Menü
Ostsee Zeitung | Ihre Zeitung aus Mecklenburg-Vorpommern
Anmelden
Kultur Über die merkwürdige Spezies Mensch
Nachrichten Kultur Über die merkwürdige Spezies Mensch
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:00 23.03.2017
Martin Walser 2016 bei den Usedomer Literaturtagen in Heringsdorf auf Usedom. Dieses Jahr liest er dort wieder: am 26. April. Quelle: Foto: Stefan Sauer/dpa

„Nur klein verhäkeltes Zeug, zu viel Verästelung und zu wenig Action“. So urteilte ein Juror des Hermann-Hesse-Preises 1957 über Martin Walsers Debütroman „Ehen in Philippsburg“. Die Auszeichnung konnte er nicht verhindern. Der Roman über die seelischen Abgründe der Wirtschaftswundergeneration, die sich nach dem Ende aller Moral in sexuelle Eskapaden und Machtkämpfe flüchtet, ist erst dieser Tage, 60 Jahre später, uraufgeführt worden. Der Regisseur Stephan Kimmig hat den Stoff in Stuttgart auf die Bühne gebracht – und mit seiner Inszenierung bewiesen, wie aktuell die Sätze des Mannes sind, der am 24. März 90 Jahre alt wird.

Martin Walser ist der Nestor der deutschen Nachkriegsliteratur. Mit Lenz, Grass und Böll prägte der Hutträger vom Bodensee das alte Westdeutschland. Einmischen gehört für ihn zur elementaren Aufgabe des Schriftstellers. Streitbar bis ins hohe Alter hat Walser mit einem Kommentar über den US-Wahlkampf („Tut mir leid, ich fand Trump besser“) für Aufsehen gesorgt. Sein Biograf Jörg Magenau konstatierte, der Autor schreibe vom ersten bis zum letzten Buch eine „Chronik der Empfindungsgeschichte der Bundesrepublik“.

Nicht immer traf Walser den richtigen Ton. Seine Paulskirchenrede zur Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels 1998 wurde zum Skandal stilisiert. Darin sagte er, Auschwitz eigne sich weder als „Drohroutine“ noch als „Moralkeule“. Öl ins Feuer goss er 2002 mit dem Roman „Tod eines Kritikers“, der eine der wichtigsten Feuilleton-Debatten auslöste. Rezensenten glaubten, antisemitische Klischees zu erkennen.

Die deutsche Schuld ist für Walser, der 1964 als Zuhörer den Frankfurter Auschwitz-Prozess verfolgt hatte, ein Lebensthema. Das belegen Auszüge aus seinen Werken, die er 2014 seiner Sammlung über den jiddischen Dichter Sholem Yankev Abramovitsch beilegte. Für die Paulskirchenrede entschuldigte er sich erst 2015: „Ich habe überhaupt nicht an jüdische Zuhörer gedacht, sondern an Walter Jens oder Günter Grass, die gesagt haben, die deutsche Teilung sei eine Strafe für die deutschen Verbrechen. Ich war damals nicht empfindlich genug für die Leidensqualität des jüdischen Volkes.“

So wie der Protagonist Helmut in Walsers Novelle „Ein fliehendes Pferd“ (1978) als Hobbyornithologe Vögel beobachtet, so beäugt der Autor die merkwürdige Spezies Mensch und die Abgründe in ihren Beziehungen mit faszinierter Präzision und einzigartigem Erzählstil. Dreiecksverhältnisse prägen nicht nur seine Literatur: Wie 2009 öffentlich wurde, ist Walser der leibliche Vater des Journalisten Jakob Augstein. Dessen rechtlicher Vater, „Spiegel“-Gründer Rudolf Augstein, war ein Freund Walsers.

Geboren 1927 als Martin Johannes Walser in Wasserburg am Bodensee, wuchs er als Sohn einer Kohlenhändlerfamilie auf. In einer SWR-Doku zum 90. Geburtstag erinnert sich der Schriftsteller, wie er als Teenager Kohlen an die Weltkriegswitwen verteilen musste. In dem Roman „Ein springender Brunnen“ (1998) verarbeitete er die Nachricht über den Tod seines Bruders an der Front. Für die Abiturfeier schrieb er ein 120-strophiges Spottgedicht über eine Lehrerkonferenz, inspiriert von Heine. Der Rektor wollte ihm das Abitur wieder aberkennen – wegen Unreife. Das letzte Kriegsjahr erlebte Walser als Soldat der Wehrmacht. Kurz darauf heiratete er seine Frau Käthe, mit der er vier Töchter hat.

Walsers virtuose Sprachkünste zeigen sich in brillanten Sätzen wie „Ich schaue nicht hin, wenn das Leben an mir vorbeigeht. Ich will das Leben, das an mir vorbeigeht, nicht sehen“ (aus „Mein Jenseits“, 2010). Immer wieder verortet Walser sich als Künstler. In dem Roman „Die Inszenierung“ (2013) ist der Protagonist, ein „mit Prominenz gepanzerter Regisseur“, klar als sein Alter Ego zu erkennen.

Walsers Werke aus dem 21. Jahrhundert kreisen um die Endlichkeit. Abgründige Gedanken überlässt er seiner literarischen Figur Meßmer, der drei Aphorismensammlungen gewidmet sind. Im Roman „Statt etwas oder Der letzte Rank“ (2017) wünscht sich der Erzähler: „Unfassbar sein wie die Wolke, die schwebt.“ Das Buch ist eine Koketterie über das Verstummen: „Dass ich noch Sätze brauchte, war kein gutes Zeichen. Erstrebenswert wäre gewesen: Satzlosigkeit. Ein Schweigen, von dem nicht mehr die Rede sein müsste.“

Walser redet gern über Tagespolitik und Liebe. Der Mann mit den Märchenerzähler-Augenbrauen wirkt neugierig und fordert zu scharfsinnigen Scharmützeln. Eine Respektfigur ohne Throngebaren. Walsers Neugier auf die Welt hat vor dem digitalen Zeitalter nicht Halt gemacht. Der Roman „Ein sterbender Mann“ (2016) handelt von einem Internetforum für Selbstmörder. Auf eine Emailanfrage nach seinen Geburtstagsplänen reagiert der Autor binnen Minuten („Ich kann nicht!!! Es ist alles zu viel!“).

Nina May

Justin Sullivan kann es noch: Nach fast 40 Jahren fesselt der Sänger und Gitarrist der 80er-Jahre-Band New Model Army immer noch seine – wenn auch geschrumpfte – Fangemeinde.

23.03.2017

Vortrag zum Thema Sucht von Prof. Michael Lucht in der Kulturkirche St. Jakobi

23.03.2017

Die OSTSEE-ZEITUNG verlost heute Freikarten für Konzert mit Meret Becker am Sonnabend

23.03.2017
Anzeige