Roberto Ciulli: „Nordkorea fehlt mir noch“

Mülheim/Ruhr Theatermann Roberto Ciulli: „Nordkorea fehlt mir noch“

Roberto Ciulli ist ein Theaterkosmopolit, der mit seinem Mülheimer Theater an der Ruhr in der ganzen Welt zu Hause ist. Theater ist für den gebürtigen Italiener, der am 1.

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Roberto Ciulli vor seinem Theater an der Ruhr. Foto: Caroline Seidel

Mülheim. Roberto Ciulli ist ein Theaterkosmopolit, der mit seinem Mülheimer Theater an der Ruhr in der ganzen Welt zu Hause ist. Theater ist für den gebürtigen Italiener, der am 1. April 80 Jahre alt wird, auch politischer Einsatz.

Der Nachrichtenagentur dpa erzählte Ciulli von seinen früheren Problemen als rothaariges Kind, vom Wesen des Clowns, und warum er Berlin für provinziell hält.

Frage: Was proben Sie gerade?

Antwort: Ein Stück von Eugene O'Neill, „Eines langen Tages Reise in die Nacht“ und das „Wintermärchen“ von Shakespeare. Eine Premiere ist im Oktober, die andere im Dezember. Dazwischen erarbeite ich im Juli eine Koproduktion zum Thema Mehrsprachigkeit mit dem Istanbuler Kumbaraci 50 Theater. Die Premiere ist im September.

Frage: Gibt es ein ausländisches Theater, mit dem Sie besonders gern zusammenarbeiten?

Antwort: Im Lauf der 33 Jahre sind viele Kooperationen entstanden. Das Prinzip war immer: Wo finden wir Menschen, die sich fremd im eigenen Land fühlen so wie wir damals, als wir angefangen haben? Wir hatten seinerzeit den Eindruck, dass die Menschen in Deutschland uns weniger verstehen, obwohl wir die gleiche Sprache sprechen. Dann gingen wir ins Ausland, und plötzlich begriffen die Menschen, was wir tun. Dieses Prinzip war der Antrieb unserer internationalen Arbeit. Wir gehen auf die Suche nach Theatern, die im eigenen Land oft niemand zur Kenntnis nimmt.

Frage: Haben Sie mit Ihrem Schauspiel den Ländern und dem dortigen Publikum nicht auch einiges zugemutet? Etwa in Bagdad 2002, wo das Theater an der Ruhr „Antigone“ und Peter Handkes „Kaspar“ spielte, oder mit „Dantons Tod“ 1987 in Istanbul?

Antwort: Das betrifft die Ästhetik des Theaters. Das Theater ist noch eine sehr traditionelle Kunst. Der Blick der Moderne, der sich etwa in der Malerei oder Musik durchgesetzt hat, hat im Theater immer größere Schwierigkeiten gehabt. Ein traditionelles Publikum ist oft nicht bereit, sich auf Unbekanntes einzulassen. Aber genau das ist unser Ziel. Wir geben uns nicht mit dem Offensichtlichen zufrieden, wir wollen die Realität dialektisch auf ihre Widersprüche befragen.

Frage: Sie kommen aus einer politisch bewegten Zeit. Wie wurden Sie politisiert?

Antwort: Ich war von 1965 bis 1968 Gastarbeiter. Insofern bin ich ein Spät-68er, da ich erst 1968 anfing, in Deutschland zu inszenieren.

Meine politischen Ansichten kamen aus der Studentenbewegung in Italien in den späten 50er Jahren. Es waren politisch sehr bewegte Zeiten in Italien. Mit Anfang 30 stellte ich fest, dass ich eigentlich am falschen Ort geboren worden war, in der falschen Gesellschaft. Ich komme aus einer großbürgerlichen Familie und aus einer Stadt, aus einer Gesellschaft, wo Geld das Wesentliche im Leben war. 30 Jahre musste ich nicht arbeiten, habe nur studiert. Außerdem war ich ein rothaariges Kind in einer Familie, in der alle schwarzhaarig waren. Mein Widerstand gegen diese Welt hat sehr früh angefangen.

Frage: Wie wirkte sich das auf Ihr Theaterschaffen aus?

Antwort: Direkt nach meiner Promotion habe ich ein Theater in einem alten Zirkuszelt am Stadtrand gegründet. Ich habe nicht ein bürgerliches Publikum in der Mitte der Stadt gesucht, sondern Zuschauer, die in der Peripherie Mailands lebten. Ich habe das Theater „Il Globo“ (Globus) genannt. Vielleicht habe ich Theater schon immer mit Reisen assoziiert. Mit dem Theater an der Ruhr gastierten wir in Ländern wie dem Irak, Iran oder der Türkei, aber auch im früheren Jugoslawien, Polen und Russland.

