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Tim Bendzko will nicht mehr nur noch kurz die Welt retten

Tim Bendzko will nicht mehr nur noch kurz die Welt retten

„Immer noch Mensch“ – neues Album des Pop-Poeten, mit dem er auf Tour geht

Die Tour steht an. Sind Sie noch aufgeregt?

Tim Bendzko: Das habe ich mich vorhin auch gefragt. Lustigerweise bin ich es noch gar nicht. Aber wir waren noch nie so gut vorbereitet wie dieses Mal: Das erste Mal haben wir schon im Januar geprobt. Bei den letzten Touren war das erste Konzert wie eine Generalprobe. Das wird jetzt anders sein.

Was wird auf der Bühne passieren?

Wir werden auf jeden Fall jeden Song des aktuellen Albums spielen. Das war sonst nicht der Fall. Es sind ja auch nur elf, und wir werden deutlich mehr als 20 Songs spielen, natürlich auch die alten Kracher. Die Band hat sich ein wenig vermehrt: Wir haben jetzt drei Streicher dabei. Und ab und zu spielt meine eine Background-Sängerin auch Geige; dann wird es ein Quartett.

Es soll mal Zeiten gegeben haben, in denen Sie sich noch nicht reif dazu fühlten, auf die Bühne zu gehen. Stimmt das?

Ja. Während der Abi-Zeit habe ich mich gefragt: Wer möchte einen 18-, 19-jährigen Jungen vom Leben singen hören? Wovon soll ich überhaupt singen außer über Schule und Fußball? Ich habe mich selber noch nicht ernst nehmen können. Außerdem habe ich gedacht, dass, wenn man schon den Beruf des Musikers anstrebt, man vorher schon ein bisschen etwas anderes gemacht haben soll. Und wenn es nur ist, um zu wissen, wohin man nie wieder will.

Hatten Sie mit 18, 19 nicht das Gefühl wie fast alle Abiturienten, jetzt gehöre Ihnen die Welt?

Ich hatte schon tierischen Tatendrang. Aber ich wäre jetzt nicht losgelaufen und hätte geguckt, ob ich einen Plattenvertrag bekomme. Hätte ich merkwürdig gefunden.

War es für Sie damals klar, dass Sie als Solokünstler unterwegs sein würden? Oder gab es Schulbands?

Ich wollte immer eine feste Band haben. Aber es sollte immer ein Solo-Ding sein, weil ich keine Lust hatte, dass man sich in Diskussionen vergeht und eine Sache scheitert, weil sich zwei Leute plötzlich nicht mehr grün sind.

Man vergisst bei Ihrer Präsenz gern, dass Sie erst seit sechs Jahren im Geschäft sind. Doch werden Sie die Veränderungen dort wahrgenommen haben . . .

Naja, das ist ziemlich klar, wenn man sich anschaut, wie Streaming beeinflusst, welche Musikrichtungen gehört werden. Oder wenn man sich ausrechnet, wie oft ein einzelner Mensch sich meine Sachen per Streaming anhören muss, dass es aufwiegt, was ich durch einen Album-Verkauf verdienen würde – das ist unmöglich.

Bedauern Sie etwa, Musiker geworden zu sein?

Nein (lacht). Das war auf jeden Fall der richtige Weg. Aber das ganz klassische Modell – ich mache alle ein, zwei Jahre ein neues Album und Promo dafür, das genügt – funktioniert nicht mehr. Auch das klassische Album stirbt leider aus. Nicht in meiner Welt, aber allgemein scheint das so zu sein.

Wie hören Sie Musik?

Ich bin MP3-Hörer. Streaming ist natürlich für den Konsumenten eine irre Sache: Man hat viel mehr Möglichkeiten, Musik zu entdecken. Aber für die Vielfalt in der Musik ist es der Tod. Wenn heute etwas wie Erfolg aussieht, heißt das noch lange nicht, dass man davon auch leben kann.

„Warum ich Lieder sing'“, singen Sie und erklären in dem Text, dass es nicht unbedingt um den Erfolg geht, sondern um das Musikmachen selbst. Was bedeutet Musik für Sie?

