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Kultur Russischer Klassiker hatte Premiere
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16:34 07.10.2018
„Der Kirschgarten“ mit Annett Kruschke, Stefan Hufschmidt und Tobias Bode (v.l.). Quelle: Vincent Leifer
Greifswald

Wie viel Tschechow steckt noch in diesem „Kirschgarten“? Diese Frage war wohl jene, die sich Sonnabend so mancher beim diesjährigen Auftakt der Schauspiel-Spielzeit im Greifswalder Großen Haus gestellt hat. Denn von Vorstellungsbeginn an wurden die Zuschauer permanent konfrontiert mit Begriffen, wie Autobahn, Ferienhäuser, Supermarkt, Backshop, Freizeitpark, Wasserrutsche und Mc Donalds. Ja, selbst die „1968er“ fehlten nicht. Ebenso kamen die Nikolaikirche und der Runde Tisch vor. Selbst das Abzeichen der Jungen Pioniere der DDR sah man auf der Bühne. Und selbstverständlich wurde hier auch mit dem Handy telefoniert.

Wer also einen russischen Abend mit ganz viel Herz und Seele und passenden volkstümlichen Klängen erwartet hatte, der wurde enttäuscht und musste stattdessen unter anderem mit Songs, wie „Riders on the Storm“ von den Doors oder „Back for good“ von Take That Vorlieb nehmen. Einer Musik, die wie auch das Bühnenbild aus anderen Zeiten und Regionen stammte. Aber dennoch zum Thema-passte.

Tschechow schrieb seinen „Kirschgarten“ zu Beginn des 20. Jahrhunderts als sein letztes Theaterstück. Die Uraufführung fand am Geburtstag des damals bereits todkranken russischen Dichters, am 17. Januar 1904 im Moskauer Künstlertheater, statt. Also vor fast 115 Jahren.

Im Original befindet sich der „Kirschgarten“ in der russischen Steppe und steht in voller Blüte. Er soll zwangsversteigert werden, da weder seine Inhaberin, Ljubow Andrejewna Ranjewskaja, gespielt von Annett Kruschke, noch ihr Bruder Leonid Andrejewitsch Gajew, gespielt von Stefan Hufschmidt, etwas gegen die drohende Pleite unternommen haben. Die Ranjewskaja kehrt gerade aus Paris an den Ort ihrer Kindheit und Jugend zurück.

Vom neureichen Unternehmer Jermolai Alexejewitsch Lopachin, gespielt von Tobias Bode, kommt daher der Vorschlag, den unprofitablen Garten doch abzuholzen. Auf der Fläche, so meint er, könnten zahlreiche Ferienhäuser entstehen. Und er rechnet schon mal vor, wie viel Geld man bei entsprechend großen oder kleineren Parzellierungen einnehmen würde. Aber das lehnen die Geschwister ab. Kategorisch. Und aus vollster Überzeugung.

Lopachin hält aber an seinem Vorhaben fest und bekommt am Ende auch den Zuschlag bei der Zwangsversteigerung. Der Kirschgarten ist Geschichte.

Regisseur Reinhard Göber, der in „Die Mitschuldigen“ auch schon mal Goethe an der Berliner Mauer spielen lässt, gibt zu, die Original-Vorlage stark bearbeitet zu haben. „Wir transponieren das Geschehen, geben ihm eine andere Atmosphäre“, sagte er auf einem Pressegespräch vorab der Premiere. „Aber natürlich sind es Tschechows Texte“, versicherte der Oberspielleiter des Schauspiels.

Das nahm ihm aber nicht jeder Premierengast ab. Es gab am Ende nämlich sehr unterschiedliche Einschätzungen beim vom Alter her bunt gemischten Publikum. Während einige Premierengäste regelrecht entsetzt waren und von „Klamauk“ redeten, spendeten andere viel Lob. Für eine gut verständliche, kurzweilige Inszenierung mit einer überzeugenden schauspielerischen Ensembleleistung. Immerhin standen elf Mimen auf der Bühne. Das kommt in Greifswald nicht alle Tage vor. Und das brachte vor allem auch für die Ankleiderinnen hinter der Bühne viel Arbeit mit sich, wie es Intendant Dirk Löschner auf der anschließenden Premierenfeier ausdrücklich hervorhob.

Zur modernistischen Art der Inszenierung erklärte der Theaterleiter, dass es leider auch heute noch so sei, dass unsere Welt von den Lopachins beherrscht werde. Das rechtfertige, die Geschehnisse auf der Bühne mit den Geschehnissen um uns herum abzugleichen, sagte er im vollbesetzten Foyer. Denn das hätte man auch vor gut 100 Jahren so gemacht. Der „Kirschgarten“ passe deshalb hervorragend ins Konzept der diesjährigen Spielzeit am Theater Vorpommern, die unter dem Motto „Früher war alles besser“ steht, erklärte Löschner.

Ob das am Ende auch die Zuschauer so sehen, bleibt abzuwarten. Die Premiere war jedenfalls nicht ausverkauft. Der abschließende Beifall der Zuschauer auch nicht euphorisch, sondern eher verhalten.

Die nächsten Aufführungen: 12. Oktober um 19.30 Uhr, Theater Putbus, 14. Oktober um 16.00 Uhr Theater Greifswald , 20. Oktober um 19.30 Uhr Theater Stralsund (Premiere), 27. Oktober, 19.30 Theater Stralsund

Reinhard Amler

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