Frage: Welches Land fehlt Ihnen denn noch bei Ihren Kooperationen?

Antwort: Nordkorea.

Frage: Es zieht Sie also in die schwierigen Staaten. Sie waren auch im Irak des Saddam Hussein. Das war gefährlich und schwierig.

Antwort: Ja, aber ein kultureller Boykott ist grundsätzlich Nonsens. Man muss, wenn man die Chance hat, in einem Staat wie dem damaligen Irak zu spielen, diese wahrnehmen. Die Bedingung muss natürlich sein, dass man nicht zu den vom Regime vorgegebenen Konditionen spielt. Im Irak musste ich mich gegen den damaligen Kulturminister durchsetzen. Ich habe Saddam Hussein nicht im Parkett gesehen, aber junge Menschen, die mir heute noch Briefe schreiben. Es ist unvergesslich, was zwei Wochen Theater für ein Publikum in Bagdad, das von allem ausgeschlossen wurde, bedeutet haben.

Frage: Wie konnten diese Gastspiele realisiert werden?

Antwort: Das frage ich mich heute auch. Wenn Sie bedenken, dass ich in allen diesen Ländern zuerst allein gewesen bin, um die Kontakte zu knüpfen, die Theater zu besuchen. Und kam dann das zweite Mal mit dem Ensemble. Inzwischen waren wir in über 35 Ländern.

Frage: Da drängt sich die Frage auf, wie lange Sie das Theater an der Ruhr noch leiten werden.

Antwort: Das kann ich nicht sagen. Ich weiß nicht, was mir in einem Monat passiert. In diesem Theater ist die Zukunft aber schon in der Gegenwart geplant. Seit mehr als 30 Jahren leite ich das Theater an der Ruhr, das ich gemeinsam mit Gralf-Edzard Habben und Helmut Schäfer gegründet habe. Helmut Schäfer ist 20 Jahre jünger als ich. Seit zwölf Jahren ist auch Sven Schlötcke Mitglied der künstlerischen Leitung. Wir waren immer eine kollektive Leitung mit mir als Primus inter Pares. Auf die Kontinuität haben wir immer Wert gelegt und so ist es ein Glück, dass es Menschen gibt, die bereit sind das Theater an der Ruhr in die Zukunft zu führen. Wann ich als Regisseur aufhöre oder als künstlerischer Leiter, kann ich nicht sagen. Der Begriff Nachfolger ist für mich eine Beleidigung für den Nachfolger.

Frage: Wenn Sie heute noch mal anfangen würden, würden Sie dann wieder nach Mülheim gehen?

Antwort: Immerhin bin ich in Mailand geboren und aufgewachsen, dort gibt es eine hervorragende Universität, das Piccolo Teatro und die Scala. Besser hätte ich es nicht haben können. Und jetzt lebe ich in Mülheim an der Ruhr. Ich hatte immer diesen Gedanken, alles auf den Kopf zu stellen und mir eine verkehrte Welt zu wünschen. Es gibt nicht nur Berlin. Mein geografischer Ort ist das Theater.

Frage: Was bedeutet für Sie Provinzialität?

Antwort: Wenn ich heute die Berlinale anschaue oder die Oscar-Verleihung in Hollywood, finde ich, dass es nichts Provinzielleres gibt als das. Dort treffen sich immer dieselben Leute mit denselben Gesichtern, es ist wie sonntags im Dorf.

ZUR PERSON:  Roberto Ciulli wurde am 1. April 1934 in Mailand geboren, Zentrum seines Wirkens ist seit über 30 Jahren Mülheim an der Ruhr. Dort gründete er 1980 das Theater an der Ruhr. Seit Jahren holt Ciulli ausländische Theatertruppen ins Ruhrgebiet und gastiert mit seinem Ensemble in Ländern wie Chile, Polen, Russland und Ägypten, aber auch im Irak und im Iran. Der mit einer Arbeit über Hegel promovierte Ciulli gründete mit 26 Jahren ein Zelttheater in Mailand, bevor er 1965 als Gastarbeiter nach Deutschland ging und zunächst Fabrikarbeiter und Fernfahrer war. Nach Regie-Stationen an Bühnen in Göttingen, Köln und Düsseldorf kam Ciulli nach Mülheim.

 


Theater an der Ruhr



dpa

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