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00:05 22.09.2016

Friedrich Nietzsche, genannt F.N., geht, begleitet von einem Pudel in Menschengestalt, durch die Welt. Er produziert auf einer Schreibmaschine endlos Texte, erobert als Capitán Kolonien, wird Kaiser, später von einem Tribunal als Nazi angeklagt; er ist schwanger, gebärt einen kleinen Friedrich Nietzsche, dreht durch, wird von John Wayne am Betreten der Psychiatrie gehindert. Nietzsches Feststellung, Gott sei tot, wird in zwei Enthauptungen Gottes zu Grundszenen der bürgerlichen Gesellschaft, während Marx und Engels Opium rauchend vom „Opium für das Volk“ reden.

„Die F.N.-Schlaufe“ des Malers aus Katzow erstmals zu sehen / Dazu gedruckt erschienen: imposantes Bilderbuch

Der Maler und „Die F.N.-Schlaufe“

Thomas Ziegler (1947-2014) studierte Sozialpsychologie in Jena, Malerei in Leipzig bei W. Tübke und R. Kuhrt und war Meisterschüler bei W. Womacka. Zur Ausstellung erscheint das Buch „Die F.N.-Schlaufe. Ernstes und Heiteres aus dem Leben des fabelhaften Friedrich Nietzsche“ als erster Band der neuen Schriftenreihe „Betrachtungen“ der Friedrich-Nietzsche-Stiftung Naumburg.

Was ist denn da los? Tief bewegende Erschütterungen der eigenen Wahrnehmung ist man vom Maler Thomas Ziegler (1947-2014) gewohnt. Jetzt aber lässt der Künstler, der viele Jahre in Mecklenburg-Vorpommern (zuletzt im vorpommerschen Katzow) gelebt hat, postum ein imposantes Nachbeben folgen: Sein Werkkomplex zum Philosophen Friedrich Nietzsche (1844-1900), der zum breit angelegten Bildertheater über Menschheitsgeschichte (mit Anklängen an „Faust“, Wagner und Hollywood) wurde, ist erstmals in seiner Komplexität zu sehen. „Die F.N.-Schlaufe“: Unter dem Titel sind ein Bilderbuch mit 112 gemalten Szenen, eine Rauminstallation mit Malerei auf 18 im Kreis angeordneten Metallleitern, in der Mitte eine Schreibmaschine mit Endlostext, sowie weitere große Gemälde ab 22. September für ein Jahr im Nietzsche-Dokumentationszentrum Naumburg zu erleben. Noch immer spürt man da, dass das Ganze in den 90er Jahren als dada-mäßige Filmidee begann und sich später mit dem Wunsch nach Regisseur Quentin Tarantino verband.

Der Direktor der Nietzsche-Stiftung, die für das Projekt Förderer interessierte und Räume öffnete, ist begeistert. „Ja, bin ich tatsächlich“, bestätigt der Philosoph Andreas Urs Sommer, Professor an der Uni Freiburg im Breisgau und Leiter der Forschungsstelle „Nietzsche-Kommentar“ der Heidelberger Akademie der Wissenschaften. In seinem Vorwort zu Zieglers gemaltem Welttheater schreibt Sommer:

„Die Friedrich-Nietzsche-Stiftung ist stolz darauf, dass sie unter dem Kuratorium von Carmen Ziegler und unter Mithilfe von Ralf Eichberg, dem Leiter des Nietzsche-Dokumentationszentrums in Naumburg, zum ersten Mal Thomas Zieglers Nietzsche-Œuvre in einer Ausstellung und dem vorliegenden Buch dem Publikum präsentieren kann. Die Stiftung ist stolz darauf, dass sie ihren satzungsgemäßen Zweck, das ,geistige und kulturelle Erbe Friedrich Nietzsches’ zu fördern, dank Thomas Zieglers Werken auf neue und ungewohnte Weise erfüllen kann.“

Den Grund seiner Begeisterung für Ziegler erklärt Sommer mit dessen sehr komplexer Auseinandersetzung. „Nietzsches Denken verweigert jeden festen Halt. Zieglers Denken verweigert jeden festen Halt.

So haben sich die beiden früher oder später finden müssen“, meint er. Hier werde Nietzsche weder bierernst auf einen Sockel gehoben wie sonst üblich, noch werde er nur verulkt und karikiert. Zieglers Auseinandersetzung mit Nietzsche sei durchaus tiefgründig: „Er nimmt ihn ernst; zugleich aber ist das alles sehr witzig. Es sind faszinierende Blätter, die so in der künstlerischen Auseinandersetzung mit Nietzsche nicht ihresgleichen haben“, urteilt Sommer.

Für Ziegler war „Die F.N.-Schlaufe“ („Schlaufe“ zielt auf Ewigkeit und Wiederkehr) ein Akt der Selbstbefreiung. War der Maler, der mit seinem Vierteiler „Sowjetische Soldaten“ Ende der Achtziger für Aufsehen in der DDR sowie in der USA-Ausstellung „Twelve Artists from the GDR“ gesorgt hatte, zum Ende der DDR zunehmend in Schwierigkeiten mit den kulturpolitischen Verhältnissen geraten, so fiel er im Zuge der deutschen Vereinigung in eine tiefe künstlerische und existenzielle Krise. Sommer meint: „Er hat nicht mitgemacht bei all den hippen Strömungen, sondern sich zurückgezogen und seinen eigenen Weg verfolgt.“ Dieser Weg war krisenreich, führte Ziegler jedoch zu neuen künstlerischen Ansätzen, mit denen er schließlich eine eigenwillige Auffassung der Bildrealität entwickelte. Die „F.N.-Schlaufe“ steht am Beginn dieses Weges, Carmen Ziegler schreibt: „Mit ihr hatte er sich aus dem Loch befreit.“

Ihre befreiende Wirkung können Betrachter jetzt nachvollziehen. Nicht nur als historische Erinnerung, sondern als aktuelles Erlebnis – gegen verkrampften Ernst ebenso wie gegen die Moden handelsüblicher Spaß-Oberflächlichkeiten in Kunst und Entertainment.

Zur Ausstellungseröffnung am 22. September (Zieglers Geburtstag) in Naumburg trifft die „F.N.-Schlaufe“ gleich auf internationales Publikum: Dann beginnt dort auch ein Internationaler Kongress der Nietzsche-Gesellschaft, der Friedrich Nietzsche Society of Great Britain und der Friedrich-Nietzsche-Stiftung.

Dietrich Pätzold

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