Eigentlich müsste der Song heißen: „Warum ich Lieder schreibe“. Aber das lässt sich nicht so gut singen (lacht). Ich schreibe mir Sachen von der Seele. Und wenn man von einem leeren Stück Papier zum fertigen Song gekommen ist, ist das schon abgefahren. Der nächste Schritt ist, einen solchen Song in eine Produktion zu packen und ihn fliegen zu lassen. Aber das ist schon Bonus. Und was dann noch folgt, ist auch noch Bonus: dass Leute ihn hören, sich darin wiederfinden, ihn bei Konzerten singen. Das finde ich toll, aber es ist nicht meine ursprüngliche Motivation.

Ist das Sich-von-der-Seele-Schreiben der Grund dafür, dass vermeintlich heitere Songs wie „Nur noch kurz die Welt retten“ in der Minderheit sind?

Und das ist noch nicht mal richtig heiter, sondern eher halbironisch. Weil es darum geht, wie die Menschen ihre Zeit vertändeln, indem sie ständig vornübergebeugt in ihre Handys starren.

Der Verlust des aufrechten Gangs?...

Eben, das ist nicht heiter. Ja: Es ist nicht mein Ziel, heitere Lieder zu schreiben. Der erste Anstoß ist immer, mir Sachen von der Seele zu schreiben.

Darum Lieder wie „Beste Version“, „Keine Maschine“ und „Immer noch Mensch“, die alle einen Innenblick beschreiben?

Ganz genau.

Und? Hilft es?

Ich stelle fest, dass – allerdings auch durch den Erfolg, den ich in den vergangenen Jahren hatte – ich eine ganz neue Freiheit habe, über Sachen nachzudenken. Wenn man sich nicht ständig um morgen sorgen muss, macht das sehr viel möglich.

Mehr Öffentlichkeit verursacht auch mehr Kritik an der eigenen Person. Ist „Immer noch Mensch“ auch insofern zu verstehen?

Es bedeutet, dass man solche Sachen eben immer noch wegignorieren kann. Weil solche Kritik letztlich keine Rolle spielt. Man bekommt, wenn man in der Öffentlichkeit steht, vielleicht den Eindruck, dass alles, was man tut, auch von öffentlichem Interesse ist. Das habe ich zum Glück nicht. Die einzige Möglichkeit, ein normales Leben zu führen, ist, sich ganz normal zu verhalten. Anfangs bin ich durchaus mal mit Sonnenbrille aus dem Haus gegangen – da wird man erst recht erkannt, und es bewirkt das Gegenteil.

Fasst Kritik Sie noch an? Wenn ein Jan Böhmermann zum Beispiel zum Rundumschlag gegen die deutschen Pop-Poeten ausholt und gegen Sie? Prinzipiell kann ich Kritik,wenn sie aus den Medien kommt, immer weniger ernst nehmen. Es ist in Deutschland so einfach geworden, Sachen schlecht zu finden. Das Einzige, was mich bei Böhmermann aufregt, ist, dass Max Giesinger so persönlich angegangen wird, der ein schlechtes Beispiel für das ist, was Böhmermann sagt. Der sich zehn Jahre lang den Arsch abgespielt hat. Und nun hat er endlich Erfolg und wird dargestellt, als sei er der große Kommerzbarde.

Dafür hätte man nun wirklich andere Beispiele finden können. Grundsätzlich bin ich Böhmermann-Fan, aber das hier riecht für mich nach persönlicher Fehde. Schade.

Lassen Sie uns nach vorn schauen und den Winter zurücklassen, von dem Sie singen, dass Sie ihn nicht mögen?

Moment! Nichts gegen den Winter als solchen. Der Winter, über den ich singe, das ist nicht der schöne Schneewinter, sondern ein Bild für eine innere Abgestumpftheit, das Gefühl, ohnmächtig, hilflos in sich gekehrt zu sein. Den Winter an sich finde ich superschön.

Stefan Gohlisch

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