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Theaterstreit an der Berliner Volksbühne eskaliert

Berlin Theaterstreit an der Berliner Volksbühne eskaliert

Intendant Chris Dercon in der Kritik / Aktivisten haben Berliner Theater besetzt

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Demonstranten besetzten die Berliner Volksbühne. Sie protestieren damit gegen befürchtete künstlerische Beliebigkeit.

Quelle: Foto: Dpa

Berlin. Der Neubeginn der Volksbühne spielte sich nicht am Rosa-Luxemburg-Platz ab, sondern auf dem Flughafengelände Tempelhof. Hierher lud der neue Intendant Chris Dercon zu Tanzmarathon und einer Inszenierung der „Iphigenie“ vor dem Hintergrund des Syrienkonflikts. Nun aber ist doch wieder das Theaterhaus Schauplatz einer spektakulären Inszenierung geworden: Seit Freitagnachmittag ist die Volksbühne von dem Kunst-Kollektiv „Staub zu Glitzer“ besetzt.

OZ-Bild

Intendant Chris Dercon in der Kritik / Aktivisten haben Berliner Theater besetzt

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Dercon und der kulturelle Richtungsstreit

Der Belgier Chris Dercon (59, Foto) leitete zuletzt die Tate Modern in London. Die Berufung des Kunsthistorikers und Theaterwissenschaftlers als Intendant der Volksbühne gehört zu den umstrittensten Entscheidungen im Kulturbetrieb und führte seit 2015 zu hitzigen Debatten. Gegnern steht er für „austauschbares, für den globalen Festivalbetrieb produziertes Durchreisetheater“.

An der Fassade des Theaters befestigten die Aktivisten ein Banner mit der Aufschrift „Doch Kunst“. Über Twitter ließ das Kunst-Kollektiv verlauten: „Bei unserer performativen Intervention geht es nicht um die Personalie Chris Dercon, sondern um eine Neuaushandlung des Ortes.“ Die Aktion, als „transmediale Inszenierung“ bezeichnet, sei seit mehr als einem Dreivierteljahr von einem harten Kern von 40 Personen vorbereitet worden. Rund 100 Aktivisten hätten nun die Volksbühne okkupiert.

Der Twitter-Account der Gruppe ist nach der derzeit größten Atombombe B6112 benannt, auf Bildern ist zu erkennen, wie die Kunstaktivisten einen Nachbau in den Theaterräumen aufstellen. „Die Bombe tickt“, hieß es metaphorisch. Ansonsten distanziere man sich jedoch von Gewalt.

In einer Pressemitteilung stellte das Kollektiv die Aktion in Zusammenhang mit einem Protest gegen Gentrifizierung: „Neben der extremen und unverfrorenen Verdrängung der Wohnbevölkerung findet eine ebenso starke Verdrängung kultureller Einrichtungen wie Clubs, Ateliergemeinschaften oder Theaterbühnen statt zugunsten einer an Massentourismus und Profit orientierten Kulturlandschaft.“ Die Neuausrichtung der Volksbühne sei symptomatisch für diese Entwicklung. „Staub zu Glitzer“ fordert eine Neuverhandlung über die Zukunft des Theaterhauses und die Wiederaufnahme von Stücken, die durch den Intendantenwechsel aus dem Spielplan verbannt wurden.

Naiv mutet die Idee an, die Mitarbeiter eines Theaters sollten künftig bei Änderungen des Intendanten in die Entscheidungsfindung einbezogen werden. Das Konzept der „transmedialen Inszenierung“ wird mit den Punkten beschrieben: Selbstorganisierte Arbeitsgruppen, tägliche Delegiertentreffen, abendliche Zusammenkünfte, wöchentliche Versammlungen, monatliche Aufführungen, ständiges Büro und Schiedsgericht. Das klingt nach der Bürokratie der Anarchie. Offenbar dient die Besetzung vor allem als publikumsträchtige Vorstellung des Kollektivs, das weitere Aktionen plant. In dem vorgelegten Manifest wird die Organisation bis zur Angabe der Verpflegungsplanung durchgespielt.

Augenzeugen berichten, die Aktivisten richteten sich auf eine längerfristige Besetzung an. Es seien Handzettel verteilt worden, die über die „Aufnahmebedingungen für Bewohner“ informieren. Dazu gehöre es, „einmal monatlich an einem vom Haus ausgehenden Projekt teilzunehmen oder selbst eines zu initiieren.“ Zunächst einmal feierten die Aktivisten die Besetzung als eine große 60-Stunden-Party.

Die Volksbühne reagierte zunächst gelassen. Gespräche mit den Besetzern dauerten gestern an. Die Aufführungen in Tempelhof finden weiter statt, ungeklärt sei, wann im Haus wieder geprobt werden könne. Eine Probe für das neue Stück der Regisseurin Susanne Kennedy wurde wegen der Besetzung abgesagt. Der Appell des Volksbühnen-Teams: „Wir erwarten von den Besetzern, dass sie zu ihren selbstverhängten Hausregeln stehen, das denkmalgeschützte Haus vor Schaden bewahren und unseren Mitarbeitern friedlich begegnen. Und bitte lüftet mal.“

Vielleicht wäre es am elegantesten, die Besetzung als Teil der propagierten Öffnung des Hauses in die Stadt anzunehmen. Zu Beginn der Aktion gab es noch Spekulationen, dass es sich um eine theatrale Reaktion des neuen Volksbühnenteams auf die Abwehrreaktionen handelte. Der Belgier Chris Dercon hatte in dieser Spielzeit die Intendanz von Frank Castorf übernommen. Es ist eine der kulturpolitisch umstrittensten Entscheidungen der letzten Jahre. Kritiker befürchten, die Berliner Kultbühne werde zu einem beliebigen Veranstaltungsort ohne eigenes Ensemble oder Repertoire.

Nina May

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